Frauenfeld
«Jeder Tag bringt Licht ins Dunkel»: Gefängnisinsassen haben für Weihnachten ein Coronaevangelium kreiert

Auch im Gefängnis Frauenfeld macht das Virus keinen Halt. Um gegen Coronablues anzukämpfen, hat sich Seelsorger Matthias Loretan ein Projekt für die Insassen überlegt. Entstanden ist ein Coronaevangelium mit Weihnachtsgeschichten, die die Gefangenen von Hand geschrieben haben.

Sabrina Manser
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Seelsorger Matthias Loretan hat das Projekt mit dem Coronaevangelium auch in der Psychiatrie in Schaffhausen durchgeführt ~ ein Ergebnis daraus.

Seelsorger Matthias Loretan hat das Projekt mit dem Coronaevangelium auch in der Psychiatrie in Schaffhausen durchgeführt ~ ein Ergebnis daraus.

Bild: PD

Wie findet dieses Jahr Weihnachten im Gefängnis Frauenfeld statt?

Matthias Loretan: Als Massnahme gegen die Coronapandemie sagte die Gefängnisleitung die Weihnachtsfeier ab. In den letzten Jahren luden die Seelsorger die Insassen in den Aufenthaltsraum ein. Dort wurde eine Weihnachtsgeschichte aus der Bibel oder eine moderne Geschichte vorgetragen. Dazwischen spielte eine Band. Am 25. Dezember gab zudem eine Musikgruppe der evangelischen Kirchgemeinde Frauenfeld im Innenhof ein Ständchen.

Matthias Loretan, Seelsorger im Gefängnis Frauenfeld.

Matthias Loretan, Seelsorger im Gefängnis Frauenfeld.

Bild: Andrea Stalder

Sie haben das Projekt «Mit Hand und Herz. Coronaevangelium zu Weihnachten 2020» lanciert. Worum ging es da?

Mein Kollege Andreas Gäumann und ich luden die Gefangenen ein, eine Weihnachtsgeschichte aus der Bibel oder dem Koran oder eine moderne Kurzgeschichte zu gestalten. Wie die Mönche im Mittelalter schrieben die Insassen von Hand eine ausgewählte Geschichte ab. Auf einem zweiten Blatt konnten sie mit Bildern oder Kommentaren dazu Stellung beziehen. Die Blätter wurden dann zu einem Heft gebunden und den Mitwirkenden abgegeben. Diese konnten es an ihre Angehörigen verschenken.

Was für Beiträge sind zusammengekommen?

Rund 20 Gefangene arbeiteten am Projekt mit. Schliesslich sind 14 Beiträge zusammengekommen. Parallel führte ich dasselbe Projekt mit einer Gruppe in der Psychiatrie in Schaffhausen durch. Dort wurden die Teilnehmenden zum Teil von Therapeuten unterstützt. Den Insassen im Gefängnis standen nur Kugelschreiber und Papier zur Verfügung. Zur Kommentierung oder Illustration ihrer ausgewählten Geschichten griffen die meisten auf vorhandenes Bildmaterial zurück.

Was hat Sie erstaunt?

Im Nachhinein bin ich überrascht, dass das Projekt überhaupt zu Stande gekommen ist. Männer, die bisher wohl nur selten handschriftlich einen Brief verfasst hatten, stellten sich in den Dienst eines ausgewählten Textes und setzten sich so mit seiner Botschaft und sich selbst auseinander. Für Momente im Advent dürften die Gefängniszellen zu Mönchszellen geworden sein.

Ein Auszug aus dem Coronaevangelium vom Gefängnis Frauenfeld.

Ein Auszug aus dem Coronaevangelium vom Gefängnis Frauenfeld.

Bild: Screenshot Coronaevangelium

Was war das Ziel des Projekts?

Wir wollten ein Zeichen gegen den Coronablues setzen. Um diesem lähmenden Gefühl entgegenzuwirken, luden wir die Insassen ein, etwas Aktives zu unternehmen. Die Schreibwerkstatt bot den Beteiligten die Möglichkeit, sich kreativ mit sich, Corona und Weihnachten auseinanderzusetzen.

Wie ist das Projekt bei den Gefangenen angekommen?

Mein Kollege und ich sind als Seelsorger nur je einen halben Tag pro Woche im Gefängnis. Wir waren darauf angewiesen, dass drei, vier Insassen die Schreibwerkstatt zu ihrem Projekt gemacht hatten. Sie motivierten Häftlinge zum Mitmachen, mahnten sie an die Einhaltung des Abgabetermins und waren bei Entlassungen und Versetzungen besorgt, dass die Beiträge nicht verloren gingen. Als Seelsorger konnten wir uns auf die inhaltliche Auseinandersetzung mit den Geschichten und Bildern konzentrieren. So sind etwa offene Gespräche zwischen muslimisch und christlich sozialisierten Gefangenen entstanden.