«Es war brutal, makaber, wie ein Schlag ins Gesicht»: So erlebte der Betriebsleiter des Schweinestalls den Grossbrand in Herdern

Am Dienstagmorgen stand im thurgauischen Herdern ein Schweinestall in Flammen. Der Betriebsleiter Ernst Zellweger hatte den Brand entdeckt und versucht, die Tiere zu retten. Der Stall brannte komplett nieder – für rund 160 Tiere kam jede Hilfe zu spät. Immerhin 20 Schweine konnten gerettet werden.

David Grob
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Der Schweinestall auf dem Berghof in Herdern ist abgebrannt.
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Der Stall gehört dem Massnahmenzentrum Kalchrain.
Ein Teil der geretteten Schweine durfte bei den anderen Freilaufschweinen einziehen.
Den Stallanbau hat es zum Glück nicht getroffen.
Gerettete Schweine: Die Kratzer am Bauch der Schweine sind nicht vom Brand sondern von der Zusammenführung der Gruppen (Teenager). Sie zwicken und rämpeln sich gegenseitig.
Gerettete trächtige Mutterschweine.
Zwei Militärhubschrauber kreisten lange Zeit über dem Unglücksort.
Personen wurden beim Brand nicht verletzt.
Beim Brand des Schweinestalls kamen rund 160 Tiere ums Leben.
Am Dienstagmorgen stand im thurgauischen Herdern ein Schweinestall in Flammen.
Gemäss Augenzeugen waren die Flammen bis nach Frauenfeld zu sehen.
Die Feuerwehr konnte die Tiere retten – ob es jedoch alle Schweine sind, ist derzeit noch unklar.
Die rund hundert Einsatzkräfte haben den Brand kurz vor 7 Uhr gelöscht.

Der Schweinestall auf dem Berghof in Herdern ist abgebrannt.

Bild: Andrea Stalder

Wie zum Hohn zu den schrecklichen Ereignissen, die sich hier auf einem Schweinemastbetrieb oberhalb Herderns am Dienstag in den frühen Morgenstunden abgespielt haben, entfaltet sich am Horizont blass das Alpenpanorama in seiner vollen Pracht. Stunden zuvor ist ein Stall in Vollbrand gestanden. Rund 160 Schweine verendeten in den Flammen, nur 20 konnten gerettet werden. 100 Feuerwehrleute, 35 aus Herdern und 65 aus Frauenfeld, standen im Einsatz. Laut Augenzeugen waren die Flammen bis in den Kantonshauptstadt zu sehen.

Jetzt, Stunden später, steigt nur noch Rauch aus der Brandruine auf, ein Bagger der Feuerwehr entfernt Brandschutt. «Wir müssen die letzten Glutnester finden und löschen», sagt Martin Stäheli, Kommandant der Feuerwehr Herdern. Anschliessend werde Brandwache gehalten. Zum Schluss werde aufgeräumt. Kurz nach fünf Uhr ist der Alarm bei der Notrufzentrale eingegangen. Rund zwei Stunden später hat sich die Situation beruhigt. «Wir hatten das Feuer relativ rasch unter Kontrolle», sagt Stäheli.

Ein harter Schlag für den Betriebsleiter

Seit rund drei Jahren führt Ernst Zellweger den Hof, der zu den Betrieben des Massnahmezentrums Kalchrain gehört. Zellweger, zusammengekniffene Augen, eine Wollmütze schräg auf dem Kopf, lebt in einem weissen Haus auf dem Hof, knapp dreissig Meter neben der rauchenden Ruine, die einst der Stall gewesen war. Er habe den Brand entdeckt, erzählt Zellweger. Laute Knalle hätten ihn geweckt:

«Im ersten Moment habe ich mich im Bett gedreht. Dann aber bin ich in den Nebenraum und habe das Feuer gesehen.»
Ernst Zellweger, Betriebsleiter Schweinestall.

Ernst Zellweger, Betriebsleiter Schweinestall. 

Bild: Andrea Stalder

Er reagierte schnell. Anruf bei der Feuerwehr, ein Sprint zum Stall. Er habe versucht, die Tiere zu retten, die noch zu retten waren. «Dank des schnellen Einsatzes des Betriebsleiters konnten rund 20 Tiere aus dem brennenden Stall gerettet werden», sollte es später in der Medienmitteilung der Kantonspolizei Thurgau heissen.

Jetzt auf dem Hof, einige Stunden nach dem Brand, ist Zellweger sichtlich betroffen. Er führt über den Hof, zeigt, wo die überlebenden Schweine untergebracht sind. Als eines der überlebenden Ferkel laut quiekt, dreht er sich schnell ab. Man mag sich nicht vorstellen, wie die Schreie der verendenden Tiere sich mit dem Lodern des Brandes sich zu einem unheilvollen Crescendo vereint haben. Zellweger sagt:

«Es war brutal. Makaber. Wie ein Schlag ins Gesicht.»

Er führt ins dritte Gebäude, wo jetzt einige der überlebenden Schweine untergebracht sind. Körper an Körper, Bauch an Rücken liegen die Ferkel und Schweine auf dem Boden. Nur manchmal zuckt ein Tier zusammen. «Sie stehen unter Schock. Sie sind nicht sich selbst. Ganz apathisch», meint Zellweger.

Die gerettete Schweine im Stall im Nebengebäude. Die Kratzer am Bauch der Schweine sind nicht vom Brand sondern von der Zusammenführung der Gruppen. Sie zwicken und rempeln sich gegenseitig an.

Die gerettete Schweine im Stall im Nebengebäude. Die Kratzer am Bauch der Schweine sind nicht vom Brand sondern von der Zusammenführung der Gruppen. Sie zwicken und rempeln sich gegenseitig an. 

Bild: Andrea Stalder

Gerettete Schweine flohen in die Wälder

Hansjörg Lüking, Leiter Kalchrain.

Hansjörg Lüking, Leiter Kalchrain.

Bild: Andrea Stalder

Beim Wohnhaus steht Hansjörg Lüking, Leiter des Massnahmezentrums in Kalchrain, während hinter ihm weiter Rauch aufsteigt. Er sagt: 

«Es tut weh, dass so viele Tiere gestorben sind. Doch zum Glück ist kein Mensch
zu Schaden gekommen.»

Die rund 20 geretteten Tiere seien während des Brandes in alle Richtungen in die Wälder geflohen, sagt Lüking. «Es hat rund zwei Stunden gedauert, sie wieder einzufangen.» Jetzt sind sie in verschiedenen Ställen auf dem Hof, in anderen Betrieben des Massnahmezentrums und auf einem Feld in der Nähe des Mastbetriebes untergebracht.

Rund 20 Schweine konnten aus den Flammen gerettet werden.

Rund 20 Schweine konnten aus den Flammen gerettet werden.

Bild: BRK News

Die rund 20 geretteten Tiere seien während des Brandes in alle Richtungen in die Wälder geflohen, sagt Lüking. «Es hat rund zwei Stunden gedauert, sie wieder einzufangen.» Jetzt sind sie in verschiedenen Ställen auf dem Hof, in anderen Betrieben des Massnahmezentrums und auf einem Feld in der Nähe des Mastbetriebes untergebracht.

Auf dem Hof arbeiteten junge Straftäter

Auf dem Hof arbeiteten ein bis zwei Jugendliche des Massnahmezentrums Kalchrain. Dieses bietet straffälligen männlichen Jugendlichen die Möglichkeit zur Resozialisierung nach dem Strafgesetzbuch. Lüking sagt:

«Einer der Jugendlichen war ganz durcheinander und wollte immer wieder in den brennenden Stall zu den Tieren.»

Was den Brand ausgelöst hat, bleibt unklar. Die Brandermittlung und der kriminaltechnische Dienst haben die Untersuchung aufgenommen.
Nachmittags kommt Regen auf. Er wird die letzten Glutnester löschen. Und passt besser zur Tragödie als das Bergpanorama.

Stallbrände in Ostschweiz

Frauenfeld, Marbach, Hundwil und Waldstatt im Appenzell Ausserhoden, Sax im Rheintal: In den vergangenen Monaten brannten in der Ostschweiz verschiedene Scheunen oder Ställe nieder. Nicht immer gingen sie glimpflich aus: Am 14. Dezember starben rund 200 Mastschweine in einem Stall in Hundwil. Besonders verheerend war der Brand in Sax am 6. Januar. Rund 400 Schweine fielen den Flammen zum Opfer. Die Ursachen für die Brände sind unterschiedlich: ein Elektroverteilkasten, ein Cheminée. Ungeklärt ist der Brand in Waldstatt. (dar)

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