Ein finnischer Glücksfall: Der international tätige Schiffsmotorenbauer Wärtsilä verlegt seinen Schweizer Hauptsitz nach Frauenfeld

Nebst den steuerlichen Vorteilen ist auch die Nähe zu Winterthur ein Plus für Wärtsilä, weil Fachkräfte den Umzug eher mitmachen.

Stefan Hilzinger/Mathias Frei
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Zukünftiger Wärtsilä-Hauptsitz: Eine Visualisierung der Büroräumlichkeiten an der Schlossmühlestrasse 9.

Zukünftiger Wärtsilä-Hauptsitz: Eine Visualisierung der Büroräumlichkeiten an der Schlossmühlestrasse 9.

(Bild: PD)

«Leben statt pendeln» heisst die aktuelle Kampagne des Thurgauer Amts für Wirtschaft und Arbeit (AWA). Mit dem Umzug des Schweizer Hauptsitzes des finnischen Schiffsmotorenherstellers Wärtsilä nach Frauenfeld wird wohl der eine oder andere Thurgauer weniger nach Winterthur pendeln – im Gegenzug der eine oder andere Zürcher mehr in den Thurgau.

Daniel Wessner, Leiter des kantonalen Amts für Wirtschaft und Arbeit.

Daniel Wessner, Leiter des kantonalen Amts für Wirtschaft und Arbeit.

(Bild: Andrea Stalder)

Laut AWA-Chef Daniel Wessner habe nebst den steuerlichen Vorteilen auch die Nähe des neuen Firmensitzes zum alten eine Rolle gespielt beim Entscheid für Frauenfeld. «Fachkräfte sind weiterhin gesucht. Und es ist anzunehmen, dass die Mitarbeiter den Umzug eher mitmachen.» Bei einem ebenfalls geprüften Wechsel in den Kanton Zug wäre dies wohl weniger der Fall gewesen. Wessner hat die Berichterstattung in den Zürcher Medien verfolgt und betont:

«Wärtsilä ist auf uns zugekommen. Unsere Wirtschaftsförderung hält sich ans Gentlemen’s Agreement, wonach kein Kanton aktiv Firmen in anderen Kantonen abwirbt.»
Anders Stokholm, Frauenfelder Stadtpräsident.

Anders Stokholm, Frauenfelder Stadtpräsident.

(Bild: PD)

Das städtische Amt für Stadtentwicklung und Standortförderung hatte nur am Rande mit der Ansiedlung zu tun, was die Freude von Stadtpräsident Anders Stokholm aber nicht trübt. «Nein, wir können sozusagen nichts dafür», sagt er mit einem Lachen. «Doch wir sind offensichtlich attraktiv als Standort.» Ein Thema ist die Neubesetzung der Stelle von Standortförderer Heinz Egli, der die Stadt im April verlässt. Bei der baldigen Ausschreibung der Stelle werde man eine Akzentverschiebung vornehmen.

«Der Fokus der Stelle liegt künftig auf Wirtschaftsförderung und Kommunikation.»

Schiffsmotoren, Velos und Linsencentrum

Anita Bernhard, Immobilientreuhänderin Walter Bollag AG.

Anita Bernhard, Immobilientreuhänderin Walter Bollag AG.

(Bild: PD)

Der zukünftige Hauptsitz wird derzeit umgebaut. Der Bau an der Schlossmühlestrasse 9, wo früher Damenkleider produziert wurden, gehört der Walter Bollag AG. Die Arbeiten laufen seit vergangenem Jahr und sollen laut Anita Bernhard, Immobilientreuhänderin Walter Bollag AG, bis spätestens Anfang Mai abgeschlossen sein. Wärtsilä wird voraussichtlich Ende Juni, Anfang Juli einziehen.

Weiter zieht ein Optometrie- und Linsencentrum ein. Das Velogeschäft Pedalerie und das Fitnesscenter Activfitness bleiben an der Schlossmühlestrasse 9 weiterhin Mieter. Wärtsilä bezieht in den oberen drei Etagen, die seit dem Wegzug der kantonalen Verwaltung im Sommer 2018 leer standen, Räume auf etwas mehr als zwei Stockwerken. «Nur für Büroarbeit», wie Anita Bernhard sagt. Es gibt keine Produktionsräumlichkeiten.

Dem finnischen Botschafter gefällt der Kanton Thurgau

Felice Romano, Präsident Handelskammer Finnland-Schweiz.

Felice Romano, Präsident Handelskammer Finnland-Schweiz.

(Bild: Mathias Frei)

Wärtsilä habe einen sehr guten Ruf. Das sagt Felice Romano. Der Architekt aus Warth-Weiningen ist Präsident der Handelskammer Finnland-Schweiz und amtete bis Ende 2019 lange Jahre als Honorargeneralkonsul für Finnland in der Schweiz. «Das 1834 gegründete Traditionsunternehmen ist auf jeden Fall ein Mehrwert für Frauenfeld.» Die Kantonshauptstadt sei aufgrund der Raummieten, der Verkehrsanbindung und auch in Sachen Steuern attraktiv für Neuansiedlungen.

Timo Rajakangas, Finnischer Botschafter in der Schweiz.

Timo Rajakangas, Finnischer Botschafter in der Schweiz.

(Bild: PD)

Felice Romano begleitete vergangenen November eine skandinavische Diplomatendelegation, unter anderem den finnischen Botschafter Timo Rajakangas, bei einem Besuch im Thurgau. «Der höchste finnische Diplomat in der Schweiz hatte einen sehr guten Eindruck von unserem Kanton.» Bei Firmenansiedlungen müssten stets viele kleine Mosaiksteine zusammenpassen, sagt Romano. Dass ein in Finnland bekannter Weltkonzern wie Stadler Rail den Hauptsitz im Thurgau habe, schaffe Vertrauen in den Wirtschaftsstandort. Zudem seien auch die soften Faktoren wichtig. So sei Frauenfeld als möglicher Wohnort für Wärtsilä-Mitarbeiter durchaus lebenswert.