Frauenfelder Gericht befasst sich mit ungetreuer Geschäftsführung in der Kebab-Branche

Zwei ehemalige Geschäftspartner liegen sich vor dem Bezirksgericht Frauenfeld in den Haaren. Der eine soll Bareinnahmen unterschlagen und damit im Aargau eine Konkurrenzfirma zur Herstellung von Kebabspiessen aufgebaut haben.

Stefan Hilzinger
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Zubereitung eines Döner-Kebabs im Fladenbrot. (Bild: Gaëtan Bally/Keystone)

Zubereitung eines Döner-Kebabs im Fladenbrot. (Bild: Gaëtan Bally/Keystone)

«Jetzt, wo ich das lese, weiss ich nicht mehr, was ich damit gemeint habe.» Schon mehr als drei Stunden plädiert der Staatsanwalt vor dem Bezirksgericht Frauenfeld. Führt aus, warum der Hauptbeschuldigte in dieser Sache, der gebürtiger Türke I. A., seinen Schweizer Geschäftspartner P. S. über den Tisch gezogen habe, und mit nicht abgelieferten Bareinnahmen eine Konkurrenzfirma aufzubauen.
Stoisch blickt die Bezirksrichterin zum Vortragenden. Hier und da rascheln Papiere.

Nach vier Stunden sagt der Staatsanwalt: «Jetzt sind wir durch.» Was durchaus auch im übertragenen Sinn gemeint war. Vor dem inneren Auge der Zuhörenden entwickelt sich ein Film, der bunter ist, als das neblig-graue Einerlei des November-Dienstags, an dem das Gericht die mutmassliche mehrfache, ungetreue Geschäftsführung verhandelte.

«Meine einzige Schuld ist, dass ich keine Schulbildung habe», sagt der 55-jährige I. A. Zwei Jahre Schule habe er genossen, mehr nicht. Mit Mitte Zwanzig kommt er in die Schweiz, deren Bürgerrecht er inzwischen hat. Er sei Koch und Metzger, gibt er in der Befragung via Dolmetscherin zu Protokoll. Derzeit arbeitslos und psychisch angeschlagen. Der Mann, der seine Sporen im Kebab-Business im Zürcher Niederdorf abverdiente sagt:

«Es gab Zeiten, da machte ich anderthalb Millionen Franken Umsatz im Monat»

I.  A.s Firma in der Region Frauenfeld stellt Kebab-Spiesse her. Um die Mitte der Nullerjahre läuft das Geschäft nicht mehr so gut. Rentner P. S. aus dem Thurgau kommt als neuer Geschäftspartner ins Boot. Er übernimmt die Hälfte des Firmenkapitals und will künftig zum Rechten schauen. Er sei der Geschäftsführer, sagte P. S. in der Befragung. Doch so richtig zu wissen, was in der Firma abgeht, scheint er in der fraglichen Zeit nicht.

Die Buchhaltung war grundsätzlich in Ordnung

Der Kopf der Firma, zumindest gegenüber den Kunden sei I. A. gewesen, der faktische Geschäftsführer, sagt der Staatsanwalt. Er überwacht die Produktion, liefert die Ware aus, und kassiert bei den Kunden ein. Oftmals bar und nicht immer gegen Quittung. «Nicht gerade so, wie ich es in der hiesigen Geschäftswelt erwarten würde», bemerkt der Staatsanwalt. Obwohl, die Buchhaltung sei grundsätzlich in Ordnung gewesen.

Dann, ab Anfang 2012 bis gegen Ende 2013, soll I. A. Dutzende Male bei Kunden einkassiertes Bargeld eingestrichen und nicht abgeliefert haben. Das will die Staatsanwaltschaft dem Beschuldigten nachweisen. «Die Ermittlungen dauerten lang, darum ist auch mein Plädoyer lang», sagt der Staatsanwalt. Jedenfalls ist für ihn nun klar, wie der «Döner-Dreh» funktioniert habe.

Dürüm ist die gerollte Kebab-Variante im Fladenbrot.

Dürüm ist die gerollte Kebab-Variante im Fladenbrot.

Enthäutungsmaschinen und Schockgefrierer

Von Anfang bis Mitte 2013 tätigte E. A., der mitangeklagte Sohn von I. A., Anschaffungen für eine Kebabspiess-Produktion im Kanton Aargau. «Enthäutungsmaschine Maja: 5000 Franken, Montagearbeiten Schockgefrierer 41658 Franken und anderes listete die Anklageschrift auf. Gut 140000 Franken fliessen in den Aufbau der neuen Firma, die im Oktober 2013 als AG ins Handelsregister eingetragen wird.

Die Verbindung vom Thurgau in den Aargau und von Vater zu Sohn hat der Geschäftspartner festgestellt. «Unsere Geschäfte liefen nicht so, wie sie sollten, rückwärts statt vorwärts», sagt P. S. Er sei misstrauisch geworden und sei I. A. nachgefahren und habe gesehen, wie dieser zur neuen Firma im Aargau fuhr. «Zuerst wollte ich ihm meinen Anteil an der Firma wieder verkaufen, um aus der Sache rauszukommen», sagt P. S. Er habe seinem Geschäftspartner immer viel Vertrauen geschenkt. «Er kennt die Branche und kann Türkisch.»

Doch als I. A. nicht kaufen wollte, sei er zu Polizei gegangen, und die habe gesagt, das sei ein Fall für die Staatsanwaltschaft. Für sie ist nach vier Jahren Ermittlung klar: Die Mittel für die Anschaffungen sind die unterschlagenen Einnahmen. Denn I. A. habe zum fraglichen Zeitpunkt über kein nennenswertes Vermögen verfügt. Der Staatsanwalt nimmt Vater und Sohn auch nicht ab, dass die Mittel aus einer Erbschaft oder von einem Kredit stammen, den ein Onkel Faik in der Türkei gewährt haben soll. «Warum gibt es keine Belege?», fragt der Staatsanwalt. Er sagt weiter:

«Das gleicht einer wundersamen Geldvermehrung wie aus Tausendundeiner Nacht.»

Weil I. A. die Gelder seinem Sohn überlassen habe, und weil er die Gelder teilweise auch in die Türke transferiert haben soll, wirft die Staatsanwaltschaft ihm und dem Sohn Geldwäscherei vor. Der Sohn mache sich auch der Hehlerei schuldig. Ausserdem seien Fabrikationsgeheimnisse verletzt worden.

«Als Dieb dargestellt und schlecht gemacht»

I. A. sieht sich als Opfer einer Intrige. «Diese Anschuldigungen entspringen einem Szenario, das P. S. gegen mich aufgebaut hat», sagt er mehrmals in der Befragung. Kurz nachdem P. S. Anzeige erstattete, habe dieser ihn bei den Kunden als Dieb dargestellt und schlecht gemacht. P. S. habe Kunden dafür bezahlt, bei der Staatsanwaltschaft gegen ihn auszusagen. Er habe seine Karriere ruiniert. Was er zu den Anschuldigungen der Staatsanwaltschaft sage, will die Richterin wissen? Die stimmten nicht, sagt er. «Ich beschmutze nicht die Milch, die mich ernährt», übersetzt die Dolmetscherin und fügt an: «Das heisst: ‹Ich lüge nicht›.»

Auf Pump und gegen Bares

Vier Tage verhandelt das Bezirksgericht Frauenfeld den Fall von mutmasslicher ungetreuer Geschäftsführung in der Kebab-Branche. Noch haben die Verteidiger der beiden Beschuldigten, Vater und Sohn A., ihre Plädoyers nicht gehalten. Die Urteilseröffnung ist für Mitte Dezember vorgesehen. Das komplexe Verfahren dauerte vier Jahre und füllt bei der Thurgauer Staatsanwaltschaft mehrere Dutzend Bundesordner an Akten.

Die Befragung der beiden Beschuldigten, des Privatklägers, das stundenlange Plädoyer des Staatsanwalts und die Anklageschriften bieten Einblick in eine Branche mit besonderen Gesetzmässigkeiten.
So binden die Produzenten von Kebab-Fleischspiessen ihre Abnehmer offenbar gerne mit kleineren oder grösseren Darlehen an sich.

Bei einem Wechsel von einem zum anderen Lieferanten übernimmt der neue dann gelegentlich auch diese Schulden. Lieferungen werden mit Vorliebe gegen Bares getätigt. Der Staatsanwalt sprach in Bezug auf den aktuellen Fall von einem «rudimentären Inkassowesen mit kaum Banküberweisungen».

Auch Privatkläger P.S. gewährte zu Beginn der Geschäftsbeziehung seinem neuen Partner I.A. einen Kredit in der Höhe von 60000 Franken. Das erklärte der Beschuldigte auch auf eine Frage des Staatsanwalts hin.
Wofür er das Geld verwendet habe, wollte der Staatsanwalt weiter wissen. «Für die Mafia, weil unser Leben in Gefahr war», gab der Beschuldigte zur Antwort. (hil)