Frauenfelder Berufsschule hat ohne grössere Probleme auf digitalen Fernunterricht umgestellt

Das Bildungszentrum für Technik in Frauenfeld profitiert in der Corona-Krise davon, dass alle Schüler über ein eigenes Gerät verfügen.

Sebastian Keller
Hören
Drucken
Teilen
Elektronik-Lehrer Roger Zuber und Rektor René Strasser erläutern das virtuelle Klassenzimmer

Elektronik-Lehrer Roger Zuber und Rektor René Strasser erläutern das virtuelle Klassenzimmer

Reto Martin

Kein Klatsch, kein Tratsch, keine Handschläge: Im Bildungszentrums für Technik (BZT) in Frauenfeld dominiert an diesem Morgen Stille. Ein Desinfektionsmittel im Gang und die roten Plakate, die mittlerweile zahlreicher hängen als jene von Popstars, liefern den Grund: Die Corona-Pandemie, oder besser gesagt der Kampf dagegen, hat auf einen Schlag die Schulhäuser zwischen Bodensee und Genfersee geleert.

Am BZT drücken normalerweise um die 1000 Lehrlinge die Schulbank. Das tun sie weiterhin – nur ist die Schulbank ihr Sofa oder das Pult in den eigenen vier Wänden. Das Klassenzimmer ist kurzerhand in den virtuellen Raum gezügelt.

Lehrer chattet mit Schülern

Lehrer Roger Zuber steht an seinem Stehpult, Laptop und Bildschirm vor sich. Das Zimmer ist menschenleer. An den Wänden sind Drohnen ohne Kunststoffmantel, Kabel in allen Farben des Regenbogens hängen wie Jacken an einer Garderobe. Zuber unterrichtet Elektronik. Auch jetzt. Sieben Elektronik-Lehrlinge sind ihm via Teams, einer Chat- und Teamarbeit-Software, zugeschaltet.

An diesem Morgen lösen sie Aufgaben. 22 Fragen zu Elektrostatik und Optik. Sind sie fertig, speichern sie ihr Aufgabenblatt samt aufgezeichnetem Lösungsweg. Zuber sieht jederzeit auf seinem Bildschirm, wie weit jeder Schüler ist. «Macht jetzt mal Pause», sagt der Lehrer ins Mikrofon. In einer Viertelstunde sind alle zurück, auch wenn sie nicht da sind. Pünktlichkeit auf Distanz.

Das BZT treibt den digitalen Unterricht voran

Zubers Fazit nach den ersten Tagen digitalen Fernunterrichts: «Es geben sich alle Mühe und sind dabei.» Die Disziplin der Schüler sei hoch. Die Umstellung sei für ihn «relativ problemlos verlaufen». Zuber beschäftigt sich – wie viele am BZT – seit mehreren Jahren mit dem Konzept BYOD (Bring your own device – Bring dein eigenes Gerät mit).

René Strasser, Rektor des Bildungszentrums für Technik, Frauenfeld.

René Strasser, Rektor des Bildungszentrums für Technik, Frauenfeld.

Archiv

Das heisst auch: Der eigene Laptop oder das eigene Tablet waren schon vor den Corona-Wirren eines der wichtigsten Arbeitsgeräte. Seit vergangenem Sommer arbeiten alle neuen Klassen im BYOD-Modus. Und zwar nicht nur die Informatiker und Elektronikerinnen, sondern auch Metallbauer und Haustechnikerinnen. BZT-Rektor René Strasser während eines Schulbesuchs:

«Das zahlt sich jetzt aus.»

Seit einer Woche wird in der beruflichen Grund- und Weiterbildung wie auch in der Berufsmaturitätsschule der digitale Fernunterricht praktiziert. Strasser betont, dass es in der Corona-Zeit ein grosses Ziel gebe: «Weiter bilden!» Die Idee dahinter: Die Schüler sollen im Sommer den Übertritt ins nächste Lehrjahr schaffen. Oder das ganz grosse Ziel einer jeden Lehre: die Lehrabschlussprüfung.

Strasser fügt hinzu: «Ich finde es auch wichtig, dass die Jugendliche eine sinnvolle Beschäftigung haben und ein Stück weit Normalität erleben.» Dies sei nur möglich, weil die Lehrerinnen und Lehrer Sondereinsätze leisten. «Jetzt machen alle einen Sprint, obwohl wir einen Marathon vor uns haben.» So illustriert der Rektor die aktuelle Herausforderung. Er sei froh, dass in einer Woche Frühlingsferien sind. «Das gibt uns Luft.»

Für Lehrerin fällt der Arbeitsweg weg

Sarah Spiess sitzt in einem kleinen Vorbereitungszimmer. Vor sich mehrere Bildschirme, ein Kopfhörer mit Mikrofon am Ohr wie man es von Callcentern kennt. Die Lehrerin für Mathematik und Physik an der Berufsmaturitätsschule des BZT hat das Wochenende durchgearbeitet. Corona-bedingt.

«Normalerweise», sagt sie, «arbeite ich in dieser Zeit von zu Hause aus.» Die Anreise falle weg. Ein Vorteil. An diesem Morgen lösen ihre Schüler Aufgaben zur Vektorgeometrie. Dafür hat Spiess ein Lernvideo erstellt, Erklärungen in bewegten Bildern. «Der Vorteil ist, dass sich jeder dem Stoff in seinem Tempo nähern kann», sagt Spiess. Doch auch Nachteile gibt es: «Ich sehe und spüre die Reaktion der Klasse nicht.»

Auf dem Bildschirm ploppt ein Fenster auf. Ein Schüler ruft sie an. Er erscheint auf ihrem Bildschirm, im Hintergrund ist sein Zimmer zu sehen. Er hat eine Frage zum «Schnittpunkt auf zwei Geraden». Lehrerin Spiess erklärt ihm, wie er das Problem mit dem Taschenrechner lösen kann. Der Schüler bedankt sich. Das Fenster verschwindet.

Ein Videochat ist in Zeiten des Corona-Virus das höchster aller Gefühle an sozialer Interaktion. Rektor Strasser sagt es so: «Ich vermisse die Lehrer, die Lehrer vermissen die Schüler.» Er sei enorm stolz, wie alle am gleichen Strick ziehen – auch wenn es ein virtueller ist. Doch er sieht auch einen positiven Effekt: Es werde im ganzen Land einen Digitalisierungsschub geben. Das BZT sei dafür schon länger in den Startlöchern. «Wir waren bereit.»

Der Präsenzunterricht hat noch Zukunft

Hinter dem Pult von Claudia Litscher ist die schwarze Wandtafel leer. Auf der Gegenseite hängt eine grosse Weltkarte. Die Karte einer Welt, wie sie war, bevor ein Virus den Taktstock übernommen hat. Litscher unterrichtet Allgemeinbildung. In ihrem Bildschirm ist eine Klasse Produktionsmechaniker versammelt. «Die einen sind zu Hause, die andern im Park», sagt die Lehrerin. Das Thema am heutigen Morgen: Arbeitslosigkeit.

Litscher hat ein virtuelles Arbeitsblatt zusammengestellt, auf dem sich auch ein Link zu einem Radiobeitrag befindet, den die Schüler hören sollen. Danach wird geprüft, ob sie verstanden haben, was sie gehört haben. Mehrmals pro Lektion rufen Schüler an. Sie fragen, wie sie vorgehen müssen, um die Aufgabe zu lösen. Auch Fragen zu den Programmen tauchen auf.

Der direkte Kontakt fehlt

Diese Klasse war vor Corona nicht im BYOD-Modus. Bei einigen greift Litscher direkt auf den heimischen Bildschirm zu – sie nimmt die Schüler digital an die Hand. Ihr Fazit nach einer Woche: «Es macht Freude, ersetzt aber den Präsenzunterricht nicht.» Sie freue sich, wenn die Schüler wieder kommen. «Auch wenn es manchmal laut ist.»

Roger Zuber, Lehrer für Elektronik, hat mit seiner Abschlussklasse «Duzis per Netz» gemacht, wie er sagt. Das Händeschütteln holt er nach, wenn Corona für die Welt wieder ein leichtes Bier aus Mexiko ist.

Mehr zum Thema