Feuerwehr Thurgau
«Wir sind die Feuerwehr, kein Putzinstitut» – die Thurgauer Feuerwehrleute stehen wegen des Regens im Dauereinsatz

Die Feuerwehren im Kanton Thurgau stehen wegen des vielen Regens und der Unwetter so oft im Einsatz wie schon lange nicht mehr.

Robin Bernhardsgrütter
Merken
Drucken
Teilen
Diese Pumpe hat Michael Frischknecht in den letzten Wochen oft gebraucht.

Diese Pumpe hat Michael Frischknecht in den letzten Wochen oft gebraucht.

Bild: Ralph Ribi

Es hat geregnet, gestürmt und gehagelt. Dutzende von Kellern in Schlatt und Müllheim blieben wegen des vielen Wassers nicht trocken. Genau dann kommen die Alltagshelden der Feuerwehr zum Einsatz. Sie hatten in den letzten Wochen so viele Einsätze wie schon lange nicht mehr.

Besonders getroffen hat es Schlatt bei Diessenhofen. Hier machten überflutete Keller, Strassen und Tiefgaragen den Grossteil der Einsätze aus. Michael Frischknecht ist Kommandant der Feuerwehr Schlatt. Er erzählt: «Normalerweise haben wir vielleicht jährlich einen grossen Einsatz. Dieses Jahr waren es schon vier mit über 80 Meldungen.»

Vor allem das Schlatter Industriegebiet habe es heftig getroffen. Hier habe die Feuerwehr in einer Nacht nicht einmal angefangen, das Wasser abzupumpen. «Es war einfach zu viel Wasser. Wir konnten erst am Tag darauf abpumpen, als sich der Regen beruhigt hatte.»

Die vielen Einsätze und schlaflosen Nächte gingen an die Substanz, sagt der Schlatter Landi-Mitarbeiter. Dafür lerne man wieder mehr für die zukünftigen Einsätze und: «Die Bedeutsamkeit der Feuerwehr in der Bevölkerung nimmt wieder zu.»

Die Gemeinde Müllheim hat es zwar nicht ganz so hart getroffen wie Schlatt, dennoch war auch hier die Feuerwehr in den vergangenen Wochen überdurchschnittlich ausgelastet. Marcel Meier, Feuerwehrkommandant der Feuerwehr Müllheim, erzählt:

«Wir hatten 85 Feuerwehreinsätze in den letzten 3 Wochen. Normalerweise haben wir etwa 20 Einsätze – pro Jahr.»

Die meisten dieser Einsätze sind überflutete Keller und Hochwassereinsätze an der Thur gewesen.

Diese Schläuche waren die letzten Tage im Dauereinsatz.

Diese Schläuche waren die letzten Tage im Dauereinsatz.

Bild: Ralph Ribi

Die Feuerwehr ist nicht nur da, wenn es brennt, ein Keller überflutet ist oder eine Katze auf dem Baum feststeckt, sondern sie ist auch präventiv unterwegs. «Wir bekommen relativ früh eine Hochwasserwarnung», sagt Meier weiter. Die Feuerwehr kontrolliere dann anliegende Ländereien, dass keine Tiere oder Menschen mehr dort seien.

Priorität haben Mensch, Tier, emotionale Sachwerte und Umwelt

Die Feuerwehr ist für alle da, egal ob Brand oder Wasserschaden. Das Wichtigste sei dann, «dass Mensch, Tier, emotionale Sachwerte und die Umwelt nicht gefährdet werden», so der Müllheimer Kommandant.

Die Vorbereitung ist aber im Vergleich zu früher viel besser. Mit zahlreichen Apps zu Hochwasser oder Alarmierungen wurde der Informationsfluss für die Feuerwehrleute verbessert. So können sie sich besser auf einen Feuerwehreinsatz vorbereiten. «Aber auch die Erfahrung ist ein Faktor für die Einschätzung der Lage», sagt Michael Frischknecht.

Das Feuerwehrauto von Schlatt stand zuletzt oft im Einsatz.

Das Feuerwehrauto von Schlatt stand zuletzt oft im Einsatz.

Ralph Ribi

In Schlatt hat die Feuerwehr gemeinsam mit der Gemeinde Vorbereitungen für die anhaltende Hochwassergefahr getroffen. Es wurden mehr Sandsäcke für die Bevölkerung angeschafft. Die Situation am Rhein ist im Moment nicht mehr so dramatisch.

Die Feuerwehr habe durchaus Nachholbedarf in Sachen Hochwasserausrüstung. «Beim Brandschutzmaterial wird natürlich mehr erneuert und gewartet. Aber das wäre eigentlich auch beim Hochwassermaterial nötig und werden wir sicher wieder mehr machen», erklärt Frischknecht.

Menschen sollen vorsichtiger sein

Immer wieder sind trotz der angespannten Lage in Flüssen und Bächen gefährliche Situationen zu beobachten. Schulklassen, die bei einer Feuerstelle unmittelbar neben einem reissenden Fluss bräteln oder auch Familien, die mit ihren Kindern nahe an den Gewässern spazieren gehen.

Auch Marcel Meier, Feuerwehrkommandant der Feuerwehr Müllheim, hat schon solche Situationen beobachtet. «Das ist einfach wahnsinnig gefährlich. Die Leute unterschätzen die Situation oftmals.» So sollen Spaziergänger im Moment lieber eine andere Route, weg von den Gewässern, wählen und keine Feuerstellen an den Flüssen, sondern lieber im Wald wählen.

Auch im Ereignisfall, bei einem überfluteten Keller, sollten die Leute nie in das Wasser steigen. Es droht ein Stromschlag. «Klar ist das eine Erstreaktion. Sie ist aber wahnsinnig gefährlich», betont der Schlatter Kommandant.

Unverständnis als neues Problem

Trotz des unermüdlichen Einsatzes der Milizfeuerwehren und der nächtelangen Hilfestellung sei das Verständnis und die Wertschätzung der Bevölkerung zum Teil sehr klein. Wenn die Feuerwehr in einer Rekordnacht nicht innert Minuten vor Ort sei, aufgrund anderer Einsätze, dann gebe es Kritik. Der Müllheimer Kommandant sagt:

«Die Feuerwehr kann nicht überall gleichzeitig sein.»

So käme es schon einmal vor, dass wenn die Feuerwehr an einem Einsatzort eintreffe, sie zuerst kritisiert werde wegen der Wartezeit. Doch am meisten ärgert die Feuerwehrkommandanten die Kritik auf Social Media oder bei der Gemeinde. Auf Facebook oder Instagram solche Kritik zu lesen, sei sehr unbefriedigend. Beide Feuerwehrkommandanten sind sich einig: «Die Leute sollen doch lieber anrufen. So können wir vieles erklären.»

Michael Frischknecht mit der grössten und neusten Pumpe.

Michael Frischknecht mit der grössten und neusten Pumpe.

Bild: Ralph Ribi

Die Situation wird noch sicher bis zum Wochenende angespannt bleiben. Die Feuerwehr rät zu mehreren Verhaltensweisen: Die Menschen sollen Spazierwege und Ländereien in der Nähe der Gewässer meiden und: «Die Feuerwehr nur bei einem Kellerwasserstand von mehreren Zentimetern anrufen. Wir sind die Feuerwehr, kein Putzinstitut», sagt Marcel Meier.

Das Wichtigste ist das Bewusstsein für die Gefahr der Unwetter und des Hochwassers und die Wertschätzung der Feuerwehr. Auch hier sind sich die Kommandanten einig: «Die Dankbarkeit der Bevölkerung ist das Schönste.»