Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

«Es helfen nur Anreize, um im Thurgau erneuerbare Energien zu fördern»

Der Leiter des kantonalen Kompetenzzentrums für Energie Andrea Paoli in Frauenfeld erklärt, warum Windkraftprojekte momentan stagnieren. Er schätzt den Stand der erneuerbaren Energie im Kanton ein und blickt in die Zukunft der Energieversorgung. Strom aus erneuerbaren Quellen könnte dereinst den ganzen Kanton versorgen.
David Grob
Andrea Paoli zieht im Interview über die Nutzung von erneuerbaren Energiequellen ein positives Fazit für den Kanton Thurgau. (Bilder: Andrea Stalder)

Andrea Paoli zieht im Interview über die Nutzung von erneuerbaren Energiequellen ein positives Fazit für den Kanton Thurgau. (Bilder: Andrea Stalder)

Andrea Paoli, wie zufrieden sind Sie mit der Nutzung von erneuerbarer Energie?

Wir haben momentan eine Überprüfung unserer Zielsetzung im Gange. Dort wird ersichtlich, dass wir bei der Nutzung von erneuerbarer Energie und Energieeffizienz im Bereich Wärme auf gutem Weg sind. Beim Stromverbrauch und dem Verbrauch fossiler Energien im Verkehr erreichen wir die Ziele aber nicht.

Woran liegt das?

Die Anreize im Strom- und Verkehrsbereich sind zu klein. Hingegen ist die erneuerbare Stromproduktion attraktiv, da die Solarstrom-Panels erschwinglicher geworden sind, wodurch sie mehr nachgefragt werden. Auch im Raum Frauenfeld. Vor ein paar Jahren forderte in Frauenfeld eine Initiative zwei Quadratmeter Solarpanels pro Person in Frauenfeld. Dieses Ziel wurde übertroffen.

Welche Projekte finden Sie im Moment am interessantesten?

Die Windkraft-Projekte, die in den letzten Jahren viel Aufmerksamkeit erhalten haben. Die Windmessungen waren bei allen möglichen Standorten positiv.

Und trotzdem pausieren momentan alle Windkraftprojekte...

Das ist richtig. Momentan wird der Richtplan, der die Gebiete für Windkraftprojekte definiert, neu aufgelegt. Kommt der Richtplan in der Politik positiv an, besteht eine Grundlage für die Weiterführung der Projekte. Der Richtplan gibt die Bedingungen vor. Die Entscheidungshoheit liegt aber bei den Gemeinden.

Von allen erneuerbaren Energien weht der Windkraft aus der Bevölkerung am meisten Gegenwind entgegen. Woran liegt das?

Ich muss hier etwas ausholen... Windkraftanlagen verursachen Veränderungen in der Landschaft. Und es braucht Zeit, damit diese akzeptiert werden. Es sind langsame Prozesse, die erst in den Köpfen stattfinden müssen. Landschaftliche Veränderungen wie jetzt durch Windkraft gab es schon immer. Wir bauten Autobahnen, Häuser, Schlösser – die Landschaft ist nicht unberührt. Das alles sind vergangene Veränderungen. Wir konnten in diesem Sommer wieder feststellen, dass die Klimaveränderung unsere Landschaft viel drastischer verändern wird als menschliche Bauten. Die Klimaveränderung wird die Landschaft, die Tier- und Pflanzenwelt stark umwandeln. Das ist viel dramatischer als ein Windrad oder ein Geothermiekraftwerk.

«Die Klimaveränderung wird die Landschaft viel drastischer verändern als ein Windrad oder ein Geothermiekraftwerk.»

Wie können Sie diesen Veränderungsprozess beeinflussen?

Wir versuchen hier, mit drei Schritten Einfluss zu nehmen. Mit Information wird an die Eigenverantwortung jedes Einzelnen appelliert. Aber die Eigenverantwortung ist leider begrenzt. Das zweite Instrument besteht deshalb darin, Anreize zu schaffen. Förderbeiträge sind klassische Anreize, die ein Marktversagen ausgleichen. So mag eine Wärmepumpe zwar teurer sein als eine Ölheizung – mit einem Förderbeitrag wird dies aber ausgeglichen. Ein drittes Instrument sind schliesslich Regulatorien: Verbote und Richtlinien. Das letzte Instrument mag niemand. Grundsätzlich muss man erwähnen, dass die Kosten der Klimaveränderungen – schmelzende Gletscher, Murgänge und so weiter – nicht der Konsument über seinen Energieverbrauch bezahlt, sondern die Allgemeinheit über Steuern. Und das ist ein klassisches Marktversagen. Deshalb muss der Staat eingreifen.

Andrea Paoli: «Wir versuchen mit drei Schritten erneuerbare Energien zu stärken: Information, Anreize und Regulatorien.»

Andrea Paoli: «Wir versuchen mit drei Schritten erneuerbare Energien zu stärken: Information, Anreize und Regulatorien.»

Was bedeutet Eigenverantwortung für Sie?

Wir stellen fest, dass nur etwa zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung die Eigenverantwortung wahrnimmt und freiwillig einen Beitrag leistet. Die restlichen 85 Prozent reagieren erst auf Anreize oder Regulatorien. Mit Anreizen kann das freiwillige Handeln deutlich verstärkt und damit viel erreicht werden.

Warum handeln nur so wenig Leute aus freiwilligem Antrieb?

Ich möchte hier den wissenschaftlichen Begriff des sozialen Dilemmas einführen. Der Begriff bedeutet folgendes: Jeder weiss, dass beispielsweise eine Ölheizung nicht ökologisch ist. Aber da die Kosten tiefer sind als eine andere Lösung und der Schaden an der Umwelt von allen getragen wird, hat der Einzelne trotzdem einen Vorteil. Eine Wärmepumpe hingegen kostet mehr. Der Einzelne muss mehr einbringen, der Nutzen entsteht aber für alle. Und da jeder Mensch seinen eigenen Vorteil sucht, entsteht dadurch ein Dilemma zwischen Eigennutz und Nutzen für die Allgemeinheit. Aus dieser Perspektive ist es für den Einzelnen günstiger, die anderen handeln zu lassen. Dieses soziale Dilemma zwingt uns zu Aufklärung, aber auch zu Anreizen und Regulatorien.

Sieht man bereits Resultate der Anreize?

Die sieht man deutlich, etwa bei den Solarstrom-Panels. Hier spielen zwei Faktoren eine Rolle: Die staatlichen Förderbeiträge, welche die Nachfrage angeregt haben und der damit verbundene Preisrückgang. Solarstromanlagen sind heute wirtschaftlich interessant, wenn der Eigenverbrauch optimiert wird. Unter diesen Bedingungen sagen sich die Leute immer mehr: ‹Ich mach das.›

Wie kann über den freien Markt der Anteil an erneuerbarer Energie erhöht werden?

Der freie Markt muss natürlich spielen. Er garantiert Innovationen, die der Staat eine Zeit lang mit Förderbeiträgen unterstützen kann, bis sich die Innovationen etabliert haben und vermehrt nachgefragt werden. Förderbeiträge korrigieren den Marktpreis so, dass Konsumenten eher auf erneuerbare Energie setzen. Ich bin überzeugt, dass der freie Markt ein grosses Innovationspotenzial bietet und deshalb spielen soll. Voraussetzung wäre, dass die effektiven Kosten im Energiepreis abgebildet würden.

Verwendet der Kanton selbst auch erneuerbare Energie?

Der Kanton übernimmt natürlich eine Vorbildfunktion, die er meines Erachtens auch sehr gut wahrnimmt. So werden die eigenen Gebäude energietechnisch gut saniert, Neubauten im Minergie-P-Standard erstellt und etwa alte Erdölheizungen durch Wärmepumpen ersetzt. Ebenso setzt er auf Solarstromanlagen und zwar in einem beachtlichen Ausmass. Diese sind für den Kanton eine der wenigen Möglichkeiten, Strom für den Eigenbedarf zu produzieren.

«Der Kanton übernimmt eine Vorbildfunktion.»

Wo sehen Sie das grösste Entwicklungspotenzial von erneuerbarer Energie im Kanton?

Das kleinste Potenzial liegt sicher im Bereich der Wasserkraft. Unser Kanton bietet nur wenig Gefälle für Wasserkraftwerke. Etwas besser sieht es schon bei der Biomasse insbesondere Holz aus. Windenergie weist ein grosses Potenzial auf. Rund 15 Prozent des gesamten Strombedarfs könnte mit optimal genutzter Windkraft abgedeckt werden. Das grösste Potenzial liegt meines Erachtens aber im Bereich der Solarenergie und der Geothermie.

Wie viel des Gesamtbedarfs an Strom könnte mit erneuerbarer Energie abgedeckt werden?

Wenn alle Potenziale genutzt und die Effizienz weiter gesteigert werden, dann wäre es denkbar, dass wir unseren gesamten Strombedarf mit erneuerbarer Energie decken könnten. Die Stromautarkie ist aber keine Zielsetzung. Im Bereich der Wärmeversorgung würden die eigenen Ressourcen reichen, um unseren Bedarf zu decken. Dazu wären aber mehr Wärmepumpen und Holzheizungen nötig. Wie gross ist das Budget der Energieförderung im Kanton? Wir sind mit einem kantonalen Budget von rund sieben Millionen gut aufgestellt. Hinzu kommen weitere zehn Millionen Franken vom Bund. Insgesamt also 17 Millionen Franken.

«Es ist denkbar, dass der gesamte Strombedarf mit erneuerbarer Energie gedeckt werden kann, wenn alle Potenziale genutzt werden.»

Müsste der Kanton sein Budget für Energie erhöhen?

Im Moment denke ich nicht. Es kommt darauf an, wie das Geld eingesetzt wird. Unsere Zielsetzung ist es, pro eingesetztem Franken eine maximale Wirkung zu erzielen. Wir versuchen, so viel zu zahlen, dass die Bauherren gerade noch auf erneuerbare Energie setzen. Dies läuft momentan gut.

Was bedeutet die Energiestrategie 2050 des Bundes für den Thurgau?

Die Energiestrategie 2050 wurde von der Thurgauer Stimmbevölkerung angenommen. Unsere kantonale Energiestrategie, die wir seit Jahren verfolgen, deckt sich mit der Energiestrategie 2050. Deshalb ändert sich für uns nicht viel. Konkrete Massnahmen, die wir nun ergreifen müssen, gibt es etwa im Bereich der Windkraft. Optimale Gebiete für Windkraft müssen definiert werden. Im Bereich Solarstromanlagen wird der Eigenbedarf gestärkt. Neu können Solarstromproduzenten ihren Strom auch über die Parzellengrenze hinweg verkaufen. Damit wird vermehrt dezentral produziert, was die Stromnetze entlastet.

Wie sieht die Energiezukunft des Thurgaus aus?

Die Energieversorgung wird sich in den nächsten Jahren verändern. Sie wird dezentraler – mehr Solarstrom, mehr Biogas-, mehr Holzenergieanlagen. Die Nutzung von erneuerbarer Energie wird zunehmen. Auch im Bereich der Energieeffizienz stimmt der Weg. Gebäude werden saniert und sind besser isoliert. Im Bereich Mobilität sind wir angehalten, von Verbrennungs- auf Elektromotoren umzusteigen. Dieser Wandel wird aber sicher nicht so schnell erfolgen wie erhofft. Strategisch ist der Kanton gut aufgestellt. Die Lösungen sind da. Jetzt müssen sie umgesetzt werden.

Glauben Sie an eine Zukunft ohne fossile Energie und Kernenergie?

Kommt auf den Zeithorizont an (lacht). Ja, ich glaube daran. Aber es wird noch lange dauern. Die fossilen Energien werden uns noch mindestens hundert Jahre lang begleiten. Die heute bekannten Technologien in der Kernenergie sind jedoch nicht zukunftsfähig und werden von der Bevölkerung abgelehnt. Neue Technologien, welche die bestehenden Probleme lösen könnten, würden allenfalls einen Aufschwung bewirken.

«Ich glaube an eine Zukunft ohne fossile Energien. Aber es wird noch lange dauern.»

Ihr vorläufiges Fazit: Ist die erneuerbare Energie im Kanton Thurgau auf einem guten Weg?

Beim Stromverbrauch sind wir leider noch nicht auf Zielkurs. Dafür sind wir bei der Reduktion des Verbrauchs von fossiler Energie in Gebäuden auf Kurs. Und explizit im Bereich der erneuerbaren Energien: Ja, da sind wir auch auf gutem Weg.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.