Frauenfeld
Wurzeln, Flucht und Melodien: Ein Gespräch zur Frage nach dem Leben in einem fremden Land

Schriftsteller Usama Al-Shahmani und Dichter Jafar Sael haben sich am vergangenen Freitagabend, dem 15. Oktober, den Fragen von Ana Sobral gestellt. Sie ist künstlerische Co-Leiterin des Projekts «Weiter Schreiben Schweiz» und Moderatorin an besagtem Abend.

Manuela Olgiati
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Schriftsteller Usama Al-Shahmani, Dichter Jafar Sael im Gespräch mit Moderatorin Ana Sobral.

Schriftsteller Usama Al-Shahmani, Dichter Jafar Sael im Gespräch mit Moderatorin Ana Sobral.

Bild: Manuela Olgiati

Der Frauenfelder Schriftsteller Usama al-Shahmani bildet mit dem afghanischen Dichter Jafar Sael ein Tandem beim Projekt «Weiter Schreiben Schweiz». Dies ist ein Portal für Literatur aus Kriegs- und Krisengebieten, wobei Autoren, die im Exil leben, ihre Texte im Original und in deutscher Übersetzung veröffentlichen können. Judith Zwick, die Koordinatorin der Theaterwerkstatt und der Veranstaltung vom Freitagabend in der Theaterwerkstatt Gleis 5, begrüsste am Freitagabend rund ein Dutzend Besucher.

Moderatorin, Ana Sobral, die künstlerische Co-Leiterin von «Weiter Schreiben Schweiz», fragt die beiden Gäste, was es bedeutet, im Exil zu leben und zu schreiben. Wie es sich anfühlt, in einem fremden Land mit einer unbekannten Sprache zu leben, das wissen die Beiden gut. Al-Shahmani kam 2002 aus dem Irak in die Schweiz. Er wohnt mit seiner Familie in Frauenfeld und ist heute ein erfolgreicher Schriftsteller. Für Al-Shahmani ist im Exil leben Bewegung. Das Verwurzeltsein, sei eher ein grosses Feld – wie auch das Schreiben selbst. Er sagt:

«Ich denke nicht, dass Menschen Wurzeln haben.»

Eine Flucht sei planlos. Aber den Geburtsort könne niemand leugnen, schliesslich sehe man bereits am Äusseren die Identität. Das Schreiben ist Al-Shahmanis Beruf. «Ich wage es, Gedichte zu schreiben», sagt er und spricht von Erfüllung. Er liest eines der Gedichte vor. Eine Passage handelt davon, Kind zu sein. «Man sollte sein inneres Kind wieder entdecken, dafür Räume schaffen und zuhören», sagt er. Im Gespräch geht es auch um eine Zerrissenheit zwischen den Welten. Aber auch davon, neue Wurzeln zu schlagen.

Sael steht für seine Gedichte auf und rückt seine Mütze zurecht. In Afghanistan, seinem Heimatland, sei dies ein Brauch und es verleiht ihm eine würdige Ausstrahlung. «Persisch ist eine Melodie», sagt Sael. Er braucht keine Notizen, um sie abzulesen. Deutsch spricht er seit knapp drei Jahren. Sael rezitierte neben seiner persischen Lyrik auch deutsche Gedichte. «Das Mittelmeer» handelt davon, wie Flüchtlinge ertranken. Für Sael ist das Schreiben ein neuer Anfang. Er sagt:

«Exil bedeutet, weg zu sein von den Wurzeln.»

Hier habe er zwar kaum Zuhörer, dafür motiviere ihn die Freiheit weiterzuschreiben. Ab wann man integriert ist, bleibt allerdings eine Frage. «Die Leute fragen mich oft, woher ich komme», sagt Sael. Durch seine Texte möchte er akzeptiert werden. Exil ist, irgendwo zu landen, ohne es gesucht zu haben, sagt Al-Shahmani. Eigentlich seien doch alle Menschen Migranten, denn Heimat sei ein hochpolitisches Wort.

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