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«Etwas lasch»: Die Stimmung beim letzten Rickenbacher Katerball hebt sich erst spät

Am Donnerstag fand er zum letzten Mal statt: der Katerball in Rickenbach. Wie viele Gäste kamen, wollen die Organisatoren nicht verraten. Womöglich sind sie enttäuscht. Die Gäste liessen lange auf sich warten.
Lara Wüest
Schön und zum Teil ein bisschen versaut: Einige Gäste trugen am letzten Katerball zum Teil sehr aufwendige Kostüme. Damit verliehen sie dem einst rauschenden Fest noch einmal ein bisschen Glanz. Vereinzelte von ihnen hielten bis in die frühen Morgenstunden durch. Bilder: Lara Wüest

Schön und zum Teil ein bisschen versaut: Einige Gäste trugen am letzten Katerball zum Teil sehr aufwendige Kostüme. Damit verliehen sie dem einst rauschenden Fest noch einmal ein bisschen Glanz. Vereinzelte von ihnen hielten bis in die frühen Morgenstunden durch. Bilder: Lara Wüest

Ruhig ist es an diesem schmutzigen Donnerstagabend auf Rickenbachs Strassen, kaum eine Menschenseele unterwegs. Vereinzelt brummt der Motor eines Autos durch die Stille. Nur vor dem Mehrzwecksaal der Gemeinde findet sich ein bisschen Leben.

Hell leuchten die Lichter aus einem weissen Eingangszelt in die dunkle Nacht. Es ist der Eingang zum Katerball. Davor stehen vier Sicherheitsleute, die aufpassen, dass niemand unter 18 Jahren in den Mehrzwecksaal hineinkommt. Bisher haben die drei Männer und die Frau in Uniform aber kaum etwas zu tun – die Gäste lassen auf sich warten. Fast den ganzen Abend, wie sich später herausstellen sollte.

Doch davon wissen die vier Männer, die sich vor dem Saaleingang hinter dem Zelt unterhalten, zu diesem Zeitpunkt noch nichts. Noch hoffen sie, dass der heutige Ball ein bisschen an alte Zeiten anknüpft, als das Fest noch bis über die Kantonsgrenze hinaus bekannt war.

Der Katerball findet heute zum letzten Mal statt und der letzte Ball soll schliesslich in Erinnerung bleiben. Einer der Männer ist Walter Rotach. Er sagt: «Früher war der Katerball das Highlight vom Jahr.» In seinem Gesicht spiegelt sich eine Mischung aus Melancholie und Nervosität.

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Katerball Rickenbach

Der mittelgrosse Mann mit kurzem, grauem Haar trägt weder Kostüm noch Maske, dafür ein Mikrofon im Ohr. Rotach ist Mitglied im Rickenbacher Männerchor und heute Abend verantwortlich für die Sicherheit. Zusammen mit dem Musikverein und der Faustballgemeinschaft hat der Männerchor den Ball organisiert. Früher war auch der Turnverein beteiligt, doch dieser zog sich bereits im letzten Jahr zurück. Zu klein war die Anzahl Gäste in den vergangenen Jahren geworden und zu gering fielen die Einnahmen aus. «Im letzten Jahr hatten wir zum ersten Mal eine Nullrunde», so Rotach.

Ein alter Brauch, der Grenzen überschreitet

Die Fasnacht ist ein Brauch, der weit zurückreicht. Der Volkskundler Konrad Kuhn von der Universität Innsbruck, der auch über die Schweizer Fasnacht forscht, schätzt ihre Anfänge auf das Spätmittelalter. Vor der 40-tägigen Fastenzeit im Frühling feierten die Christen damals ein ausschweifendes Fest, um die Grenzen nochmals zu überschreiten. Kuhn sagt:

«Die Menschen wollten saufen, fressen, sich sexuell austoben. Es ging und geht bei der Fasnacht stets auch um den Exzess.»

Heute fasten vor Ostern längst nicht mehr so viele wie früher, der christliche Hintergrund der Fasnacht hat an Bedeutung verloren. Doch das Bedürfnis nach Masslosigkeit ist geblieben. «Die Fasnacht dient nach wie vor dazu, die Norm auszuhebeln und die Regeln für kurze Zeit zu brechen», so der Experte. Nur die Regeln, sagt er, die hätten sich geändert. «Früher war ein Kuss von einer fremden Person bereits aussergewöhnlich», sagt Kuhn. Heute, in Zeiten von Tinder, sei ein solcher kaum der Rede wert.

Auch kurz vor zehn noch ein halb leerer Saal

Mittlerweile ist es kurz vor zehn und der schummrige Mehrzwecksaal in Rickenbach halb voll. Auf die Frage, wie er mit dem Ball bis jetzt zufrieden sei, zuckt Walter Rotach mit den Schultern. «Der Ansturm sollte jetzt eigentlich kommen», sagt er und eilt sogleich Richtung Ausgang, um dort auf diesen zu warten.

Ein paar Konfetti liegen im Saal am Boden, die Luft riecht nach den Würstchen, die der Musikverein an hungrige Gäste verkauft. Eine Zweimannband versucht mit Schlagern und Mainstream-Songs, die Stimmung zu heben. Erfolg hat sie nicht. Die Leute tanzen nicht, sondern stehen herum. Einige ziehen eher lange statt fröhliche Gesichter. Eine Frau aus dem Frauenturnverein Rickenbach, die sich, wie ihre Vereinskolleginnen, als Jasskarte verkleidet hat, sagt:

«Es ist etwas lasch. Ich bin enttäuscht, dass nicht mehr Leute hier sind.»

Nur die Kostüme werden mit den Stunden ausgefallener. Da sind etwa die drei jungen Frauen im Erdbeergewand, die zum zweiten Mal am Ball teilnehmen und sagen es sei schade, dass es der letzte sei. Aber zugleich finden sie es auch nicht so schlimm, weil es «ja noch anderes» gibt. Und meinen damit nicht zwingend die Fasnacht.

Steht das Ende des Katerballs für den Niedergang eines alten Brauches? Experte Kuhn verneint:

«Die Fasnacht ist sehr lebendig. Es gibt immer noch viele Regionen, in denen sie eine grosse Bedeutung hat.»

In Rickenbach, vermutet er, hätten sich wohl einfach die Bedürfnisse der Bevölkerung verändert und würden sich in anderen Fasnachtsformen ausdrücken.

Die Feierlaune kommt zum Schluss

Um halb elf am Abend füllt sich der Saal in Rickenbach doch noch. Im Eingang wartet eine Guggenmusik auf ihren Auftritt, die Zahl der Gäste scheint plötzlich verdoppelt. Sobald die Musiker ihr Spiel beginnen, hebt sich mit der Lautstärke auch die Stimmung. Die Gäste beginnen zu tanzen, einige gar zu johlen und zu grölen. Ganz dicht stehen sie nun beieinander, ein Durchkommen zwischen ihnen ist schwer. «Jetzt ist es super», sagt ein junger Mann im Königskostüm.

Nun ist also doch noch ein Hauch davon zu spüren, was die Fasnacht eigentlich sein sollte: ein berauschendes Fest zur Betäubung der Sinne. Ein Exzess, als gäbe es kein Morgen, aus dem einen erst der Kater am nächsten Tag in den Alltag zurückholt.

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