Nomination bei der Thurgauer SVP: Fotofinish zwischen Sprossenwänden

Bis zum Schluss spannend: Wie Urs Martin an der Nominationsversammlung die SVP-Delegierten überzeugte.

Silvan Meile
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Mit der Siegerpose in den Regierungsratswahlkampf: Der Romanshorner Urs Martin steht am Ende des Abends als Gewinner fest. Bild: Reto Martin

Mit der Siegerpose in den Regierungsratswahlkampf: Der Romanshorner Urs Martin steht am Ende des Abends als Gewinner fest. Bild: Reto Martin

Ruedi Zbinden späht auf den Zettel. Soeben hat ihm Stephan Tobler, Chef der Stimmenzähler, das Resultat der geheimen Abstimmung in die Hand gedrückt. «Ui, ui, ui», hören die Anwesenden den Kantonalpräsident der SVP am Rednerpult bei eingeschaltetem Mikrofon flüstern.

Dann hebt Zbinden den Kopf, schaut in die 227 fragenden Delegierten-Gesichter. Es ist still geworden an der SVP-Versammlung in der Turnhalle Lengwil. Für diesen Moment sind die Parteimitglieder am Donnerstagabend aus allen Regionen des Kantons angereist. Ihre Augen sind nun auf Ruedi Zbinden am Mikrofon gerichtet. «Gewählt – mit 115 Stimmen – bei einem absoluten Mehr von 112 Stimmen – ist Urs…»

Den Sitz von Jakob Stark verteidigen

Die beiden Kantonsräte Urs Martin und Urs Schrepfer sind nach Lengwil gekommen, um von der Partei als Regierungsrat nominiert zu werden. Für die Thurgauer SVP geht es bei den Gesamterneuerungswahlen vom 15. März darum, nebst der wiederantretenden Monika Knill einen zweiten Kandidaten ins Rennen zu schicken. Die Mission ist klar: Es gilt, den Sitz von Jakob Stark zu verteidigen, der in den Ständerat gewählt wurde. «Ihn müssen wir heute ersetzen», bringt es Zbinden unverblümt auf den Punkt.

Mit hauchdünnen sieben Stimmen Vorsprung macht schliesslich der 40-jähirge Urs Martin aus Romanshorn das Rennen. «Ich werde für die SVP Vollgas geben», verspricht er den Delegierten als Dank für das Vertrauen. Seine Wahl in die Thurgauer Regierung gilt durch diese parteiinterne Nomination als wahrscheinlich, auch wenn etwa die Grünen bereits einen Angriff auf den zweiten SVP-Sitz ankündet haben.

Urs Martin tigert vor den ersten Tischreihen hin und her

Dem Fotofinish zwischen den Lengwiler Sprossenwänden ging ein Redemarathon voraus. Dabei gewährte Sitzungsleiter Zbinden den beiden Kandidaten je zehn Minuten, um Werbung in eigener Sache zu betreiben. Urs Martin tigerte dabei mit dem Mikrofon in der Hand vor den Tischreihen hin und her. Er sprach frei, ohne abzulesen. Das erinnerte nicht nur einen altgedienten Parteigänger an die Attitüde eines Christoph Blochers. Doch Martins Stimme wirkte noch etwas hastig, während er seine Führungsqualitäten und sein schweizweites Kontaktnetz als Qualifikationen unterstrich.

Ruhiger ging es Urs Schrepfer an, der während seiner Worte nicht vom Rednerpult wich. Er sei bodenständig, könne aber auch unbeliebte Entscheide fällen, habe sich als SVPler in der «linken Bildungslandschaft» bewiesen. Vor dem Applaus der Delegierten streute er noch einige Parteifloskeln. Das Notwendige müsse vom Wünschbaren unterschieden werden. Und wer unabhängig sein wolle, müsse eigenständig bleiben.

Ein Luxusproblem

Niemandem war klar, wer nach der Vorstellungsrunde tatsächlich die Nase vorne hat. Kopf an Kopf bog das parteiinterne Nominationsrennen auf die Zielgerade ein. Zahlreiche Delegierte marschierten ans Mikrofon, um die Mehrheit der anwesenden Stimmberechtigten auf den letzten Metern von ihrem Favoriten zu überzeugen. Niemand bezweifelte, dass nicht beide Parteikollegen die Voraussetzungen für das Amt als Regierungsrat mitbringen. Mit dieser Ausmarchung habe man gar ein Luxusproblem.

Schrepfer wurde als «aufrichtiger und lösungsorientierter Macher» gelobt. Er greife niemanden persönlich an und habe das Charisma sowie die Fähigkeit für das Amt in der Thurgauer Exekutive. Martin seinerseits wurde als konsequenter und absolut dossiersicherer Politiker gewürdigt, der auch heiklen Themen nicht aus dem Weg gehe. Der ehemalige Thurgauer SVP-Präsident Willy Nägeli äusserte Bedenken, dass aufgrund der erstarkten Grünen der zweite Regierungssitz der SVP ins Wanken kommen könnte. Deshalb brauche es einen Kandidaten, der auch weit über die eigene Partei Stimmen hole, was für Schrepfer spreche.

Andere Votanten wollten aber genau Martin, weil dieser eben gerade den polarisierenden SVP-Themen zum Durchbruch verhelfe. Dieser Aspekt könnte die Mehrheit der Delegierten letztlich überzeugt haben. 223 von ihnen gaben einen gültigen Stimmzettel ab. «Gewählt – mit 115 Stimmen – bei einem absoluten Mehr von 112 Stimmen – ist Urs Martin.»