Ewiger Stein, flüchtiges Sein: Im Frauenfelder Eisenwerk endet die Ausstellung der Werke von Künstlerin Karin Reichmuth

Am 5.November findet im Shed des Eisenwerks Frauenfeld die Finissage von Bildhauerin Karin Reichmuth statt. Ein letztes Mal sind ihre Werke in Form von Affen, Ungeborene oder einem Pulpo anzutreffen.

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Karin Reichmuth und Mirjam Wanner, Co-Kuratorin des Shed, neben «Die drei Affen».

Karin Reichmuth und Mirjam Wanner, Co-Kuratorin des Shed, neben «Die drei Affen».

(Bild: Dieter Langhart)

«Ich werde, du wirst, es wirrt»: Der leicht ironische Titel der Ausstellung passt zur Ernsthaftigkeit, mit der Karin Reichmuth Kunst macht. Und zu ihrer Vielseitigkeit, denn die Ostschweizer Bildhauerin, Jahrgang 1979, arbeitet auch installativ und mit anderen Medien. Ihre Werke füllen die Shedhalle locker – mit den Assoziationen, die sie beim Betrachter erzeugen. Wer es nicht zur Finissage am Donnerstag schafft, hat das Nachsehen, denn das ebenso poetische wie surreale Werk Reichmuths lohnt genaues Hinsehen.

Kuratorin Mirjam Wanner kennt Karin Reichmuth von Visarte Ost und wollte für den Shed eine Künstlerin, die mit Stein und installativ arbeitet und hier ausreichend Raum findet. Unter Reichmuths neuen Arbeiten sind etwa «Die drei Affen», zu denen sich ein aktueller gesellt, «Affe im Lockdown». Knubbelig und zugleich hintersinnig wirkt die Gruppe und wird in Bildern an der Wand gespiegelt, deren kantiger Duktus eine Installation aus Plexiglaskristallen am Boden aufgreift.

Auch den Polpo variiert sie in «Polpo-sition»: weiss, grau, schwarz, irgendwo zwischen Mythologie und Science-Fiction angesiedelt. Und auf einem Küchentisch kriecht wahrhaftig ein Octopus aus einer Kiste aus Styropor – und man fährt sacht und irritiert über den Styropor aus Carrara-Marmor, der sich nicht wegrubbeln lässt.

Karin Reichmuth in der Shed des Eisenwerks mit ihrer Ausstellung «Ich werde, du wirst, es wirrt».

Karin Reichmuth in der Shed des Eisenwerks mit ihrer Ausstellung «Ich werde, du wirst, es wirrt».

(Bild: Dieter Langhart)

Hinten in der Halle schlafen zwei Ungeborene auf ihrer Nabelschnur: ein weisser aus Carrara auf einem Sockel, ein zweiter auf rotem Filz am Boden, aus dem bräunlichen Marmor von Untersberg bei Salzburg, wo Reichmuth an der Sommerakademie gelehrt hat. Die Babys lösen ambivalente Gefühle aus, sind Archetypen für das Werden, Assoziationen zu «Es wirrt».

Und da stehen noch mehr der leise irritierenden Skulpturen im Raum: das Verlängerungskabel aus einer Werkstatt wird zum edlen Carrara-Modell, und für «I want to brake free» hat Reichmuth einen Staubsauger mit Fell überzogen und eine Zeitschaltuhr angeschlossen: ernste Spielereien mit den Begriffen urzeitlich und fortschrittlich. Die Künstlerin nimmt einen Bruch in der Zeit wahr, eine Verzerrung der Zeit.

Der «Blubb» auf dem Sockel sodann, ein mächtiger Donut aus weissem Carrara, korrespondiert mit elf kleinen «Bubbles» am Boden – und die wiederum mit der Animation «Octo_bubbles» am Bildschirm. Die übermalten 3D-Scans an einer Wand nehmen einige der skulpturalen Themen auf und wirken als medialer Kontrast.

In ihrer Ausstellung stellt Karin Reichmuth das Physische – die aufwendige Knochenarbeit am Marmor also – der Schnelligkeit der sozialen Medien und unserer Zeit gegenüber als eine Art «Archäologie des Cyberspace». Mit ihrer variantenreichen und erfindungsreichen Kunst bewegt sie sich zwischen Mikro- und Makrobereich, zwischen dem Sichtbaren und dem Erahnbaren. «Ich werde, du wirst, es wirrt» ist eine thematisch schlüssige, wenn auch medial etwas ausufernde Auslegeordnung des Widerstreits zwischen dem ewigen Stein und dem flüchtigen Sein.

Finissage: Do, 5.11., 19–21 Uhr; Anmeldung erbeten (eisenwerk.ch); instagram/karinrmuth