Fluchtartiger Aufbruch nach Kanada:
Familie Lüscher aus Weiningen nimmt sich eine Auszeit

Wegen des Corona-Virus hat sich die fünfköpfige Thurgauer Familie zwei Wochen früher als geplant aufgemacht über den grossen Teich nach Nordamerika.

Evi Biedermann
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Die Familie Lüscher – Vater Daniel, die Kinder Kiana, Tim und Nayla sowie Mutter Sarah – auf dem heimischen Sofa in Weiningen.

Die Familie Lüscher – Vater Daniel, die Kinder Kiana, Tim und Nayla sowie Mutter Sarah – auf dem heimischen Sofa in Weiningen.

Bild: Evi Biedermann

«Uf und devo»: Davon haben Sarah und Daniel Lüscher lange geträumt. Weg für ein paar Monate, mit Kind und Kegel. Vor einem halben Jahr machten sie Nägel mit Köpfen und kauften in Kanada einen Wohnwagen.

«Jetzt müemer!»

Das sagten sie zueinander und packten das Projekt an. Sie suchten eine Schule für ihre drei Kinder und kauften Flugtickets für den 31. März.

Das Abenteuer begann nun mit einem fluchtartigen Aufbruch, zwei Wochen früher als geplant. «Mir sind uf und devo!», schreibt Sarah Lüscher zwei Tage nach dem Gespräch mit unserer Zeitung.

«Eben abgeflogen, umbuchen unmöglich, haben neue Tickets gekauft. Kanada, wir kommen!»

So heisst es weiter im E-Mail vom vergangenen Freitag. Die Corona-Krise hatte die bereits gekauften Tickets nach Vancouver nutzlos gemacht, denn die gewählte Flugroute sah einen Zwischenstopp in den USA vor. Dort aber war der Flugverkehr mit Europa seit Donnerstag blockiert.

Vater Daniel hat als Kind bereits in Kanada gelebt

Der gekaufte Wohnwagen steht nicht zufällig in Kanada. In der Kleinstadt Smithers in British Columbia, dem Zielort der Familie, lebt der Jugendfreund von Daniel Lüscher. Er selber hat sieben Jahre seiner Kinderzeit in Kanada verbracht, nachdem seine Eltern dorthin ausgewandert waren. «Eine Erfahrung von unschätzbarem Wert», sagt der Familienvater (38). Das möchten Lüschers ihren Kindern nicht vorenthalten.

«Wenn die Kids nur einen Bruchteil davon erleben, ist das ein Gewinn.»

Die Eltern sehen die Auszeit vor allem als Familienzeit. Weg vom überfrachteten Alltag, hin zu mehr Zeit miteinander und mehr Freiheiten. «Es ist jetzt der richtige Moment», sagt Sarah Lüscher. Alle drei Kinder seien noch in der Primarschule. «Da haben wir sie noch ein bisschen für uns.» Einmal in der Oberstufe sehe das dann unter Umständen plötzlich anders aus. Auch wäre wohl ein Schulunterbruch von mehreren Monaten schwieriger, zu bewerkstelligen. Schulunterbruch bedeutet für Kiana (12), Nayla (10) und Tim (7) aber nicht schulfrei. Die drei werden in Smithers von April bis Ende August eine Privatschule besuchen. Sprachschwierigkeiten werden sie nicht haben, denn sie wachsen zweisprachig auf.

Und sie wissen bereits eine Menge über ihre temporäre Schule. Sie habe im Internet recherchiert, erzählt die Sechstklässlerin Kiana.

«Dann habe ich einen Vortrag vorbereitet und meiner Klasse gezeigt, wohin wir gehen.»

Schulfrei gibt’s indes in den zehnwöchigen Sommerferien, die mit wenigen Ausnahmen noch nicht verplant sind. Eben ganz im Sinne von «weg vom durchgetakteten Alltag, hin zu einem kleinen Stück Freiheit».

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