Ernüchternde Erkenntnisse punkto Klimaschutz in Frauenfeld: Pro-Kopf-Verbrauch an Energie ist nicht gesunken, sondern gestiegen

Der Stadtrat äussert sich in der Beantwortung einer Interpellation zum Stand des Frauenfelder Klimaschutzes.

Stefan Hilzinger
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Schülerinnen und Schüler an der Frauenfelder Klimademo im März 2019.

Schülerinnen und Schüler an der Frauenfelder Klimademo im März 2019.

Bild: Andrea Stalder
  • Zwei Gemeinderäte wollen vom Frauenfelder Stadtrat in einem Vorstoss wissen, wie es um die städtische Energie- und Klimapolitik steht. Jetzt hat der Stadtrat geantwortet. Das nächste Wort hat der Gemeinderat.
  • Mit Ernüchterung nimmt der Stadtrat zur Kenntnis, dass der Pro-Kopf-Verbrauch an Energie nicht gesunken, sondern gestiegen ist.
  • Seit der Liberalisierung des Strommarktes 2014 haben Grossbetriebe vermehrt auf Strom aus nicht erneuerbaren Quellen gewechselt, was nach Erkenntnis des Stadtrates die CO2-Reduktion bremste.
  • Mit mehreren Massnahmen sei es dem Stadtrat dennoch gelungen, fossile Energieträger zu ersetzen und dadurch mehrere hundert Tonnen CO2 einzusparen.
  •  Ob die Energiewende gelingt, hängt laut Stadtrat vom «Gestaltungswillen von Industrie, Gewerbe und letztlich von der Bevölkerung» ab.

«Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.» Dieses Zitat aus dem Matthäus-Evangelium könnte über den Antworten des Frauenfelder Stadtrats zur Interpellation der Gemeinderäte Irina Meyer (GLP) und Micheal Pöll (Grüne) stehen. Darin bezieht der Stadtrat Stellung, wie es um den Klimaschutz in der Thurgauer Hauptstadt steht.

Irena Meyer, Gemeinerätin GLP

Irena Meyer, Gemeinerätin GLP

Bid: PD

Manches hat der Frauenfelder Stadtrat in den vergangenen Jahren zwar schon erreicht, doch bei vielen hinkt auch Frauenfeld hinter den jüngsten Zielen des Pariser-Klimaabkommens hinterher. So ist etwa der Primärenergieverbrauch pro Kopf in den vergangenen Jahren nicht zurückgegangen, sondern sogar noch gestiegen.

«Der Stadtrat nimmt dies in Frauenfeld ernüchternd zur Kenntnis», heisst es in der Beantwortung der Interpellation Meyer/Pöll. Rund 75 Prozent der Pro-Kopf-Emissionen an CO2 stammt in Frauenfeld aus Industrie und Verkehr. Der Rest stammt aus privaten Haushalten und den kommunalen Gebäuden.

Liberaler Strommarkt bremste CO2-Reduktion

Michael Pöll, Gemeinderat Grüne

Michael Pöll, Gemeinderat Grüne

Bild: PD

Seit der Strommarktöffnung im Jahr 2014 für Grosskunden habe sich gezeigt, dass diese vermehrt auf preisgünstigen Strom aus nicht nachhaltiger Produktion ausgewichen seien. Obwohl die Stadt seit 2012 im Basisangebot 100 Prozent Naturstrom mehrheitlich aus Schweizer Wasserkraft anbiete, habe der Anstieg des CO2-Ausstosses nicht kompensiert werden können. Hier mache sich etwa auch bemerkbar, dass rund ein Drittel des Erdgasverbrauches in Frauenfeld auf einen einzigen grossen Industriebetrieb zurückgehe.

Die Interpellation

Die Gemeinderäte Michael Pöll und Irina Meyer reichten die Interpellation «Energie- und Klimastrategie Stadt Frauenfeld» am 21. August 2019 ein. 20 Gemeinderäte haben den Vorstoss mitunterzeichnet. Die Interpellanten wollen darin vom Stadtrat wissen, ob und wie er die Klimaziele von Paris – eine deutliche Senkung des CO2-Ausstosses bis 2050 – erreichen will. Nach der Beantwortung durch den Stadtrat steht nun die Diskussion im Gemeinderat an. Wann diese stattfindet, ist noch offen. (hil)

Als Energiestadt und einzige Gemeinde im Thurgau mit dem Gold Label bemühe sich die Stadt nach Kräften darum, die Klimaziel zu erreichen. So erstelle eine Arbeitsgruppe jährlich ein energiepolitisches Programm. Der Stadtrat genehmige das Programm mit jeweils rund 60 Massnahmen, um die Ziele des Richtplans zu Energie und Klima zu erreichen.

«Es braucht eine Abkehr von Erdgas und Erdöl»

Der Stadtrat begrüsse jegliche Schritte, die dabei helfen, die Emissionen an Treibhausgasen netto auf Null herunterzufahren. Damit dies bis 2030 gelingen könne, brauche es aber eine vollständige Abkehr von fossilen Brenn- und Treibstoffen, insbesondere im Strassenverkehr und bei den Gebäuden (Heizungen). Zitat aus der Beantwortung:

«Ohne den entsprechenden Gestaltungswillen von Industrie, Gewerbe und letztendlich der Bevölkerung sind diese Ziele aus Sicht des Stadtrates nicht zu erreichen.»

Der Stadtrat signalisiert, dass er bereit wäre, den kommunalen Richtplan und auch die Gemeindeordnung bei nächsten Revisionen um klimapolitische Formulierungen und Zielsetzungen zu ergänzen. Schliesslich listet der Stadtrat verschiedene Massnahmen auf, die er seit 2015 getroffen hat, um den CO2-Ausstoss durch Einsparung von Erdöl und Erdgas zu senken, so unter anderem:

  • durch geförderte Sanierungen von Gebäudehüllen (minus 900 Tonnen CO2)
  • durch Ausbau und Fertigstellung des Wärmerings (letztlich minus 4000 Tonnen CO2)
  • durch teilweise Nutzung der Abwärme der Kunsteisbahn zur Heizung der Schulanlage Auen (minus 220 Tonnen CO2)
  • durch Unterstützung von E-Mobilität und Ausbau von Ladestationen (Reduktion nicht quantifiziert).