Frauenfelder Stadtentlastung: Bevölkerung ist noch nicht überzeugt

Grundsätzlich wollen die Frauenfelder eine zentrumsnahe Stadtentlastung. Dies zeigen die Resultate der öffentlichen Vernehmlassung, die am Mittwochvormittag präsentiert wurden. Der favorisierten Variante 20 mit einem innerstädtischen Tunnel steht das Volk aber kritisch gegenüber – vor allem wegen der hohen Kosten von geschätzten 107 Millionen Franken.

Rahel Haag/Samuel Koch
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Städtisches Nadelöhr: grosses Verkehrsaufkommen am Holdertorkreisel kurz vor Mittag. (Bilder: Reto Martin)

Städtisches Nadelöhr: grosses Verkehrsaufkommen am Holdertorkreisel kurz vor Mittag. (Bilder: Reto Martin)

Die gute Nachricht zuerst: Knapp zwei Drittel sprechen sich für eine zentrumsnahe Stadtentlastung aus. Und die schlechte: Die von Stadt und Kanton favorisierte Variante 20 – ein Tunnel unter dem Stadtkern zwischen Marktplatz und Schweizerhof – erreicht keine Mehrheit. Diese Erkenntnisse gehen aus der durchgeführten öffentlichen Vernehmlassung hervor. Oder wie es Stadtpräsident Anders Stokholm an der Pressekonferenz am Mittwochvormittag formulierte: Es sei klar, dass es eine zentrumsnahe Stadtentlastung braucht.

«Doch um die 2021 vorgesehene Abstimmung zu gewinnen, müssen wir klarere Aussagen machen können.»

Ein Knackpunkt sind die erwarteten Kosten von rund 107 Millionen Franken, «wovon 40 Prozent zu Lasten der Stadt gingen», sagte Stadtingenieur Thomas Müller. Im Anschluss präsentierte er die Liste der Kriterien, die für die Variante 20 sprechen. Und die ist lang. Im Rahmen der Machbarkeitsstudie erzielte die Variante 20 unter anderem die beste Entlastungswirkung in Promenade und Vorstadt, die beste Verflüssigung des Verkehrs sowie Aufwertung von Fuss- und Veloverkehr. Zudem seien am wenigsten Liegenschaften von Lärm belästigt. «Deshalb konnten wir summa summarum zu dieser Variante stehen», sagte Thomas Müller.

Stadt will den Nutzen der Variante 20 aufzeigen

Nach wie vor sei die zentrumsnahe Stadtentlastung «ein Zahn des Mobilitätskonzepts 2030», sagte Stokholm, «und ein wichtiger dazu.» Dies müsse weitergezogen werden, «damit es seinen Biss entwickeln kann.» In einem nächsten Schritt soll nun eine vertiefte Prüfung der Variante 20 erfolgen, und gleichzeitig soll sie rein flankierenden Massnahmen gegenübergestellt werden. Diese sehen eine Verkehrsberuhigung, beispielsweise durch Tempo-30-Zonen, und Aufwertung der Innenstadt ohne eine zusätzliche Strasse vor. Stokholm nennt es «Null Plus». Im Rahmen der Machbarkeitsstudie habe sich gezeigt, dass die Wirkung dieser Massnahmen klar unter dem Mindestanspruch von 30 Prozent läge. Mit Hilfe dieser Gegenüberstellung will die Stadt den Nutzen der Variante 20 aufzeigen. An dieser Stelle hielt Regierungsrätin Carmen Haag fest: «Aus Sicht des Kantons ist es durchaus möglich, Tempo 30 auf Kantonsstrassen einzuführen.»

Informieren über die Weiterentwicklung der zentrumsnahen Stadtentlastung: Stadtingenieur Thomas Müller, Stadtrat Urs Müller, Stadtpräsident Anders Stokholm, Regierungsrätin Carmen Haag und Kantonsingenieur Andy Heller.

Informieren über die Weiterentwicklung der zentrumsnahen Stadtentlastung: Stadtingenieur Thomas Müller, Stadtrat Urs Müller, Stadtpräsident Anders Stokholm, Regierungsrätin Carmen Haag und Kantonsingenieur Andy Heller.

In diesem Zusammenhang betonte Stokholm, dass die Variante 20 nicht allein aus einem Tunnel bestünde, sondern an der Oberfläche ebenfalls flankierende Massnahmen beinhalte. Auf die Frage, wie diese im Detail aussehen könnten, sagte Stadtrat Urs Müller, Departementsvorsteher Bau und Verkehr:

«Es wäre unseriös zum jetzigen Zeitpunkt bereits darüber zu philosophieren.»

Der Fächer sei offen, sagte Thomas Müller und nannte als weitere Beispiele Einbahn, Teilsperrungen, bauliche Massnahmen oder eine Begegnungszone. «Es sind Visionen vorhanden», sagte Stadtrat Urs Müller abschliessend.

Vertiefte Prüfung kostet 1,2 Millionen Franken

Die vertiefte Prüfung wird ein gutes Jahr in Anspruch nehmen und rund 1,2 Millionen Franken kosten. Anschliessend kommt es zu einer Entscheidungsfindung von Kanton und Stadtrat. Im ersten Halbjahr 2021 soll es eine Volksabstimmung über Projektierungs- und Baukredit geben. Dann hoffe die Stadt auf ein klares Signal der Bevölkerung. «Ansonsten können wir uns die Planungskosten sparen», sagte Stokholm.

Damit sich der Bund gegebenenfalls an den Kosten für die zentrumsnahe Stadtentlastung beteiligt, müsste das Projekt beim Agglomerationsprogramm eingereicht werden. Dazu wird es vorerst aber nicht kommen. Für eine Teilnahme müsse es sich um fertige Projekte handeln, die innerhalb von vier Jahren umsetzbar seien. «Das können wir vergessen», stellte Stokholm trocken fest. Gemäss dem aktuellen Zeitplan wäre in rund sechs Jahren Baustart. «Wir müssen Gas geben, damit wir das Projekt allenfalls in der fünften Generation einreichen können», ergänzte Kantonsingenieur Andy Heller.

Nebst Variante 20: «Null Plus» mit flankierenden Massnahmen

57 Tage dauerte die öffentliche Vernehmlassung zur zentrumsnahen Stadtentlastung, deren Startschuss die Stadt mit einem Stand an der Frühjahrsmesse Ende März gab und nach zwei Fokusveranstaltungen am 18. Mai abschloss. Von den tausenden Formularen, welche die Stadt in alle Haushalte versandte, sind mit 460 Antworten «eine beträchtliche Menge Stellungnahmen eingegangen», wie Urs Müller als Departementsvorsteher Bau und Verkehr am Mittwochvormittag orientierte. 17 der Formulare füllten Organisationen wie Parteien oder Interessensgemeinschaften aus, Privatpersonen den Rest. Die Grundsatzfrage, ob eine zentrumsnahe Stadtentlastung als notwendig erachtet wird, beantworteten 59 Prozent mit Ja, 36 mit Nein. Unter den Organisationen gab es gar über zwei Drittel Fürsprecher. «Das zeigt, dass eine Entlastungsstrasse, in welcher Form auch immer, unterstützt wird», sagte Müller. Als wichtig oder sehr wichtig stuft die Bevölkerung folgende positive Auswirkungen einer zentrumsnahen Entlastungsstrasse ein: Verbesserung der Verkehrssicherheit (88 Prozent), Aufwertung des Zentrums (86 Prozent) sowie Reduktion des motorisierten Individualverkehrs in der Innenstadt (85 Prozent). Hingegen als unwichtig erachtet das Volk die Reduktion der Fahrzeit (61 Prozent).

Kosten und Verkehrsverlagerungen sind unerwünscht

Hinter der von Stadt und Kanton favorisierten Variante 20 mit einem unterirdischen Tunnel vom Marktplatz bis zum Schweizerhofkreisel stehen zwar mit 67 Prozent die meisten aller Fürsprecher. «Aber sie findet mit 42 Prozent Zustimmung gegenüber 50 Prozent Ablehnung keine Mehrheit», erklärte Urs Müller. Als Gründe für die Variante 20 schlagen am meisten die Entlastung der Innenstadt (24 Prozent) und die unterirdische Linienführung (elf Prozent) zu Buche. Dagegen sprechen hingegen die Kosten in Höhe von geschätzten 107 Millionen Franken (34 Prozent). Als weitere negative Folgen sieht die Bevölkerung unerwünschte Verkehrs- und Stauverlagerungen in nahe gelegene Wohnquartiere (15 Prozent). Als alternative Antworten zur Variante 20 gab rund ein Drittel keine Antwort, 15 Prozent wünschen flankierende Massnahmen mit Tempo 30 ohne neue Strasse, 13 Prozent befürworten Variante 13 – ebenfalls eine hybride Tunnelvariante von der St. Gallerstrasse, Höhe Rüegerholz, bis zum Altwegkreisel an der Bahnhofstrasse. Die restlichen Entlastungsrouten aus der Machbarkeitsstudie erreichen nur geringe Unterstützung, wobei alle Fragen teilweise auch unbeantwortet blieben.

Anregungen und Kritikpunkte fliessen in Planung ein

Obwohl die öffentliche Vernehmlassung klare Resultate zeigt, wollen Stadt und Kanton nicht zu viel hineininterpretieren, wie Stadtrat Müller erklärte. Zudem seien nebst den Formularen auch vielfältige Anregungen, Kritikpunkte und Fragen eingegangen, die statistisch nicht ausgewertet wurden. «Aber sie fliessen ebenso mit in die weitere Planung ein wie etwa die über 1600 Unterschriften gegen eine oberirdische Variante», sagte Stadtpräsident Anders Stokholm. Zwar sei die Verkehrsproblematik in Frauenfeld nicht mit jener in Jakarta oder New York City vergleichbar. «Die prognostizierte Verkehrszunahme und die mögliche Verdichtung der Frauenfeld-Wil-Bahn hin zum Viertelstundentakt aber werden zu noch grösserem Verkehrsaufkommen im Zentrum führen», sagte er. Die vertiefte Prüfung der Variante «Null Plus» mit flankierenden Massnahmen stünde neuerdings nicht wegen Vorwürfen aus der Bevölkerung im Fokus. «Wir benötigen eine Referenz zur favorisierten Variante 20, weil wir dafür noch keine Mehrheit haben», sagte Stokholm. Es gehe darum, der Bevölkerung zu zeigen, was für sie die Auswirkungen sind – auch als «Lehrblätz» für die gescheiterte F21. 

Alle Infos und Resultate zur zentrumsnahen Stadtentlastung im Internet unter: www.stadtentwicklung-frauenfeld.ch

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