Erste Critical-Mass in der Ostschweiz: Dank Nachhilfe aus Zürich wechseln die Frauenfelder Velofahrer auf die Überholspur

Aufgepasst, Autofahrer! Diesen Samstag findet die erste Frauenfelder Critical-Mass statt. In Zürich gehen jeden letzten Freitag im Monat bis zu 950 Velofahrer auf die Strasse.

Mathias Frei
Drucken
Teilen
Wegen Rotlicht steht die Critical-Mass in Zürich an der Zollstrasse grad hinter dem Hauptbahnhof. (Bild: Ennio Leanza/Keystone)

Wegen Rotlicht steht die Critical-Mass in Zürich an der Zollstrasse grad hinter dem Hauptbahnhof. (Bild: Ennio Leanza/Keystone)

Das sind Bilder: Wenn Hunderte Velofahrerinnen und Velofahrer jeweils am letzten Freitag im Monat auf der Zürcher Hardbrücke in die Pedale treten. Das können Bilder werden: Wenn Hunderte Velofahrerinnen und Velofahrer jeweils am letzten Freitag die Rheinstrasse in Frauenfeld hinauf pedalen, beim Holdertorkreisel stehen bleiben, weil das Wilerbähnli Vortritt hat. Eine Gemeinsamkeit von Frauenfeld und Zürich: Aufgepasst auf die Wilerbähnli-Schienen respektive die Züritram-Schienen in der Strasse.

«Wir blockieren nicht den Verkehr, wir sind der Verkehr.»

Ende September waren es 950 Personen, die an der Critical-Mass in Zürich teilnahmen. Rekord. «Die Critical-Mass ist keine Demonstration, sondern ein spontanes, grosses Verkehrsaufkommen von Velos», heisst es auf www.criticalmass-zh.ch. Die unorganisierte September-Velotour dauerte 115 Minuten, 15,4 Kilometer wurden dabei zurückgelegt. Start wie immer am Bürkliplatz.

100'000 Leute an der Critical-Mass in Budapest

Unter dem Begriff Critical-Mass (CM; deutsch: kritische Masse) versteht man ein «spontanes, grosses Verkehrsaufkommen von Velos». Eine CM ist nicht hierarchisch und nicht zentral organisiert. Jemand ruft zu Ort und Zeitpunkt auf, wenn sich genug Gleichgesinnte einfinden, findet die CM statt, wobei das Erreichen dieser kritischen Masse nicht definiert ist. Erstmals fand eine CM 1992 in San Francisco (USA) statt. Im deutschsprachigen Raum begann die Bewegung 1997 in Berlin. Die weltweit grösste CM fand 2013 in Budapest statt mit 100'000 Teilnehmenden. Zürich hat seit 2011 eine regelmässige CM. Weitere Schweizer CM-Städte sind Genf und Winterthur. Im französischsprachigen Raum nennt sich die Bewegung Vélorution. (ma)

Seit 2011 gibt es in Zürich regelmässig Critical-Masses. Und nun erreicht die Bewegung Frauenfeld, diesen Samstag um 16 Uhr geht’s im Lindenpark hinter dem Bahnhof los. Pate stehen Velofahrer aus Zürich, die eine Tour an die Murg organisieren.

Wer zuvorderst fährt, bestimmt die Route

Auf der Facebook-Veranstaltungsseite der Frauenfelder Critical-Mass ist zu lesen: «Es gibt keine*n Organisator*in, es ist keine Route vorbestimmt. Wer zuvorderst fährt, legt den Weg fest. Zusammen schauen wir, dass alle mitkommen und sicher unterwegs sind.» Die Route am Samstag in Frauenfeld kommt also spontan zu Stande, gefahren wird eine bis zwei Stunden.

Bei einer Critical-Mass gehe es um die Freude am Velofahren und das Umkehren der Kräfteverhältnisse auf der Strasse, sagt Stefan Bruderer vom Verein Vélorution Suisse zur Förderung der Velokultur.

«In Zürich sind immer auch viele Familien dabei, es ist eine entspannte Velofahrt mit Freundinnen und Freunden.»

Das sagt Bruderer. Er, im Thurgau aufgewachsen, aber schon lange in Zürich wohnhaft, organisiert die Velotour nach Frauenfeld, die am Samstagvormittag um 10Uhr in Zürich startet. Er erwartet keine Zürcher Zahlen. «Wenn 20 Leute auf die Velotour kommen und in Frauenfeld nochmals so viele Velofahrerinnen und Velofahrer dazustossen, sind wir zufrieden.» Das wäre vergleichbar mit der Velotour von Zürich nach Luzern und der ersten Critical-Mass in der Leuchtenstadt.

Wann eine Gruppe Velofahrer zur kritischen Masse wird, ist relativ. In Frauenfeld würden zweifellos schon 40 Velofahrer im Samstagnachmittagsverkehr für Aufsehen sorgen. Fakt ist: Laut Artikel 43 der Verkehrsregelnverordnung des Bundes ist das Nebeneinanderfahren in einer geschlossenen Gruppe ab zehn Velos gestattet, «sofern der übrige Verkehr nicht behindert wird».

Darüber hinaus gilt es, an einer Critical-Mass die Verkehrsregeln einzuhalten. In Zürich wird diese unpolitische und friedliche Aktionsform von der Polizei toleriert. Zuletzt rief die Stadtpolizei Zürich die Critical-Mass-Teilnehmer dazu auf, Blaulicht-Fahrzeugen und ÖV stets Vortritt zu gewähren.

Critical-Mass Zürich: auf der Rämistrasse runter Richtung Bellevue. (Bild: Ennio Leanza/Keystone)

Critical-Mass Zürich: auf der Rämistrasse runter Richtung Bellevue. (Bild: Ennio Leanza/Keystone)

Benjamin Stricker, IG Velo Frauenfeld. (Bild: PD)

Benjamin Stricker, IG Velo Frauenfeld. (Bild: PD)

Die Kantonspolizei Thurgau hatte bis zur Anfrage der TZ keine Kenntnis von der ersten Frauenfelder Critical-Mass. Kapo-Mediensprecher Michael Roth sagt, man werde den Anlass in geeigneter Form begleiten. «Im Vordergrund steht die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer.» Auch Benjamin Stricker von der IG Velo Frauenfeld war nicht informiert, ist indes der Idee einer Frauenfelder Critical-Mass nicht abgeneigt.

Treffpunkt: Samstag, 12.Oktober, 16 Uhr, Lindenpark. www.criticalmass-zh.ch & www.velorution.ch; Facebook: 1. Critical-Mass Frauenfeld

FRAUENFELD: Aufbruchstimmung auf zwei Rädern

Sie hat Forderungen betreffend sicherem Velofahren gestellt, und die Stadt nimmt diese Anliegen auf. Die vor einem knappen Jahr ins Leben gerufene IG Frauenfelder Velo zeigt Wirkung – und kann offiziell mitwirken.
Mathias Frei

FRAUENFELD: Sicher auf dem Velo in der Stadt

Damit es sich gut anfühlt, wenn man in die Pedale tritt. Eine überparteiliche Gruppe von mehr als 60 Einwohnern hat einen Massnahmenkatalog zusammengestellt: kleine Anpassungen, die wenig kosten.
Mathias Frei