Frost, Hagel, Hitze: Extremwetter fordert Thurgauer Winzer immer mehr

Der Klimawandel ist nun auch in den Rebbergen deutlich spürbar.
Die Thurgauer Winzer müssen sich längerfristig eine neue Strategie überlegen.

Dinah Hauser
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Die geernteten Trauben liegen in der Transportbox bereit und warten auf die Weiterverarbeitung. (Bild: Reto Martin)

Die geernteten Trauben liegen in der Transportbox bereit und warten auf die Weiterverarbeitung. (Bild: Reto Martin)

Die Thurgauer Winzer ernten dieses Jahr so früh wie noch nie. Die Fachstelle Weinbau Schaffhausen-Thurgau hat die ersten offiziellen Daten über die Traubenreife zwei Wochen früher erhoben als in den Jahren zuvor.

Markus Leumann, Rebbaukommissär der kantonsübergreifenden Fachstelle, bestätigt, dass bereits der Austrieb zwei bis drei Wochen früher als gewöhnlich erfolgt ist. «Durch die grosse Trockenheit, sprich Regenarmut, bereits ab Frühsommer und die Hitze ab Mitte Juli, erfolgte die Reife sehr zügig», sagt Leumann. Er geht davon aus, dass bis Mitte Oktober auch die späten Sorten wie Merlot geerntet werden können.

Dieser Sommer war trockener als 2003

Gemäss Leumann lässt sich das Jahr 2018 in die Reihe der sehr frühen und trockenen Jahre wie 2003 und 1947 einordnen. «Das Jahr 1947 ist insofern vergleichbar, weil gemäss Statistiken von April bis September kaum Niederschlag fiel.» Örtlich sei 2018 die Trockenheit vermutlich gravierender als im letzten Hitzesommer von 2003.

«Im Jahr 2003 sind die Zuckerwerte fast ins Unendliche gestiegen. Alle haben sich gefreut», sagt Martin Wolfer aus Weinfelden. Das Aroma der Weine sei dann nicht wie gewünscht ausgefallen. «Daraus haben wir gelernt, dass man auch den Erntezeitpunkt entsprechend anpassen muss», sagt der Winzer.

Weinbauer Jakob Meier aus Berlingen bestätigt die Häufung von gravierenden Wetterereignissen: «Im Jahr 2017 war es der extreme Frost am Anfang des Jahres. So etwas gab es seit Jahrzehnten nicht. Und dann im August kam der extreme Hagelschlag dazu.» In Bezug auf die Trockenheit müsse man sich fragen, ob man bewässern könne. Eine stationäre Tröpfelanlage ist aber teuer.

«Hydranten sind nicht immer in der Nähe»

Der Weinfelder Winzer Martin Wolfer nutzt zurzeit eine mobile Anlage. Er muss die Schläuche zwischen den Stöcken ausrollen und an einen Hydranten anschliessen. «Ein solcher ist aber nicht immer in der Nähe», sagt Wolfer. Da Wolfer keine frühen Traubensorten hat, plant er in der ersten Septemberwoche mit der Wümmet anzufangen. «Wenn es noch ein wenig feuchter gewesen wäre, hätten wir wohl noch früher anfangen müssen.»

Wegen der Trockenheit habe der Farbumschlag, also das Rotwerden der Trauben, länger gedauert. Die Früchte seien nun aber dunkler als in anderen Jahren. «Pinot-gris-Beeren sind normalerweise kupferrot, jetzt erscheinen sie fast blau», sagt Wolfer. Seine Eltern mögen sich noch an Zeiten erinnern, in denen im November gewimmt wurde.

Im Herbst 2016 seien die Auswirkungen des Klimawandels noch nicht spürbar gewesen, sagt der Weinfelder Winzer Benno Forster und führt an:

«Der Lesezeitpunkt war wie ‹früher›.»

Er würde Rebsorten wählen, die später austreiben, wegen des Frosts im Frühjahr. Diese eher südlicheren Sorten würden dann auch später reifen. «Solche Sorten wären im Herbst 2016 aber nur ungenügend reif geworden.» Zudem seien seine ältesten Rebberge über 50 Jahre alt. «Die Rebsorten auszuwechseln wäre also ein Projekt von mindestens einer Generation.»

Die Frage, wie mit dem Klimawandel umzugehen ist, ist also nicht einheitlich zu beantworten. Winzer Wolfer sagt:

«Die Zeit wird zeigen, welche Massnahmen wir in den Bereichen Hagel, Frost und Trockenheit in Zukunft ergreifen müssen.»

Auf seinem Weingut sind bereits teilweise Hagelnetze installiert. Wolfer erwägt noch nicht, neue Sorten zu pflanzen: «Unsere Hauptsorte, der Pinot Noir, reift in unserer Klimazone optimal und ergibt Weine mit viel Finesse. Somit ist die Sorte am richtigen Standort.»