Fernab des Heimatwaldes: Die Dettighofer Videokünstlerin Rhona Mühlebach ist in Glasgow gefangen, wird aber vom Kanton Thurgau ausgezeichnet

In Schottland absolviert Videokünstlerin Rhona Mühlebach aus Dettighofen ein Masterstudium. Wann sie in die Schweiz zurückreisen kann, weiss sie pandemiebedingt nicht. Ihr aktuelles Kunstprojekt dreht sich um den Wald.

Rahel Haag
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Per Videokonferenz: Rhona Mühlebach in ihrer Wohnung in Glasgow.

Per Videokonferenz: Rhona Mühlebach in ihrer Wohnung in Glasgow.

Bild: Rahel Haag

Die Nachricht erreichte sie per E-Mail – denn aktuell weilt die Videokünstlerin Rhona Mühlebach nicht in ihrer Heimat, dem beschaulichen Dettighofen, sondern im schottischen Glasgow. Bei besagter Nachricht handelt es sich um einen Brief des Kantons Thurgau. Die 30-Jährige erhält in diesem Jahr als eine von sechs Kunstschaffenden den mit 25000 Franken dotierten Förderpreis. «Der Brief kam zu meinen Eltern», sagt sie im Videotelefonat.

«Aufgrund der Coronapandemie weiss ich nicht, wann ich in die Schweiz zurückkehren kann», sagt Mühlebach. Sie hofft, dass es diesen Monat klappt, wahrscheinlich werde es aber Juli. Schon mehrmals wurde ihr Flug am Ende doch gestrichen.

«Ich habe aufgehört, eine Prognose zu stellen.»

Masterstudium statt Sprachaufenthalt

In Glasgow habe sie ursprünglich nur zwei Monate bleiben wollen. «Um Englisch zu lernen», sagt Mühlebach. Doch dann habe sie sich wohlgefühlt, Leute kennen gelernt und beschlossen, zu bleiben, um ihren Master zu absolvieren. Zuvor hatte sie die pädagogische Maturitätsschule in Kreuzlingen absolviert und in Lausanne Film studiert.

Ausstellungen in Luzern und Steckborn

Während die Videokünstlerin Rhona Mühlebach weiterhin in Glasgow festsitzt, wird in Luzern im Raum für Kunst sic! noch bis am 11. Juli ihre Videoarbeit «Loch Long» gezeigt. Der Film erzählt die tragisch-komische Geschichte der Meeresbucht Loch Long an der Westküste Schottlands und deren Bewohner. Loch Long diente von 1912 bis 1986 als Torpedo-Testgelände. Von diesen Versuchen zeugen noch zahlreiche Wracks und Überreste. Heute ist das Gebiet ein beliebtes Revier für Sporttaucher. Entstanden ist so eine Parabel über einen gleichsam faszinierenden wie auch abgründigen Ort.

Vom 21. November bis 12. Dezember ist im Haus zur Glocke in Steckborn zudem Mühlebachs Arbeit «Sudden Death» zu sehen. Der Film dreht sich um die gleichnamige Pflanzenkrankheit, die über das Wasser übertragen wird. (red)

www.sic-raum.ch
www.hauszurglocke.ch
www.rhonamuehlebach.com

Den Förderpreis bezeichnet sie als Privileg. «Er erlaubt es mir, dass ich mich längere Zeit einem neuen Projekt widmen und Verschiedenes ausprobieren kann», sagt sie. Er biete finanzielle Sicherheit, sorge dafür, dass sie nicht im Service arbeiten müsse. Darüber hinaus ermögliche es ihr beispielsweise mit einem Soundkünstler zusammenzuarbeiten.

«Und ihn anständig zu bezahlen.»
Mai 2019: Der Kanton Thurgau vergibt an Reto Müller und Rhona Mühlebach je einen Atelieraufenthalt in New York.

Mai 2019: Der Kanton Thurgau vergibt an Reto Müller und Rhona Mühlebach je einen Atelieraufenthalt in New York.

(Bild: Andrea Stalder)

Aktuell interessiert sich Mühlebach für den Wald. Um ihn soll es auch in ihrem neuen Projekt gehen. In diesem Zusammenhang spiele ihr «Heimatwald», wie sie ihn nennt, eine wichtige Rolle. «Gedanklich fängt man immer dort an, wo man sich auskennt», sagt sie. Wo man joggen oder mit dem Hund spazieren gehe. In ihrem Fall sei das ganz klar der Thurgau. «Darüber hinaus ziehen mich in letzter Zeit Krimis an», sagt sie. Wohin die Reise gehen wird, ist derzeit aber noch völlig unklar.

«Meine Arbeit beginnt mit dem Schreiben eines Drehbuchs.»

Dieser Prozess dauere jeweils mehrere Monate. «Zu Beginn bin ich immer von ganz vielen Sachen begeistert», sagt Mühlebach. Erst dank einer Figur liessen sich die verschiedenen Teile zu einem grossen Ganzen zusammenfügen. Einen Charakter entwickeln, das ist es, was ihr Spass mache. «Wichtig ist mir, dass meine Figuren Emotionen haben.» Beim Schreiben eines Dialogs überlege sie sich beispielsweise, ob ihre Figur tatsächlich so reden würde. «In einem weiteren Schritt spiele ich selber meine Figuren», sagt sie. Sie lese die Dialoge laut, probiere aus, ob es für sie stimmt.

Ein bisschen Grün sehen und frische Luft atmen

So habe sie auch in New York gearbeitet. Im vergangenen Jahr konnte Rhona Mühlebach dank des Atelierstipendiums des Kantons Thurgau drei Monate in der Stadt, die niemals schläft, verbringen. Dort habe sie viel Zeit gehabt, um zu schreiben und Ausstellungen zu besuchen. In der Wohnung, die ihr zur Verfügung gestellt wurde, habe sie sich wie auf einer kleinen Insel gefühlt, ganz allein. Sie sagt:

«Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich raus muss, um wieder einmal ein bisschen Grün zu sehen und frische Luft zu atmen.»