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Psychiater zur Tötung in Frauenfeld: «Das ist ein Akt der Hinrichtung»

Am Dienstagabend wurde eine Frauenleiche mit abgetrenntem Kopf in einer Wohnung an der Talackerstrasse gefunden. Ein forensischer Psychiater schätzt den mutmasslichen Täter ein.
Dinah Hauser
In einer Wohnung an der Talackerstrasse in Frauenfeld wurde am Dienstagabend eine tote Frau aufgefunden. (Bild: Andrea Stalder)

In einer Wohnung an der Talackerstrasse in Frauenfeld wurde am Dienstagabend eine tote Frau aufgefunden. (Bild: Andrea Stalder)

Ein 19-Jähriger soll am Dienstagabend seiner Grossmutter den Kopf abgetrennt haben. Der italienische Staatsangehörige mit albanischen Wurzeln sitzt seither in Haft. Die Untersuchungshaft wurde bewilligt. Kurz nach der Tat hat er sein Handy beim Polizeiposten abgegeben. Die Polizei fasste den mutmasslichen Täter wenige Stunden später am Flughafen Zürich. Der forensische Psychiater Thomas Knecht vom Spitalverbund Appenzell Ausserrhoden schätzt das Gewaltverbrechen ein.

Thomas Knecht, forensischer Psychiater, Spitalverbund Appenzell Ausserrhoden. (Bild: PD)

Thomas Knecht, forensischer Psychiater, Spitalverbund Appenzell Ausserrhoden. (Bild: PD)

Thomas Knecht, was kann zu so einer Tat führen?

Thomas Knecht: Man kann davon ausgehen, dass bei Familienmitgliedern eine Tötungshemmung besteht. Diese ist noch grösser, wenn die Person derselben Glaubensrichtung angehört. Zudem kommt eine Gewalttat wie das Abtrennen eines Kopfes sehr selten vor. Es muss also ein sehr starkes Motiv vorhanden sein.

Was kommt als starkes Motiv in Frage?

Das gibt es zwei Möglichkeiten: der Täter hat rational oder im Wahn gehandelt. Eine lange psychische Störung schliesse ich aus, denn diese ist nicht mit einer Lehrstelle vereinbar. Es könnte sich um eine akute Psychose handeln, beispielsweise ausgelöst durch Drogeneinfluss. Einige Medien berichteten, dass der Verdächtige Drogen konsumiert haben soll. Kokain ist bekannt dafür Psychosen auszulösen. Bei Psychose-Anfälligen kann auch Cannabis eine solche auslösen. Einen normalpsychologischen Grund sehe ich in der Beschaffungskriminalität. Eine Oma kommt als Geldgeberin in Frage. Sie könnte sich geweigert und damit Empörung beim Enkel ausgelöst haben.

Welche Rolle spielt das Abtrennen des Kopfes?

Das ist ein Akt der Hinrichtung. Im Islam beispielsweise kommt der Enthauptung ein besonderer Stellenwert zu. Dort ist es ein Sanktionsmittel gegen Ungläubige; also eine sehr demonstrative Ausgrenzungsgeste. Jemand der sein Opfer enthauptet, verurteilt dessen Verhalten sehr stark.

Der Verdächtige hat eine Woche zuvor eine Schreckschusspistole zum Lehrbetrieb mitgenommen. Wie beurteilen Sie das?

Wer in unseren Verhältnissen eine Waffe trägt, scheint sich bedroht zu fühlen. Dies kommt bei Drogenkonsum häufig vor. Die Waffe wird getragen, um einer allfällige Bedrohung zu begegnen. Ein Imponiergehabe kann auch eine Rolle spielen. Gewalt wird hier zum Mittel, um sich durchzusetzen und seinen Status zu behaupten.

Mitarbeiter bezeichnen den Mann als introvertiert, zurückhaltend und unnahbar. Wie passt das in das Bild eines Täters?

Introvertierte neigen vermehrt zur Affektunterdrückung und damit letztlich zu Aggressionsstau. Damit sind besonders impulsive Handlungen möglich. Möglicherweise sah er sich aufgrund von Herkunft und Religion als Aussenseiter, was ebenfalls die Kommunikationshindernis ist.

Der jüngste Sohn der betroffenen Familie soll noch im Grundschulalter sein. Wie kann ein Kind ein traumatisches Erlebnis verarbeiten?

Es spielt eine Rolle, wie viel ein Kind mitbekommt, wie viel es versteht und wie sensibel es ist. Grundsätzlich gilt: Je mehr ein Kind mitbekommt, desto grösser ist die Gefahr einer posttraumatischen Belastungsstörung und desto schwieriger ist es die die Geschehnisse zu verarbeiten. Bei Auftreten einer Belastungsstörung empfiehlt sich eine Therapie. Eine Patentlösung gibt es allerdings nicht. Jedoch wird es wohl ein schmerzhafter Prozess sein.

Wie kann eine Familie nach so einer Tat wieder zusammenfinden?

Der Täter wird wohl von der Familie separiert. Dies geschieht auf natürliche Weise, da er beispielsweise in Haft sitzt. Passiert eine Tat in den eigenen vier Wänden, so wird eine Verarbeitung besonders schwierig. Die Wohnung ist dann ein Symbol für das Geschehene und kann traumatische Erinnerungen hervorrufen. Der Mensch hat eine Abneigung gegen Tötungen und deren Orte. So sind beispielsweise Wohnungen und Häuser in denen ein Gewaltverbrechen stattfand nur schwer zu vermieten.

Der Verdächtige gab sein Handy kurz nach der Tat beim Polizeiposten ab. Was könnten Gründe dafür sein? Wie deuten Sie diese Handlung?

Ein rational durchdachter Zweck ist da schwerlich zu sehen. Ansatzweise klingen Motive wie vorauseilende Unschuldsbeteuerung oder Ähnliches an. Auch kann man ohne Handy schwerer geortet werden. Vielleicht wird das Motiv klarer, wenn der Inhalt gesichtet wurde.

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