Frauenschicksal
«Eine Schande, ein Weib zu sein»: Auf der Spur der illegalen Pfarrerin

Greti Caprez-Roffler war die erste Pfarrerin, die in der Schweiz alleinverantwortlich eine Gemeinde betreute. Der Weg dorthin war für die Theologin und Mutter steinig und entbehrungsreich. Eine Tochter lebt heute in Pfyn. Und deren Nichte Christina Caprez hat nun ein Buch geschrieben.

Drucken
Teilen
Drei Frauen, eine Familie: Autorin Christina Caprez (links), Enkelin der Pfarrerin, Elsbeth Schmid-Caprez (Mitte), Tochter der Pfarrerin, und Christine Schmid, Tochter von Elsbeth Schmid.

Drei Frauen, eine Familie: Autorin Christina Caprez (links), Enkelin der Pfarrerin, Elsbeth Schmid-Caprez (Mitte), Tochter der Pfarrerin, und Christine Schmid, Tochter von Elsbeth Schmid.

Bild: Regula Brunner

Es war im September 1931: Greti Caprez-Roffler wühlte nicht nur die Gemüter der evangelischen Kirchenbehörden in Chur auf, sondern machte Schlagzeilen in aller Welt. Ihre Enkelin Christina Caprez hat das Leben und Wirken dieser gebildeten und starken Frau in einem Buch nachgezeichnet. Beim Herbstanlass des Thurgauer Frauenarchivs las sie aus ihrem Werk.

Lange bevor die Ordination weiblicher Pfarrerinnen von den Kirchenoberen beziehungsweise der Kirchenverfassung zugelassen war, wählte die Gemeinde Furna Greti Caprez-Roffler zur Pfarrerin. Vorgeschlagen worden war sie von ihrer eigenen Mutter, der Pfarrersgattin Elsbeth Roffler-Luk. Doch der Evangelische Rat des Kantons Graubünden erklärte die Wahl für ungültig. Trotzdem übersiedelte Greti Caprez mit ihrem neunmonatigen Sohn und einer Haushalthilfe nach Furna.

Vermögen der Kirchgemeinde gesperrt

Ihr Ehemann, ein Ingenieur ETH, arbeitete derweil in Pon­tresina und Zürich. Sie sahen sich daher nur am Wochenende. Das Glück, endlich dem «inneren Feuer», dem Predigen und Seelsorgen, nachleben zu dürfen, währte nicht lange. Der Evangelische Rat sperrte der Gemeinde Furna das Vermögen, und so wurde Greti Caprez nicht entlöhnt. In ihr Tagebuch schrieb sie damals:

«Ich habe es zuvor vielleicht geahnt, aber noch nie mit so grausamer Deutlichkeit erfahren müssen: Dass es eine Schande ist, ein Weib zu sein.»

Bis 1934 arbeitete sie für Gottes Lohn. Danach zog sie zum ihrem Mann nach Zürich, der in der Zwischenzeit ein Zweitstudium in Theologie begonnen hatte. In der Folge bestimmten seine Anstellungen, wohin es die Familie verschlug. Im besten Fall konnten die Eheleute als Pfarrer im Jobsharing tätig sein. Mehr als einmal war sie am neuen Ort aber nur als schlecht bezahlte Pfarrhelferin geduldet. Der Anfeindungen und Widerstände waren viele.

Die Buchautorin Christina Caprez beschreibt differenziert die aussergewöhnliche Emanzipationsgeschichte einer sechsfachen Mutter, die auch ihrem Beruf, ihrer Berufung nachgehen wollte. Erst im Jahr 1963, also 33 Jahre nach ihrem Staatsexamen als Theologin, wurde Greti Caprez-Roffler im Zürcher Grossmünster ordiniert.

Die Leseproben, abwechselnd mit weiteren Erläuterungen und Bildern, waren so spannend, dass das rund 50 Personen zählende Publikum weit über eine Stunde gebannt den Ausführungen der Buchautorin lauschte. Die Soziologin und Historikerin ist eine Enkelin der illegalen Pfarrerin.

Eine Tochter der Pfarrerin lebt heute in Pfyn

Die Ansichten von Greti Caprez zur Ehe und der dort gelebten inneren Welt (der Hausfrau) und der äusseren Erwerbswelt (des Mannes), zur Monogamie, zu Bibeltexten, waren damals revolutionär und könnten aus der heutigen Zeit stammen. Bereichert wurden die gelesenen Abschnitte durch die Anwesenheit der Tochter der Pfarrerin, Elsbeth Schmid-Caprez aus Pfyn, die persönliche Erinnerungen beisteuerte. Der Thurgauer Regierungsrat hatte es Greti Caprez verboten, das erste Kind ihrer Tochter Elsbeth selbst zu taufen.

Regula Gonzenbach, Präsidentin des Thurgauer Frauenarchivs, wies in ihrer Begrüssung auf die Wichtigkeit von (Frauen-)Archiven hin. Denn solche Frauengeschichten, die weit über das Familiäre hinaus eine geschichtliche Bedeutung haben, könnten ohne die in Archiven lagernden Dokumente nicht für die Nachwelt aufbereitet werden. (pd)

Aktuelle Nachrichten