Erinnerung an die Bomben: Der dunkelste Tag des Städtchens Stein am Rhein

Im Februar 1945 bombardierten die Alliierten fälschlicherweise Stein am Rhein. Am Samstag erinnerte man sich.

Peter Spirig
Drucken
Teilen
Passanten begutachten die Schäden am Untertor in Stein am Rhein.

Passanten begutachten die Schäden am Untertor in Stein am Rhein.

(Bild: Keystone, 22. Februar 1945)

Über Mittag gedachte man in der Stadtkirche Stein am Rhein der neun Toten, der Angehörigen, der Schwer- und der Leichtverletzten, der Ausgebombten und der Helfer. Zudem wurde daran erinnert, dass Häuser nicht mehr bewohnbar waren und zahlreiche Schäden in der Altstadt sowie ein schwerbeschädigtes Untertor verzeichnet werden mussten. Dessen Uhr blieb am 22.Februar 1945 um 12.35 Uhr stehen – weshalb am vergangenen Samstag zu dieser Zeit im Städtchen Glocken zu hören waren. Stadtpräsident Sönke Bandixen erwähnte während der offiziellen Feier, dass man seit diesem dunklen Tag in Frieden lebe, und rief dazu auf, gemeinsam zu Gunsten dessen zu arbeiten. Das erfordere Verständnis für alle Menschen.

Bombenschäden

Man rechnet für den Zweiten Weltkrieg insgesamt mit mehr als 50 Millionen Toten – einzelne Opfer waren auch im Kanton Thurgau zu betrauern. Materiellen Schaden richteten Bomben unter anderem in Kreuzlingen, Tägerwilen, Schlatt, Kümmertshausen, Mettlen, Schlattingen und Pfyn an. Schäden gab es in Diessenhofen als das deutsche Rheinufer bombardiert wurde. Druck und Sog waren so gross, dass auch auf Schweizer Seite Gebäude Schaden nahmen. Bomben zerstörten zudem den deutschen Teil der Brücke nach Gailingen. (psp)

Stadtarchivar Roman Sigg erinnerte, dass man aufgrund der gegen Ende des Zweiten Weltkrieges immer wieder ertönenden Fliegeralarme sorgloser wurde. Schliesslich flogen die Bomber mit ihrer Ladung immer weiter. Der eine entledigte sich diesmal aber seiner Last. Dabei sei das Ziel Bamberg gewesen. Besinnliche Worte sprachen Pfarrerin Johanna Tramer und Gemeindeleiter Thomas Mauchle – wobei die Stadtmusik während der Feier und Niederlegung eines Kranzes durch Bandixen und Regierungsratspräsident Martin Kessler spielte.

Das Flugzeug, die Bomben und eine Staubwolke

Unter den Zuhörenden befanden sich auch Zeitzeugen. Otto Schmid, der damals an der Landesgrenze wohnte. Er berichtete davon, den Kindergarten besucht und das Flugzeug, die Bomben und eine Staubwolke gesehen zu haben. Und er erinnerte sich, dass danach weniger Kinder in den Kindergarten kamen. Zeitzeuge Walter Oderbolz sagte, dass der damalige Pfarrer auf Burg sich in der Kirche sicher gefühlt und trotz Sirene und Hinweise eines Soldaten darauf verzichtet hatte, den Konfirmandenunterricht zu unterbrechen, um einen Schutzraum aufzusuchen.

Die Gedenkstätte auf dem Friedhof in Stein am Rhein.

Die Gedenkstätte auf dem Friedhof in Stein am Rhein.

(Bild: Peter Spirig)

Am Abend hatte der historische Verein ins Kino Schwanen zu einer Podiumsdiskussion mit den Historikern Hans-Jürg Fehr, Roman Sigg und Matthias Wipf sowie zu eindrücklichen Wochenschaufilmen geladen.

Navigator des Bombers bedauert seinen Fehler

Während der Diskussion war unter anderem zu erfahren, dass die Schweiz weder auf die Verteidigung des Luftraumes noch im Bereich Schutzraum für die Bevölkerung ausreichend gewappnet war. Und dass der noch lebende Navigator des Bombers seinen Fehler bedauere. Wobei erwähnt wurde, dass viele Bomber ihr Ziel verfehlten und sich ihrer Ladung irgendwie entledigen mussten, um wieder an den Stützpunkt gelangen zu können.

Mit Blick in die Zukunft wurden als Idee Lernorte für den Frieden erwähnt – und dass solche auch auf die Folgen eines Krieges aufmerksam machen sollten. Gescheitert sind solche Ideen bisher an der Finanzierung und der Politik, die davon nichts wissen wollte.

An der Podiumsdiskussion: Hans-Jürg Fehr, Roman Sigg und Matthias Wipf.

An der Podiumsdiskussion: Hans-Jürg Fehr, Roman Sigg und Matthias Wipf.

(Bild: Peter Spirig)
Mehr zum Thema:

Als Bomben über Schaffhausen fielen

Vor 75 Jahren warfen US-Bomber Hunderte Brand- und Sprengbomben ins Stadtzentrum von Schaffhausen. 40 Menschen starben. Es war die grösste Verletzung der Schweizer Neutralität. Ein neues Buch versucht, die letzten Fragen zum Abwurf zu klären.
Mark Liebenberg