Familie war lange Privatsache – jetzt soll Lobbyarbeit die Frühförderung im Thurgau begünstigen

Die Frühförderung polarisiert im Thurgau. An der Pädagogischen Hochschule diskutierten Fachpersonen darüber, was Kinder vor dem Kindergarten bereits brauchen und wer dafür zuständig ist.

Larissa Flammer
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Frühförderung wie das gemeinsame Spielen fördert die positive Entwicklung eines Kindes. (Bild: Gaetan Bally/Keystone)

Frühförderung wie das gemeinsame Spielen fördert die positive Entwicklung eines Kindes. (Bild: Gaetan Bally/Keystone)

Wenn Kinder in den Kindergarten kommen, bringen sie sehr unterschiedliche Voraussetzungen mit. Die einen verstehen kaum Deutsch, sind sich das Spielen mit anderen Kindern nicht gewohnt oder können nicht aufmerksam zuhören, während andere bereits erste Sätze lesen.

Sonja Perren, Brückenprofessorin für die Frühe Kindheit. (Bild: PD)

Sonja Perren, Brückenprofessorin für die Frühe Kindheit. (Bild: PD)

«Diese Heterogenität wird später während der Schule immer grösser», sagt Sonja Perren. Die Professorin für Entwicklung und Bildung in der frühen Kindheit referierte am Mittwochabend in Kreuzlingen. Eingeladen hatte der Förderverein der Pädagogischen Hochschule Thurgau unter dem Titel «Brauchen kleine Kinder eine Lobby?»

Perren betonte, dass in den ersten Lebensjahren entscheidende Weichen gestellt werden. Deshalb sei die frühe Förderung, welche die Bildungs- und Entwicklungsprozesse von Kindern vor dem Kindergarteneintritt unterstützt, sehr wichtig. Sie sorge für Chancengleichheit.

Der Kanton Basel Stadt kennt ein Obligatorium

Im Kanton Thurgau gibt es viele Angebote der frühen Förderung. Dazu gehören unter anderem auch Spielplätze, Pflegefamilien oder Hausbesuche, bei denen Eltern lernen, mit ihren Kindern zu spielen.

Für den Frauenfelder Schulpräsidenten Andreas Wirth ist die frühe Förderung sehr wichtig. Er war als Gast am Anlass an der Hochschule und sagte:

«So, wie immer mehr Kinder in den Kindergarten kommen, werden die Lehrpersonen bald nicht mehr unterrichten können.»

Die Angebote der frühen Förderung sind im Thurgau allerdings freiwillig. Ein Obligatorium kennt der Kanton Basel Stadt – zumindest bei der Deutschförderung. Herbert Knutti hat dieses Projekt dort begleitet und sprach ebenfalls in Kreuzlingen:

«Es gibt eine kleine Gruppe Eltern, die trotz aller Gutscheine und Angebote nichts für die Förderung ihrer Kinder machen.»

Ein Obligatorium wie in Basel sei eine Lösung, wie eben alle Familien erreicht werden können. Über dieses Modell denkt zurzeit auch die Thurgauer Politik nach.

Frühe Förderung spart Folgekosten

Spielplätze oder Deutschförderung sind vor allem kindzentrierte Ansätze. Frühe Förderung kann aber auch elternzentriert sein, erklärte Sonja Perren. Die Erziehungskompetenz zu fördern, sei sogar nachhaltiger:

«Egal welche Massnahmen sonst noch zum Zug kommen, der Einfluss der Familie auf die kindliche Entwicklung ist immer stärker.»

Diese Meinung teilt auch Christa Thorner. Die kürzlich zurückgetretene Stadträtin hat das Frauenfelder Konzept «Frühe Förderung» mitentwickelt. Sie war ebenfalls als Rednerin in Kreuzlingen und sagte:

«Elternbildung muss für mich zwingend obligatorisch werden.»
Christa Thorner, Alt-Stadträtin in Frauenfeld für Gesellschaft und Soziales. (Bild: Reto Martin)

Christa Thorner, Alt-Stadträtin in Frauenfeld für Gesellschaft und Soziales. (Bild: Reto Martin)

Wer einen Hund hält, der schwerer wird als 15 Kilogramm, müsse schliesslich auch zwingend einen Kurs absolvieren. Eltern würden zwar das Beste für ihre Kinder wollen, wüssten aber oft nicht, was das sei. Dafür sei das Angebot der Thurgauer Mütter- und Väterberatung optimal: «Dort lernen Eltern, was in der Entwicklungspsychologie wichtig ist.»

Sonja Perren ergänzte, dass Eltern manchmal sogar lernen müssen, mit Kindern feinfühlig und emotional warm umzugehen.

Dass kleine Kinder eine Lobby brauchen und ihnen sowie ihren Eltern geholfen werden muss, davon sind die Fachpersonen am Sommeranlass überzeugt. Auch wenn Christa Thorner zu bedenken gibt, dass die Familie und damit die Zeit vor dem Kindergarten im Thurgau lange ausdrücklich Privatsache war. Die Tatsache, dass mit früher Förderung hohe Folgekosten eingespart werden können, habe da zu einem Umdenken geführt.

Politische Dimension

Die Thurgauer Kantonsräte, die den aktuellen Bildungsbericht des Kantons vorberaten haben, machten sich für das Thema frühe Förderung stark. Vor allem aus dem Schulbereich werde gefordert, dass Angebote für Eltern und Kinder obligatorisch werden können. Walter Hugentobler, Präsident des Fördervereins der PHTG, fasste das Thema nach dem Sommeranlass zusammen: Das Spannungsfeld der Zuständigkeit zwischen Schule, Gemeinde und Familie soll aufgebrochen werden. «Eine kantonale Lösung wäre gut.» Der Kanton erarbeitet zurzeit ein Folgekonzept «Frühe Förderung».