Frauenstreik kommt in den Thurgauer Grossen Rat +++ Präsidentin der Frauenzentrale: «Die Diskussion ist eröffnet und reisst auch nicht ab»

Dem Thurgauer Frauenstreik folgt nun ein politischer Vorstoss. Auch die Präsidentin der Frauenzentrale betont, dass das Thema mit dem Streik keineswegs erledigt sei – im Gegenteil.

Larissa Flammer
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SP-Kantonsrätin Edith Wohlfender (3.v.l.) am Frauenstreik in Frauenfeld. Neben ihr die Mitorganisatorinnen Annina Villiger, Antonella Bizzini und Eliane Wenger von der Frauenzentrale und der Infostelle Frau+Arbeit. (Bild: Andrea Stalder)

SP-Kantonsrätin Edith Wohlfender (3.v.l.) am Frauenstreik in Frauenfeld. Neben ihr die Mitorganisatorinnen Annina Villiger, Antonella Bizzini und Eliane Wenger von der Frauenzentrale und der Infostelle Frau+Arbeit. (Bild: Andrea Stalder)

Als einen «Affront» bezeichnet Edith Wohlfender eine Aussage von Regierungspräsident Jakob Stark am Frauenstreik. Die SP-Kantonsrätin war eine der Mitorganisatorinnen des Streiks im Thurgau und hat am Mittwoch im Grossen Rat eine Einfach Anfrage eingereicht.

Dort schreibt sie: «Wir Frauen haben es satt, auf die Gleichstellung zu warten.» Seit 1981 sei diese in der Verfassung verankert. Der Thurgauer Regierungspräsident habe die Frauen vergangenen Freitag am Streik vertröstet und gesagt, sie seien ja jetzt auf dem Basiscamp und es brauche halt noch etwas Geduld, bis sie auf dem Mount Everest ankommen können. Dies sei – 38 Jahre nach dem Verfassungsartikel – ein Affront, heisst es im Vorstoss: «Rechte sind keine Privilegien!»

Regierung wird an runden Tisch gebeten

Ihre Anfrage betitelt Edith Wohlfender mit «Frauenstreik Thurgau – Was können wir vom Regierungsrat erwarten?». Sie schreibt:

«Wir Frauen wollen Antworten und vor allem die politische Unterstützung seitens der Regierung für Massnahmen, damit die Gleichberechtigung von Frau und Mann nicht nur in der Bundesverfassung steht.»

Die Kantonsrätin will wissen, was der Regierungsrat mit den verschiedenen Forderungen und Anliegen zu tun gedenkt und wie die Antworten an die Frauen zurückgemeldet werden. Sie fragt, ob sich die Regierung vorstellen kann, mit Frauen und Verbänden von Frauenberufen an einem runden Tisch die Forderungen sowie mögliche Lösungen zu diskutieren.

Weiter will sie erfahren, ob der Regierungsrat die Förderung der Gleichstellung von Mann und Frau auf die Agenda setze und welche spezifischen Genderthemen er fokussiere. Die letzte Frage betrifft die ungleichen Löhne. «Welche Massnahmen trifft der Regierungsrat gegen die Lohnungleichheit? Kann er sich vorstellen, bei den Zulieferern die Lohncharta einzufordern?»

Edith Wohlfender schützt sich und Regierungspräsident Jakob Stark am Frauenstreik vor der Mittagssonne. Jungautorin Flora Hausammann präsentiert ihre Forderungen. (Bild: Andra Stalder)

Edith Wohlfender schützt sich und Regierungspräsident Jakob Stark am Frauenstreik vor der Mittagssonne. Jungautorin Flora Hausammann präsentiert ihre Forderungen. (Bild: Andra Stalder)

Nach dem Streik sagte Jakob Stark gegenüber unserer Zeitung, dass die Forderungen nun aufgelistet und die Zuständigkeiten geklärt werden, bevor im Regierungsrat über das weitere Vorgehen beschlossen wird. Im Minimum werden alle Absenderinnen eine Antwort erhalten. «Im Verlauf des Herbsts», sagte Stark am Freitag.

Die Existenz der Fachstelle ist noch immer ungesichert

Dass der Aufmarsch in Frauenfeld mit 250 Personen so gross wird, hätte Annina Villiger nicht gedacht. Die Präsidentin der Frauenzentrale Thurgau hat den Streik mitorganisiert und sagt:

«Es zeigt, dass auch im Thurgau die Themen wichtig sind.»

Nicht etwa hysterische Emanzen seien auf die Strasse gegangen, sondern ganz normale Frauen, die sich für eine Thurgau-taugliche Lösung einsetzen.

Als die wichtigsten Forderungen der Kundgebung nennt Villiger die Lohngleichheit, die Anerkennung von Care-Arbeit und den Vaterschaftsurlaub. Auch für die schlecht bezahlten Frauenberufe brauche es neue Modelle, die jetzt diskutiert werden müssten. Das betont Villiger:

«Die Diskussion ist eröffnet und reisst auch nicht ab.»

Die Frauenzentrale und die ihr angegliederte Infostelle Frau und Arbeit befassen sich seit Jahren mit der Gleichstellung. Die Infostelle berät über 1000 Frauen pro Jahr. Wegen gestrichener Bundesgelder ist sie aber immer noch auf Geldsuche.

Mit der nächsten Veranstaltung will die Frauenzentrale vor allem auch Kontakte zu jungen Frauen knüpfen. Am 11.September geht es in Amriswil um eine Wegleitung für junge Frauen im Beruf. Zu Gast ist die Autorin des Buches «#Frauenarbeit».

Nach der Übergabe der Forderungen in Frauenfeld treffen die Teilnehmerinnen des Frauenstreiks auf den Marktplatz in Weinfelden ein. (Bild: Andrea Stalder)

Nach der Übergabe der Forderungen in Frauenfeld treffen die Teilnehmerinnen des Frauenstreiks auf den Marktplatz in Weinfelden ein. (Bild: Andrea Stalder)

Wegen Geldsorgen: Thurgauer Beratungsstelle sucht Gönner

Die Infostelle Frau und Arbeit in Weinfelden hat Geldsorgen. Der Bund streicht seine Beiträge, weshalb ab 2019 ­jährlich 100'000 Franken fehlen. Um das rege genutzte Angebot zu erhalten, sind 500 Spender gesucht.
Larissa Flammer