Frauenfeld: Am Anfang war das Chuchichästli

Nach knapp 30 Jahren erscheint eine Neuauflage des Kinderbuchs «Karak und der Zuckerbäcker». Autor und Lehrer Willi Tobler erzählt, wie aus einer Ausspracheübung eine Geschichte über Freundschaft wurde.

Tizian Fürer
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Willi Tobler vergleicht die neue und alte Ausgabe seine Kinderbuches «Karak und der Zuckerbäcker». (Bilder: Andrea Stalder)

Willi Tobler vergleicht die neue und alte Ausgabe seine Kinderbuches «Karak und der Zuckerbäcker». (Bilder: Andrea Stalder)

Eigentlich war Willi Tobler selbst nie ein grosser Leser. «In meiner Primarschulzeit in Leibstadt holte ich am Anfang jeder Woche ein Buch aus der Bibliothek und brachte es am Ende der Woche wieder ungelesen zurück», erinnert sich der in Frauenfeld wohnhafte Tobler mit einem Lächeln. Dennoch schrieb der 69-Jährige im Laufe seiner 43 Jahre langen Karriere als Lehrer mehrere Bücher. So stammen Kinderbuchhelden wie der Lausbube «Tschimi» oder der Hund «Zebedäus» aus seiner Feder.

«Es ist im Endeffekt eine Geschichte über einen kleinen Mann, der gross sein will und über einen grossen Mann, der lieber klein wäre»

1990 veröffentlichte Tobler beim Ravensburger-Verlag sein bekanntestes Werk: «Karak und der Zuckerbäcker.» Das Buch handelt vom Riesen Karak, der einmal im Jahr seinem Verlangen nach Süssem nachgibt, und von seinem Berg steigt, um ein kleines Dorf nach einem Dessert zu durchsuchen. Doch eines Tages überlegt sich der mutige Zuckerbäcker Tschaggomo Doltsche eine List, um den Riesen daran zu hindern.

Illustrationen und Änderungen

«Es ist im Endeffekt eine Geschichte über einen kleinen Mann, der gross sein will und über einen grossen Mann, der lieber klein wäre», sagt der Autor. Kinderbuch-Spezialist gab den Anstoss Nach fast 30 Jahren wird «Karak» im Moritz-Verlag neu aufgelegt. Den Anstoss dazu gab der Kinderbuchspezialist und frühere Atlantis-Verleger Hans ten Doornkaat. «Doornkaat ist ein grosser Kenner von Schweizer Kinderliteratur und machte den Moritz-Verlag auf mich aufmerksam», sagt Tobler. Doornkaat empfahl «Tschimi» neu aufzulegen. Doch der Verlag wollte lieber «Karak».

Eine Illustration von Rotraut Susanne Berner. (Bild: PD)

Eine Illustration von Rotraut Susanne Berner. (Bild: PD)

«Eine gehaltvolle Geschichte in einer einfachen Sprache und mit ansprechenden Zeichnungen sind der Schlüssel für ein gutes Kinderbuch», sagt der Autor. Die Illustrationen stammen von Rotraut Susanne Berner. Berner wurde vor allem durch ihre «Wimmelbücher» bekannt und gewann etliche Preise. Auch bei «Karak und der Zuckerbäcker» schafft sie es, dem Riesen und den Dorfbewohnern auf ihre eigene Art Leben einzuhauchen. Für die Neuauflage nahm Tobler nur kleine Änderungen vor. So änderte der Autor manche Wörter, welche nicht mehr zeitgemäss sind. Zum Beispiel ersetzte er Begriffe wie «Negerkuss» durch «Krapfen». Ausserdem machte er aus der «kugelrunden Biondinella», der Frau des Zuckerbäckers, «Biondinella mit roten Wangen und stets einem freundlichen Lächeln im Gesicht». Auch das Format wurde leicht angepasst. Ansonsten ist das Buch gleich geblieben: Es besitzt einen festen Einband und zählt etwa 80 Seiten.

Wie aus dem Drachen ein Riese wurde

Als Real- und Primarlehrer merkte Willi Tobler, wo die Probleme der Schüler lagen: «Gerade in der Schweiz haben viele Kinder Schwierigkeiten Kehllaute wie ‹ch› oder ‹ck›, korrekt von sich zu geben.» So kam Tobler die Idee, einen Text zu verfassen, welcher voll mit Wörtern ist, welche solche Laute enthalten. So treffen die Leser in der seinerzeitigen Rohfassung des Buches immer wieder auf den Drachen «Karak», den Zuckerbäcker Tschaggomo und auf ein Chuchichästli.

Willi Tobler mit einem Notizbuch und mit seinen beiden Büchern.

Willi Tobler mit einem Notizbuch und mit seinen beiden Büchern.

Als Tobler merkte, welches Potenzial in seiner Geschichte steckt, änderte er noch einige Punkte in der Rohfassung, bevor er damit zum Verlag ging. So machte er den Drachen Karak zu einem Riesen und sorgte dafür, dass die Geschichte mehr unterhält, als dass sie lehrreich für Schüler ist. «Als der Lektor meine Geschichte lass, fragte er, wie ich auf all die Figuren gekommen sei. Ich antwortete ihm, am Anfang war nur das Chuchichästli in meinem Kopf».

Doch auch der Verlag verlangte noch eine wichtige Anpassung. «In der Rohfassung meines Buches endete die Hauptperson als Schmaus von Karak. Der Verlag war vehement dagegen, in einem Kinderbuch den Helden sterben zu lassen. So wurden die beiden stattdessen zu Freunden.»

Vorerst druckte der Moritz-Verlag 4000 Bücher der neuen Version. Mehr folgen bei gutem Verkauf. Die Neuauflage ist seit zwei Wochen erhältlich. Ob Tobler nochmals ein Kinderbuch schreiben wird, lässt er offen. Klar ist, dass die neue Auflage seines Buches wieder Kinder zum Lesen animieren und dazu auch noch beim Lernen von schwierigen Lauten unterstützten wird.

Hinweis

Buchvernissage zu «Karak und der Zuckerbäcker» mit Willi Tobler und Hans ten Doornkaat. An diesem Mittwoch, 13. März um 18.30 Uhr im Bücherladen Marianne Sax in Frauenfeld.

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