Frauenfeld
Aussage gegen Aussage: Bezirksgericht spricht Angeklagten vom Vorwurf der Vergewaltigung frei

Zwei Personen, zwei Geschichten, zwei Tage Verhandlung. Eine 47-Jährige beschuldigt ihren Ex-Freund, sie vergewaltigt zu haben. Der verheiratete fünffache Vater bestreitet diesen Vorwurf vehement.

Janine Bollhalder
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Das Bezirksgericht Frauenfeld musste auf Basis widersprüchlicher Aussagen eine Entscheidung treffen.

Das Bezirksgericht Frauenfeld musste auf Basis widersprüchlicher Aussagen eine Entscheidung treffen.

Bild: Reto Martin (07.02.2020)

Es steht Aussage gegen Aussage. Keine objektiven Beweise liegen vor. Was gelten kann, ist das Wort der Klägerin beziehungsweise des Klägers. Aber wer erzählt die Wahrheit – wer hat recht? Gegenstand der zweitägigen Verhandlung am Bezirksgericht Frauenfeld ist ein Ereignis vom Sommer 2019. Ein Tag wie jeder andere für den Angeklagten, wie es sein Verteidiger ausdrückt. Der 40-Jährige mit kosovarischer Staatsbürgerschaft führt seit über acht Jahren eine aussereheliche Beziehung mit einer 47-jährigen gebürtigen Nordmazedonierin. An diesem Tag besucht er sie in ihrer Wohnung, wie er es so oft bereits getan hat. Dieses Treffen zieht jedoch Konsequenzen nach sich. Die Klägerin beschuldigt den 40-Jährigen, sie an besagtem Tag zum Geschlechtsverkehr genötigt zu haben. Sie zeigt ihn erst mehrere Tage nach dem Vorfall an.

Die Befragung der Klägerin fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit und des Beschuldigten statt. Dieser hingegen sagte vor allen Anwesenden aus. Allerdings berichtet er das Geschehen fast komplett anders, als in der Anklageschrift beschrieben. Gemäss dieser hat der Angeklagte nach dem Mittag auf dem Parkplatz vor der Wohnung der Klägerin in Frauenfeld gewartet. Sie willigte nicht umgehend ein, ihn in die Wohnung zu lassen. Erst als er erklärte, etwas mit ihr besprechen zu wollen, änderte sie ihre Meinung. Was in den Aussagen des Beklagten und der Klägerin übereinstimmt? Dass der 40-Jährige, der zurzeit als Eisenleger arbeitet, nach dem Betreten der Wohnung duschen wollte.

Widersprüchliche Aussagen von beiden Parteien

Die Geschehnisse nach seinem Aufenthalt im Bad widersprechen sich. Er behauptet, es sei nach dem Austausch von Zärtlichkeiten zu einvernehmlichem Geschlechtsverkehr gekommen. Sie sagt, er habe sie mit Gewalt aufs Sofa gedrückt, ihr Handgelenk festgehalten und den Sexualakt vollzogen. Danach habe er die Wohnung verlassen. Der Beklagte widerspricht diesem Ablauf des Geschehnisses. «Ich habe bei ihr Spaghetti gegessen», sagt er. Danach habe er sie zum Arzt begleitet und sie seien nach Konstanz gefahren. Kurz darauf hätten sie sich getrennt. Grund dafür: Ein Vorfall in den gemeinsamen Türkei-Ferien. Auch diesbezüglich liegen widersprüchliche Aussagen vor: Er sagt, die Klägerin habe nach einem Streit gedroht, aus dem Fenster zu springen. Sie sagt, er habe sie geschlagen.

Heiss diskutiert wird das Motiv, das hinter der Tat steckt. Wie der Verteidiger des Beklagten sagt, gehe es der Klägerin um Rache. «Sie wünschte sich Liebe, bekam aber nur Sex.» Der Wunsch der 47-Jährigen nach einer Beziehung, die über das Körperliche hinausgeht, habe der Beklagte nicht erfüllen wollen. Er wollte bei seinen vier Kindern und seiner dazumal mit dem fünften Kind schwangeren Ehefrau bleiben. Der Verteidiger sagt:

«Nicht geliebt zu werden, ist ein starkes Motiv.»

Die Klägerin habe zwischen dem Vorfall in ihrer Wohnung und der Anzeige alles versucht, ihren Ex-Liebhaber zu einer festen Beziehung mit ihr zu überreden. Mittels unzähliger Anrufe, Warten vor seiner Wohnung sowie Nachrichten an die Ehefrau. Zum Schluss seines zweiten Vortrags sagt der Verteidiger des Beklagten: «Besteht auch nur ein kleiner Zweifel an der Schuld meines Mandanten, soll er freigesprochen werden. Denn die Konsequenzen bei einem Schuldspruch hätten für sein Leben immense Folgen.» Dem 40-Jährigen drohten eine Freiheitsstrafe von über zwei sowie eine Landesverweisung für die Dauer von zwölf Jahren.

Die Verteidigerin der Klägerin bezweifelt das Motiv der Rache und Eifersucht. «Der Angeklagte hat nicht akzeptieren wollen, dass die Beziehung beendet sein soll.» Wie in der Anklageschrift steht, habe er gesagt, dass er nicht ohne Geschlechtsverkehr aus der Wohnung gehen werde – selbst, wenn dies zwanzig Jahre Haft zur Folge hätte. Die Verteidigung des Beschuldigten fragt indes, ob die Frau sich gewehrt habe. Und führt ins Feld, dass sie nicht schrie, trat oder kratzte. Von der Anwältin der Klägerin heisst es:

«Der Angeklagte hat die Klägerin bereits in der Vergangenheit zusammengeschlagen.»

Daher sei es nur logisch, dass sie keinen weiteren Gewaltexzess heraufbeschwören wollte. Ausserdem sei die Klägerin davon ausgegangen, dass um die Tatzeit kein weiterer Bewohner im Haus sei.

Entschädigung für Zeit in Untersuchungshaft

Das Urteil lautet auf Freispruch, weil keine objektiven Beweise vorliegen. Sowohl der Beschuldigte, als auch die Klägerin hätten im Verlauf des Prozesses widersprüchliche Aussagen gemacht, hält die Richterin fest. Es gilt: «Im Zweifel zu Gunsten des Angeklagten.»

Der Beschuldigte habe glücklicherweise seine Arbeitsstelle wegen des Verfahrens nicht verloren. Er erhält eine Entschädigung für seine Zeit in der Untersuchungshaft in der Höhe von rund 3500 Franken. Der Staat übernimmt die Gerichtskosten, als auch die Kosten für die Strafuntersuchung und die Rechtsvertreter von Klägerin und Angeklagten. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.