In Frauenfeld ist ein Austritt aus dem Tarifverbund Ostwind auch keine Lösung

Die CVP/EVP-Fraktion fordert günstigere Stadtbus-Einzelbillette und nimmt dabei einen Alleingang ohne den Tarifverbund Ostwind in Kauf. Der Preis allein führe nicht zu mehr Fahrgästen, sagt die Stadt.

Mathias Frei
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Ein Stadtbus begibt sich vom Bahnhof Frauenfeld auf eine Kursfahrt. (Bild: Andrea Stalder)

Ein Stadtbus begibt sich vom Bahnhof Frauenfeld auf eine Kursfahrt. (Bild: Andrea Stalder)

Stefan Geiges, Gemeinderat CVP. (Bild: PD)

Stefan Geiges, Gemeinderat CVP. (Bild: PD)

Von CVP-Gemeinderat Stefan Geiges ist man sich Ansagen gewohnt – und das ist eine: «Wenn wir Mut haben wollen, wenn wir unternehmerisch tätig sein wollen, dann werfen wir die Ostwind-Tarife über Bord und sagen, ein Billett kostet zwei Franken, Halbtax einen Franken.» Geiges sagte das Ende April, als es im Gemeinderat um die Kurzstreckentarif-Motion ging. Ein Austritt aus dem Ostwind-Tarifverbund (OTV)? Die Stadt Frauenfeld wäre einzige ÖV-Betreiberin in der ganzen Ostschweiz, die nicht im OTV wäre.

Mittlerweile hat die CVP/EVP-Fraktion nachgedoppelt. «Wir wollen mit der Vereinfachung und der Verbilligung der Einzelfahrkarten die Schwelle für Umsteiger senken und den Stadtbus als modernes und praktisches Verkehrsmittel für diese Gruppe attraktiver machen», schreibt die Fraktion in einer Medienmitteilung. Aktuell kostet ein Einzelbillett 3.20 Franken, mit Halbtax 2.60 Franken. Das ist der CVP/EVP zu viel. Jeder vierte Stadtbusfahrgast nutzt ein Einzelbillett, also 500 Fahrgäste täglich oder im Jahr 185000. Fraktionspräsidentin Julia Bünter (CVP) erklärt:

«Jeder voll besetzte Stadtbus ersetzt im Idealfall 16 volle Personenwagen.» 

OTV setzt auf Abos statt auf Einzelbillette

Die Absatzförderung von Einzelbilletten sei aber konträr zum OTV-Regime, das vor allem auf Abonnements setze, so die Wahrnehmung von CVP/EVP. Einerseits wertschätze man die Vorteile des OTV.

«Die Fraktion bedauert aber andererseits, dass es nicht gelungen ist, markt- und kundengerechte Preise für Einzelfahrkarten festzulegen.»

Bünter sagt, in letzter Konsequenz nehme man den OTV-Austritt in Kauf, um zu attraktiveren Einzeltarifen zu kommen. «Die Kosten für die Stadt sollen letztlich aber nicht steigen.»

Julia Bünter, Gemeinderätin CVP und Fraktionspräsidentin. (Bild: PD)

Julia Bünter, Gemeinderätin CVP und Fraktionspräsidentin. (Bild: PD)

Die heutige Lokalzone 921 (Frauenfeld/Gachnang) ist auf Beschluss des Gemeinderats seit 1. Juni 2009 Teil des OTV. Seither liegt die Tarifhoheit beim OTV. Jeweils auf den Fahrplanwechsel sind Anpassungen möglich. Der OTV-Tarifverbundsrat aus den beteiligten Kantonen und den vier grössten Transportunternehmen (wozu der Stadtbus Frauenfeld nicht gehört) legt die Tarife fest. Der Gemeinderat kann die Tarife aus der Stadtkasse vergünstigen. Wie schon der Beitritt wäre auch der Austritt eine politische Frage, über die der Gemeinderat befinden müsste.

Sieben Kantone und 4000 Kilometer Streckennetz

Der als Genossenschaft organisierte Tarifverbund Ostwind (OTV) umfasst 31 Transportunternehmen in sieben Ostschweizer Kantonen und dem Fürstentum Liechtenstein mit insgesamt rund 4000 Kilometer Streckennetz. Der OTV ist auch am Z-Pass beteiligt, der daneben noch den ZVV (Zürich) und die A-Welle (Aargau) umfasst. Den OTV gibt es seit 1. Juni 2009, nach dem Motto «Ein Billett für alles». Die Stadt Frauenfeld ist Gründungsgenossenschafterin. Der OTV hat aktuell einen Umsatz von rund 200 Millionen Franken. (ma)

In einem OTV-Austritt sieht Urs Ambühl, Leiter Stadtbusverwaltung, nicht die richtige Lösung. Das Prinzip von «Ein Billett für alles» biete grosse Vorteile. Ein ÖV-Angebot werde mitunter als attraktiv wahrgenommen, wenn man als Fahrgast möglichst einfach zum Billett kommt, sagt Ambühl. Oft würden diese Stadtbus-Einzelfahrgäste danach auf Bahn oder Postauto wechseln. Bei einem OTV-Austritt wären für diese Kundengruppe neu zwei Tickets nötig, für den Stadtbus und dann für die Weiterfahrt. Ambühl befürchtet, dass diese Verkomplizierung zu sinkenden Passagierzahlen führen könnte. Günstigere Billettpreise allein führten nicht zu mehr Fahrgästen. Erst im Kontext und Zusammenspiel von Taktverdichtung, Netzausbau oder auch höheren Parkgebühren werde eine ÖV-Tarifvergünstigung wirklich wirksam.

Urs Ambühl, Leiter Stadtbusverwaltung. (Bild: PD)

Urs Ambühl, Leiter Stadtbusverwaltung. (Bild: PD)

Und dann sind da noch die Kosten. Die Nettokosten für den Stadtbus lagen vergangenes Jahr bei 1,84 Millionen Franken – bei 2,44 Millionen Einsteigern. Bei den Einnahmen von 2,9 Millionen macht der Beitrag aus dem OTV-/Z-Pass-Topf den Hauptteil von 1,75 Millionen Franken aus. Dieses Geld müsste also durch einen innerstädtischen Verkehrsverbund zuerst einmal eingespielt werden. Urs Ambühl prüft zurzeit andere Ideen, um die Stadtbustarife attraktiver zu gestalten. So sind Vergünstigungen, Kombi-Abos oder spezifische Aktionen denkbar. Die Massnahmen sollen einfach verständlich sein und gesamthaft einen guten Nutzen bringen.