Experte warnt vor einem «Hype» oder gar einer «Verniedlichung» des Sterbefastens

Was Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit bedeutet, wurde am Ethikforum in Münsterlingen diskutiert.

Hana Mauder Wick
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Agnes König, André Fringer, Lisbeth Brücker und Karin Kaspers Elekes am Ethikforum des Kantonsspitals Münsterlingen. (Bild: Hana Mauder Wick)

Agnes König, André Fringer, Lisbeth Brücker und Karin Kaspers Elekes am Ethikforum des Kantonsspitals Münsterlingen. (Bild: Hana Mauder Wick)

Das Thema Lebensende ist in der Gesellschaft angekommen.» Mit diesen Worten begrüsste Pflegedirektorin Agnes König die Zuhörer zum Vortrag «Sterbefasten?» am Ethikforum, welches am Kantonsspital Münsterlingen über die Bühne ging. «Wir haben das Recht, menschenwürdig zu sterben und das Recht auf den eigenen Tod.» Daraus resultieren in der Gesellschaft unterschiedlichste Fragestellungen. Darf ich mir das Leben nehmen? Wie frei ist eine solche Entscheidung? Besteht nicht die Pflicht zum Schutz des Lebens, vor allem, wenn es verletzbar ist?

Die Organisatorinnen und Co-Leiterinnen des Ethikforums am KSM, Karin Kaspers Elekes und Lisbeth Brücker, führten durch den Anlass. Der Morgen war geprägt von Gesprächen mit Menschen, die in Freiwilligenarbeit tätig sind. Das Ethikcafé am Nachmittag bot Fachpersonen im Gesundheitswesen Gelegenheit zum Austausch. «Wir haben keine allgemeingültigen Rezepte», sagte Spitalseelsorgerin Karin Kaspers Elekes. Aber der Bedarf nach Gesprächen zur eigenen Meinungsbildung und über Befürchtungen bezüglich möglicher gesellschaftlicher Entwicklung sei gross.

«In der Antike galt es als Todesart der Philosophen.»

Das zeigte am Abend ein Blick ins volle Foyer zum Vortrag von André Fringer. Er leitet zusammen mit Maria Schubert den Masterstudiengang für Pflege und die Forschungsstelle für Pflegewissenschaften an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Freiwilliger Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit ist Forschungsschwerpunkt des Professors.

Sterbefasten zwischen Fürsorge und Selbstbestimmung: Das Thema passe in unsere Zeit, ist es allerdings nicht neu. «Früher kam es vor, dass sich die alte Grossmutter eines Tages «aufs Sterbebett» zurückgezogen haben, erklärte Fringer. «In der Antike galt es als Todesart der Philosophen.» Nichtsdestotrotz warnte der Pflegewissenschaftler vor einem «Hype» oder gar einer «Verniedlichung». «Sterbefasten ist ein unsäglicher Begriff.» Die korrekte Bezeichnung klingt etwas sperrig: FVFN , also Freiwilliger Verzicht auf Flüssigkeit und Nahrung. Der Begriff stehe in der öffentlichen Wahrnehmung für einen «natürlichen, sanften Tod». «Ich höre oft: Das ist doch kein Suizid, oder? Das ist etwas ganz Natürliches.»

Professionelle Hilfe währende des Prozesses

Der Weg dahin sollte, so Fringer, über wohldurchdachte Stationen erfolgen. Vom persönlichen Entschluss, dem Einbezug des sozialen Umfelds bis hin zur Fragestellung nach der Planung und professioneller Hilfe während des Prozesses. Ärzte und Fachpersonen müssen «genau hinschauen». «Will die alte Person im Pflegeheim wirklich nicht mehr essen – oder wird da ein Sterbewunsch nur hineininterpretiert?».

Das Sterbefasten stelle das Umfeld vor Herausforderungen. Deren Wahrnehmung verändert sich, erklärt der Forscher, je nach Person, Alter und Situation. Will die 93-jährige Grossmutter auf «sanfte Weise» ihr Leben beenden, stösst das auf grössere Akzeptanz, als wenn eine 48-jährige Frau mit chronischer Erkrankung den gleichen Wunsch äussert. Die Begleitung eines Menschen, der sterben möchte, ist für die Angehörigen eine Herausforderung. «Wir müssen daran denken: Letztlich sterben wir nicht für uns. Wir sterben für die anderen, die weiterleben.» Sterbefasten verlaufe individuell, aber in zwei Phasen. «In der ersten Woche ist es noch umkehrbar», erklärte Fringer. «Es gibt sogar sehr klare Momente.» In der zweiten Woche stellt die Niere ihre Funktion ein. Mögliche Komplikationen sind Schmerzen, Übelkeit oder Verwirrung. Nach rund drei Wochen tritt meist der Tod ein.

Interessant seien Ergebnisse von Umfragen. Zum Beispiel bei Spitex-Leitungen: 85 Prozent haben sich mit dem Begriff auseinandergesetzt. 49 Prozent sind damit in der Praxis vertraut. 73,5 Prozent aller Befragten bezeichneten das Sterbefasten als einen «natürlichen Tod». «Wir dürfen aber nicht in eine Falle tappen», warnte Fringer. Vor allem Professionelle müssen – bei aller Offenheit – genau hinzuschauen. «Wir dürfen nicht pauschalisieren oder gar ein Label daraus gestalten.»