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Freiwillige Quarantäne trifft auf Monotonie und kaum Privatsphäre: Klimaforscher aus Frauenfeld ist zurück von Arktisexpedition

Nach knapp vier Monaten in Dunkelheit und Kälte ist der Frauenfelder Atmosphärenchemie-Doktorand Ivo Beck von der grössten Nordpolexpedition der Geschichte heimgekehrt. Er spricht über Eisbären und die Coronapandemie. 

Mathias Frei
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Klimaforscher Ivo Beck hat zwei Monate auf dem Forschungseisbrecher «Polarstern» gearbeitet. Das Schiff hat sich in der Zentralarktis im Meereis einfrieren lassen.

Klimaforscher Ivo Beck hat zwei Monate auf dem Forschungseisbrecher «Polarstern» gearbeitet. Das Schiff hat sich in der Zentralarktis im Meereis einfrieren lassen.

(Bild: Ivo Beck)

Am 11. Februar kam das Tageslicht zurück. «Wobei es eigentlich nur ein Streifen Dämmerung war.» Ivo Beck kann sich noch genau daran erinnern.

«Als es dann wirklich hell wurde, war da ein Wow-Effekt.»

Die Vitamin-D-Tabletten hat Beck nicht gebraucht. Der Frauenfelder Klimaforscher, der mittlerweile in Zürich lebt, hat in den knapp vier Monaten nicht nur eine Unmenge wissenschaftlicher Daten gesammelt, sondern sich auch viele persönliche Notizen gemacht. Zum ersten Licht, zur Rückreise, zur Eisbärensichtung. «Ich würde sofort ein zweites Mal auf eine Arktisexpedition gehen», sagt er – trotz der teils widrigen Umstände.

Ivo Beck, als es wieder hell geworden ist.

Ivo Beck, als es wieder hell geworden ist.

(Bild: Julienne Stroeve)

Der 33-Jährige ist Teil von etwas Grossem, nämlich der grössten Arktisexpedition aller Zeiten namens Mosaic. Seit 3. April ist Beck zurück in der Schweiz. Ende November hatte er im norwegischen Tromsö einen Eisbrecher bestiegen, der ihn im zweiten von sechs Forscherteams zum Expeditionsflaggschiff «Polarstern» in die Zentralarktis brachte. Die Hinreise dauerte knapp drei Wochen. Dann zwei Monate Forschungsarbeit auf der «Polarstern», sieben Tage in der Woche. Die Rückreise verzögerte sich. Eigentlich hätte der Doktorand in Atmosphärenchemie schon Anfang März zurück sein sollen. Aber bei einer solchen Expedition spielt eben auch das Wetter mit. Ein Sturm war der Grund für die verspätete Heimreise.

«Polarstern» driftet ein Jahr durch die Arktis

«Mosaic» (Multidisciplinary drifting Observatory for the Study of Arctic Climate) ist die grösste Arktisexpedition aller Zeiten. Ziel der Expedition ist es, «die komplexen und derzeit nur unzureichend verstandenen Klimaprozesse der zentralen Arktis zu untersuchen […] und zu verlässlicheren Klimaprognosen beizutragen». Das Projekt des Alfred-Wegener-Instituts aus Bremerhaven dauert von Herbst 2019 bis Herbst 2020. Flaggschiff ist der Forschungseisbrecher «Polarstern», der am 20. September im norwegischen Tromsö in See gestochen ist. In einer ersten Phase ist die «Polarstern» von Versorgungsschiffen aus Russland, China und Schweden begleitet worden. Später erfolgt die Versorgung per Flugzeug oder Helikopter. Das Flaggschiff hat sich in der Zentralarktis im Meereis einfrieren lassen, um dann die Eisdrift mitzumachen, also die Bewegung des Eises in eine Hauptrichtung. In mehreren Etappen arbeiten insgesamt 600 Forscher vor Ort. Sie stammen aus 19 Ländern. Das Expeditionsbudget beträgt 140 Millionen Euro. (ma)

Jetzt hat Beck noch ein paar Tage frei. Dann geht die wissenschaftliche Nachbereitung seiner Expeditionszeit los. Sein Doktorat dauert jetzt noch drei Jahre. Weil Becks Betreuerin neu an der ETH Lausanne forscht, ist auch sein Doktorat vom Paul-Scherrer-Institut dorthin gezügelt. Die Daten der Mosaic-Expedition werden die Basis für seine Doktorarbeit bilden.

Viel Monotonie und wenig Privatsphäre

«Das war eine andere Welt», sagt Beck. «Aufgrund der gut zweieinhalb Monate in totaler Dunkelheit irgendwie unwirklich.» Der Frauenfelder spricht von der Monotonie auf dem Forschungsschiff, auf dem er gearbeitet und gelebt hat. Im Normalfall wurde um 18 Uhr die Gangway vom Schiff zum Eis hinunter hochgezogen. Tagsüber Arbeit, abends in der Bar oder zu Besuch bei Freunden in einem Zimmer.

«Weil es nur Doppelzimmer gab, hatte man selten Zeit für sich selber.»
Aurora borealis während der Rückreise auf dem Eisbrecher «Kapitan Dranitsyn».

Aurora borealis während der Rückreise auf dem Eisbrecher «Kapitan Dranitsyn».

(Bild: Ivo Beck)

Er teilte das Zimmer mit einem Luxemburger von der Uni Göteborg. An Mittwochabenden ging Beck jeweils mit einer Gruppe zum Langlauf aufs Eis. Einmal fand ein Fussballturnier statt, bei Minustemperaturen, die den Schweiss zum Frieren brachten, und auf Schnee statt Rasen. Willkommene Abwechslung brachten die Weihnachts- und die Silvesterfeier. Die Arbeit, die höchste Konzentration verlangte, und die nicht optimale Work-Life-Balance haben Beck geschlaucht, körperlich und psychisch zugleich. «Es war gewissermassen eine frei gewählte Quarantäne», sagt er. Zeit, um mal den Kopf zu lüften, gab es keine. In die Schweiz hielt er nur mit der Familie und den engsten Freunden Kontakt.

Auch von der Coronapandemie bekam er erst verzögert mit. «Es gab zwar eine kleine Bordzeitung in Englisch und Deutsch.» Aber anfangs habe man das Ausmass der Krise noch nicht richtig einordnen können. Kein Wunder, war doch Covid-19 ganz weit weg vom Forschungsschiff in der Zentralarktis.

«Wir dachten zuerst, das sei nur eine Grippe.»
Ein Eisbahr, gesichtet während der Rückreise auf dem Eisbrecher «Kapitan Dranitsyn».

Ein Eisbahr, gesichtet während der Rückreise auf dem Eisbrecher «Kapitan Dranitsyn». 

(Bild: Ivo Beck)

Alle seien stark auf ihre Forschungsarbeit fokussiert gewesen. Beck hatte sich in seinem Laborcontainer mit Aerosol-Partikeln befasst, also festen oder flüssigen Schwebeteilchen in der Luft. Die Arbeit sei im erwartbaren Rahmen verlaufen, sagt der Klimaforscher. Probleme bereitete ihm lediglich der Ausfall eines wichtigen Messgeräts, das er nicht reparieren konnte.

Beck spricht von der Sinnhaftigkeit seiner Arbeit. Und dann erzählt er von den «herzigen Eisbären», die er auf der Rückreise gesehen hat, und von der unendlichen Weite der Landschaft, wenn es hell ist. «Das war atemberaubend.»

Ein erster Schimmer von Dämmerung nach der langen Dunkelheit.

Ein erster Schimmer von Dämmerung nach der langen Dunkelheit.

(Bild: Ivo Beck)
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