Erbsendreschen im Schichtbetrieb in Warth-Weiningen

Früher waren Erbsen in der Region weit verbreitet. Heute sind Felder wie in Warth-Weiningen eine Rarität.

Christine Luley
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Die frisch gedroschenen Erbsen kullern in die Überladewagen. (Bild: Christine Luley)

Die frisch gedroschenen Erbsen kullern in die Überladewagen. (Bild: Christine Luley)

Auf einem Acker in Weiningen sind drei gigantische Maschinen unterwegs. Im Schritttempo fahren sie von aussen nach innen. Christian Stucki ist einer der drei Erbsendrescher. Der gelernte Landmaschinenmechaniker sitzt in einer gläsernen, klimatisierten Kabine, mehr als drei Meter über dem Boden. Die Besucherin mit der Kamera stört ihn kaum.

Aufmerksam steuert Stucki das schwere Gerät, vier kleine Monitore zeigen den Arbeitsverlauf. Er behält die Umgebung im Blick, weicht wegen einem Dohlendeckel aus. Die beiden kommen ein wenig ins Plaudern. Stucki erzählt von Begegnungen mit flüchtenden Hasen.

«Wir sind auch schon ausgestiegen und haben ein Rehkitz gerettet».

Der Erbsenpflückdrescher Ploeger EPD 540 ist knapp vier Meter breit und elf Metern lang. Sein Fünfzylinder-Diesel leistet 396 PS. So viel Technik sieht man nicht jeden Tag. Der Preis der Powermaschine entspricht etwa dem Wert eines mittleren Einfamilienhauses. Die Erbsenernte läuft ungefähr sechs Wochen, von Mitte Juni bis Ende Juli und die Maschine kommt nur dann zum Einsatz.

Einsatz vom Berner Seeland bis zum Bodensee

Die Lohnfahrer ernten in Zusammenarbeit mit lokalen Betrieben vom Berner Seeland bis zum Bodensee 450 Hektaren Erbsenfelder für die Firma Hilcona AG in Schaan FL. Gearbeitet wird im Schichtbetrieb, damit die eiweissreichen Hülsenfrüchte innert weniger Stunden zur weiteren Verarbeitung gelangen.

Für Stucki war um drei Uhr Tagwache. Nach dem Abernten des ersten Feldes in Frauenfeld warteten um 5.30 Uhr die Erbsen von Heinz Zimmermann im Geissel bei Warth-Weiningen auf das Team.

Frauenfelder Tradition «made in Lichtenstein»

In der Konservenfabrik Frauenfeld wurden jahrzehntelang Erbsen und Karotten aus der Gegend in Hero-Büchsen abgefüllt. 1998 stellte Hero die Konservenproduktion in Frauenfeld. Gemäss Stefan Däster produzieren im Thurgau heute rund 60 Landwirte auf 70 Feldern Erbsen für die Hilcona AG in Schaan FL. Die Firma arbeitet mit über 400 Schweizer Landwirten zusammen und verwendet für die Dosen- und Tiefkühlprodukte fast ausschliesslich Schweizer Gemüse ab Feld. Auch Frigemo in Mellingen AG und Ditzler in Möhlin schliessen mit den Landwirten noch Anbauverträge für Konservengemüse ab. (clu)

Erntemeister Martin Steffen koordiniert die Abläufe. Zeigt in der Pause, wie die unterhalb der Kabine angebrachte Walze mit Zinken die Schoten von den Pflanzen rupft. Diese ins Innere der Maschine befördert, wo die Hülsen von einem Rüttelsieb aufgebrochen werden.

Ein Förderband bringt die Erbsen in einen Bunker, der 3700 Liter fasst. Der überflüssige Teil der Pflanze, das Laub und die Hülsen fallen aufs Feld zurück. Ist der Sammelbehälter gefüllt, spuck die Maschine die leicht feuchten Erbsli in das nebenher fahrende Überladegerät.

Durchdachte Ernte von West nach Ost

Der Traktorfahrer kippt sie in die am Feldrand bereitstehende Transportmulde. Wenn diese voll ist, bringt der Chauffeur die Ladung umgehend in Lichtensteinische. «Dä Chef chunt», Stucki deutet auf das herbeifahrende Auto. Anbauberater Stefan Däster betreut die Produzenten und organisiert die Arbeitsschritte.

Gemäss Däster reifen die bebauten Flächen von Westen nach Osten ab. Ernte und Verarbeitung finden dank eines durchdachten Logistiksystems gestaffelt statt.

Landwirt Andreas Haab hat auf einem 270 Aaren grossen Feld am 24. April Erbsen ausgesät. «Nach drei Monaten kann geerntet werden», sagt Däster und fügt hinzu, dass eine Hektare – je nach Gesundheit der Pflanzen – einen Durchschnittsertrag von 6500 Kilo netto ergibt.

Die Hitze im Juni hat die Reife beschleunigt, darum erfolgt die Ernte etwas früher als in anderen Jahren. Gegen Mittag ist das Feld abgeerntet und die Dreschequipe fährt zum nächsten Einsatzort, nach Stammheim.

  • Genaue, pingelige Menschen werden auch Erbsenzähler genannt. Der Ausdruck soll auf Karl Baedeker zurückgehen, der bei der Besteigung des Mailänder Doms jeweils nach 20 Stufen eine trockene Erbse in seinen Hosensack steckte. Oben angekommen konnte er bequem die genaue Anzahl der Stufen bestimmen.
  • «Chifle» für schimpfen wird nicht mehr häufig verwendet. Vermutlich haben die Menschen früher bei Erbsen «chifle» (aus der Hülse herauslösen) gehässige Bemerkungen gemacht. Heute kauft der Konsument die herausgelösten Erbsen meist aus dem Kühlregal oder in der Dose.
  • Als Prinzessin auf der Erbse bezeichnet man Personen, die sehr empfindlich sind. Die Redewendung geht auf das Märchen von Hans Christian Andersen zurück.
  • Bis etwa 1970 haben ältere Leute im Thurgau Erbsen als «Powärli» bezeichnet, abgeleitet von französischen «pois vert», ein napoleonisches Überbleibsel. (clu)