Fachkräftemangel im Thurgau: Düstere Aussichten

Eine Umfrage bei Thurgauer Unternehmen fördert zutage: 61 Prozent betrachten den Fachkräftemangel in ihrer Branche als grosses Problem. Sie fordern, dass der Thurgau völlig neu vermarktet werden soll – weg vom «verfaulten Apfel-Image».

Sebastian Keller
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In gewissen Branchen finden Betriebe kaum mehr Auszubildende. Das gilt zum Beispiel für angehende Kaminfegerinnen und Kaminfeger. (Bild: Mareycke Frehner)

In gewissen Branchen finden Betriebe kaum mehr Auszubildende. Das gilt zum Beispiel für angehende Kaminfegerinnen und Kaminfeger. (Bild: Mareycke Frehner)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Kein Wirtschaftspodium und kein Unternehmerfrühstück geht über die Bühne, ohne dass der Begriff Fachkräftemangel fällt. Dass es sich dabei nicht um ein Gespenst handelt, das in einer fernen Zukunft einmal den Thurgau heimsuchen wird, zeigt eine neue Umfrage. Diese haben die Industrie- und Handelskammer (IHK) Thurgau und der Thurgauer Gewerbeverband unter ihren Mitgliederfirmen durchgeführt.

Der Befund ist ernüchternd: «Ganz generell betrachten 61 Prozent der antwortenden Unternehmen den Fachkräftemangel in der eigenen Branche als grosses Problem.» Das ist im Thurgauer Wirtschaftsbarometer für den Monat November nachzulesen, der unlängst veröffentlicht wurde.

Auch wenn die Autoren ihre Umfrage als nicht repräsentativ bezeichnen, so dürfte die Tendenz dennoch eine gewisse Aussagekraft haben. Insgesamt nahmen 282 Unternehmerinnen und Unternehmer an der Umfrage teil; 152 davon haben die Umfrage komplett ausgefüllt. Stark vom Mangel betroffen fühlen sich selber rund 45 Prozent. Lediglich knapp 15 Prozent gaben an, vom Fachkräftemangel gar nicht betroffen zu sein.

Mangel in vielen Branchen

Gefragt wurden die Unternehmer auch danach, in welchen Berufsgruppen es besonders schwierig sei, Fachkräfte zu finden. Die Antworten kommen einem Blättern im Berufswahlkatalog gleich. Häufig genannte werden eine sehr breite Palette von Handwerksberufen. Weiter Ärzte, Pflegepersonal, technische Produktionsmitarbeiter, Textilfachleute, Ingenieure, mechanische Berufsgruppen, aber auch Mitarbeitende im IT- und Logistikbereich.

Der Mangel beginnt nicht erst bei ausgebildeten Berufsleuten, sondern bereits beim Berufseinstieg. «Verschiedene Berufe finden kaum mehr Auszubildende», schreiben die Autoren. Dazu zählen beispielsweise Metzger und Kaminfeger. Ein Umfrageteilnehmer gab an: Ganz allgemein fehle es an «fähigen und arbeitswilligen Mitarbeitenden».

Der Thurgauer IHK-Direktor Peter Maag. (Bild: Reto Martin)

Der Thurgauer IHK-Direktor Peter Maag. (Bild: Reto Martin)

Wie IHK-Direktor Peter Maag sagt, wurde eine Umfrage zum Fachkräftemangel erstmals durchgeführt. «Das Ergebnis ist krasser, als ich angenommen habe.» Von Unternehmern im Oberthurgau, aber auch von solchen im Raum Kreuzlingen habe er die Problematik schon früher öfters vernommen. «Es trifft aber auch Unternehmen im Raum Frauenfeld», sagt Maag.

Brain Drain ist ein Auslöser

Als einen Auslöser für den Fachkräftemangel wird der sogenannte Brain Drain genannt. Dabei handelt es sich um ein Phänomen, dass junge Leute aus dem Thurgau oder generell der Ostschweiz zwecks Studium und Ausbildung in Zentren wie Zürich ziehen und danach nicht wieder heimkehren. «Die jüngere Generation tendiert in die Zentren», sagt Maag. Er schreibt der ETH Zürich sowie die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in diesem Bereich eine Sogwirkung zu. «Das haben wir im Thurgau nicht zu bieten»,sagt Maag. Die einzige Hochschule auf Thurgauer Boden ist die Pädagogische Hochschule in Kreuzlingen.

Umso wünschenswerter wäre es, wenn im Rahmen der neuen Fachhochschule Ostschweiz ein Standort im Thurgau aufgebaut würde – heute finden sich diese ausschliesslich im Kanton St. Gallen. Diese Forderung war auch im Grossen Rat zu vernehmen, als über die neue Struktur diskutiert wurde.

In der Umfrage wurde auch danach gefragt, was gegen den Brain Drain unternommen werden könnte. Viele Unternehmen sehen ein Defizit in der Kommunikation, heisst es in der Auswertung. «Man müsse den Thurgau grundsätzlich neu vermarkten: Weg vom veralteten und verfaulten Apfel-Image hin zum optimalen Standort für Hightech-Firmen.»

Bodensee-Ufer zur Digital-Coast entwickeln

Eine weitere Idee, die bei der Umfrage ins Spiel gebracht wird: Das Bodensee-Ufer zur Digital-Coast der Schweiz zu entwickeln – eine Art Silicon Valley mit Süsswasserseeanstoss. Ein weiterer Input ist die Schaffung eines Innovations-Campus für junge Menschen. Wie Peter Maag sagt, könnten Technoparks, wie sie es im Kanton Zürich im Umfeld von Hochschulen gib, als Vorbilder dienen. Dort finden Jungunternehmer bezahlbare Infrastruktur und eine befruchtende Atmosphäre.

Maag fordert, dass solche Überlegungen im Zusammenhang mit der Verwendung der TKB-Millionen stattfinden. Seit 2014 liegen 127 Millionen Franken aus dem Erlös vom Börsengang der Thurgauer Kantonalbank in der Kantonskasse. Im Rahmen der Budgetdebatte will der Regierungsrat das Moratorium bis Ende 2021 verlängern. Es bildet seit Jahren einen politischen Tresor, der die Millionen umschliesst.

SVP-Kantonsrat Urs Martin verlangt mit zwei weiteren Kantonsräten einen Bericht, der aufzeigen soll, wie die Mittel so investiert werden könnten, «dass sie dem Kanton einen langfristigen Mehrwert bringen». IHK-Direktor Peter Maag findet, dass eine Art Technopark in diesem Bericht «mindestens beleuchtet wird».

Auch die IHK Thurgau und St. Gallen-Appenzell wollen das Thema weiter beackern. Sie haben an einem Anlass kürzlich 39 Thesen vorgestellt. Eine lautet: «Der Wettbewerb der Standorte um Talente und zukunftsorientierte Unternehmen verschärft sich. Menschen arbeiten und Unternehmen investieren dort, wo das wirtschaftliche, politische und kulturelle Umfeld ihren Erwartungen entspricht.» Peter Maag sagt dazu: «Das Thema Fachkräftemangel müssen wir vertieft behandeln.»