Der Thurgauer Peter Stamm erkundet mit seinen Studenten das Thema Zeit

Schriftsteller Peter Stamm übernimmt in diesem Semester die Friedrich-Dürrenmatt-Gastprofessur für Weltliteratur an der Universität Bern. In seinem Seminar geht es darum, wie Künstler mit der Zeit umgehen.

Interview: Alexandra Looser
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Peter Stamm sitzt auf der Treppe des Kunstmuseums in Winterthur. (Bild: Andrea Stalder)

Peter Stamm sitzt auf der Treppe des Kunstmuseums in Winterthur.
(Bild: Andrea Stalder)

Peter Stamm, Sie sind der erste Schweizer Schriftsteller, der an der Universität Bern die Friedrich-Dürrenmatt-Gastprofessur für Weltliteratur innehat. Wie sehr ehrt Sie das?

Doch sehr, es hat mich schon gefreut.

Das klingt etwas zögerlich?

Zuerst hatte ich abgesagt – aus praktischen Gründen. Ich dachte, ich müsste dann 13 Vorlesungen halten. Das hätte ich nicht geschafft. Als ich erfahren habe, dass es sich um ein Seminar handelt, hatte ich schon sehr Lust, das zu machen.

Ihr Seminar wird sich um die Zeit drehen. Warum dieses Thema?

Im Moment gibt es in Bordeaux eine Frau, die ihre Dissertation meinen Büchern widmet. Mit ihr habe ich mich im Frühsommer, also um die Zeit herum, als auch die Anfrage kam, getroffen. Sie meinte, dass es in meinen Büchern immer irgendwie um die Zeit gehe. Dass das für sie das wichtigste Thema bei mir sei. Darum lag das Thema in der Luft.

Werden auch eigene Texte im Seminar behandeln?

Die Universität hat es mir nahe gelegt. Mit der Begründung, dass das von den Studierenden geschätzt würde. Aber ich werde auch mit vielen Texten anderer Autoren und Autorinnen arbeiten.

Zum Beispiel?

Zum einen ist eine spannende Geschichte von Ilse Aichinger dabei, in der die Protagonistin vom Tod her das Leben bis zur Geburt rückwärts erzählt. Ich habe aber auch Leute ausserhalb der Literatur eingeladen, mit den Studierenden zum Thema Zeit zu arbeiten. Es wird ein Physiker, eine Philosophin, eine Tänzerin kommen, dann konnte ich mit Peter Zumthor ein Gespräch über Architektur und Zeit führen oder ein Maler wird aus seiner Perspektive erörtern, wie man mit Zeit in der Malerei umgeht.

Das Seminar soll also die verschiedensten Aspekte der Zeitdarstellung ausleuchten?

Nicht nur Darstellungen, natürlich auch, aber das Seminar soll Zeit umfassender thematisieren. Hier soll es immer um das Thema Zeit in den jeweiligen Gebieten gehen. Und das ist natürlich in der bildenden Kunst sehr spannend. Oder ein Dramaturg erzählt, wie er Musils Mann ohne Eigenschaften auf die Bühne bringen wird. In der Literatur gibt es Epiphanie Geschichten, oder man erörtert technische Aspekte in einem Text wie Rückblenden, Zeitbeschleunigung, Verlangsamung ...

Dann wird es sehr theoretisch?

Nein, wichtig ist mir, die künstlerischen Verfahren zu beleuchten. Ich habe gerade mit Judith Kuckart, die mal Tänzerin war, gesprochen und wir waren uns einig, dass eben nicht theoretische Texte im Fokus stehen sollen. Es soll darum gehen, wie Künstler mit Zeit umgehen. Wie geht zum Beispiel eine Pina Bausch im Tanz mit Zeit auf der Bühne um. Also was ist das überhaupt – Zeit auf der Bühne. Wie schafft man Präsenz auf der Bühne, was ja auch Zeit ist: Präsens.

Ist Kunst für Sie ein Instrument der Macht, der Zeit habhaft zu werden?

Ja, ich denke schon. Das kommt bereits bei Augustin vor. Er besagt, dass es Vergangenheit nicht gebe, da Vergangenheit immer bereits fertig ist. Die Zukunft gibt es noch nicht, es gibt eigentlich nur die Gegenwart. Und die ist flüchtig.

Weil das Jetzt immer zwischen Vergangenheit und Zukunft steckt.

Genau, man sagt, die Gegenwart dauert im Gehirn 2,8 Sekunden. Wir empfinden also knapp drei Sekunden als Gegenwart.

Und die Literatur gibt dem Gegensteuer?

Die Literatur hält fest. Im Grunde genommen besteht unser Ich nur aus Erinnerungen. Im Seminar werden wir auch einen Text von Oliver Sacks behandeln, der von Leuten berichtet, die ihr Erinnerungsvermögen verloren haben. Und wie verloren die Leute sind, die nur in der Gegenwart leben und immer wieder gleich vergessen, was passiert ist. Das gleicht einer völligen Auflösung der Persönlichkeit.

Inwiefern ist Persönlichkeit Erinnerung?

Persönlichkeit ist im Grunde Erinnerung schlechthin. Weil wenn wir die nicht mehr haben, dann sind wir niemand mehr. Wir nehmen uns wahr als Menschen mit einer Geschichte.

Was bedeuten Geschichten, sprich die Literatur für Sie?

Sie ist ein Erkenntnisinstrument. Genau, wie auch die Wissenschaft ein Erkenntnisinstrument ist. Ich war zum Beispiel einmal in Cern für eine Reportage. Da sagten Physiker zu mir, dass so, wie wir die Zeit heute in der Quantenphysik wahrnehmen, es im Grunde genommen bereits in Augustinus’ Confessiones geschrieben stand. Der hat also vor 1600 Jahren intuitiv etwas über Zeit verstanden, was wir erst heute nachvollziehen können. Literaten haben andere Verfahren, um zu Erkenntnis zu gelangen. Das mag wohl weniger exakt sein, muss darum aber nicht weniger stimmen.

Und welche Verfahren wären das?

Das ist gerade die Schwierigkeit – was sind das für Verfahren ... Vielleicht, dass man eine Form spürt. Beim Schreiben habe ich häufig eine Formvorstellung eines Textes. Der Inhalt ist da meist gar nicht so wichtig. Wenn ich das Gefühl habe, dass hier eine Erzählung zu dünn, oder zu schnell ist, dann verändere ich die Handlung so, dass die Erzählung jene Form erhält, die ich gerne hätte.

Haben Sie diese Vorliebe für die Form aus ihrem kurzen Anglistik-Studium?

Vielleicht, ich habe zwar nur ein halbes Jahr Anglistik studiert, bin später aber trotzdem noch in die Vorlesungen.

Warum haben Sie abgebrochen?

Weil ich das Latinum hätte machen müssen. Ich hatte keine Lust, ein, oder zwei Jahre meines Lebens für das Latinum hergeben zu müssen. Und da ich sowieso wusste, dass ich keinen Abschluss machen möchte, habe ich kreuz und quer weiterstudiert.

Schleichen Sie sich heute manchmal noch in die Unis rein?

Nein, so lange dauerte die Phase dann doch nicht. Vielleicht war ich vor 15 Jahren das letzte Mal da – da hat mich etwas bei den Germanisten zum Thema Satire interessiert.

Was macht für Sie ein guter Dozent aus?

Ein guter Dozent bringt die Studierenden dazu, die Welt anders zu sehen. Als ich das Seminar angefangen habe vorzubereiten, habe ich alle möglichen theoretischen Texte gesammelt – von Ricoeur, Bergson und ich weiss nicht was noch alles. Aber ich schlafe immer gleich ein, sobald ich solche Texte zu lesen beginne. Irgendwann habe ich dann bei der Vorbereitung beschlossen, dass ich das nicht kann, dass es dafür Professoren gibt, die das studiert haben und viel besser vermitteln können als ich. Ich habe mir dann gesagt, dass ich diesen Studenten den künstlerischen Aspekt näher bringen muss – das ist das, was ich kann und womit ich mich seit 35 Jahren beschäftige.

Sind Sie ein guter Dozent?

Nein, aber vielleicht gerade darum, weil ich kein guter bin, bin ich es eben doch.

Wie meinen Sie das?

Ich bin nicht der, der einen mitreissenden Vortrag halten kann und zum Schluss sagen alle, wie super ich war. Aber weil ich selbst so ein wenig herumeiere und manchmal nicht weiss wohin, bin ich vielleicht ein guter Dozent. Weil ich dann vielleicht näher dran bin.

Näher dran an den Studierenden, am Leben?

Ja, weil das für mich auch etwas ist, was einen guten Künstler ausmacht: nicht richtig zu wissen, wie es geht. Mein Lieblingszitat ist von Cézanne, der kurz vor seinem Tod in einem Brief schrieb: «Je continue donc mes études.» Dass einer der grössten Maler des letzten Jahrhunderts bis zum Schluss weitersucht und noch immer nicht richtig weiss, wie es geht, das finde ich toll.

Die Studenten müssen sicher eine Hausarbeit oder ein Essay abgeben, werden Sie ihnen Tipps zum Schreiben geben?

Ich werde sagen, dass sie sich Zeit lassen sollen, dass sie die Arbeit nochmals in Ruhe durchlesen sollen, und nochmals, und nochmals ...

Waren die Erfahrungen so schlecht?

Teilweise schon. Aber auch ganz allgemein als Ratschlag beim Schreiben. Ich selbst lese mein Geschriebenes auch bis zu 20 Mal durch. Gerade bei einer Hausarbeit ist es einfach wichtig, sie wieder und wieder durchzulesen. Das ist ein Arbeitsethos von mir. Vielleicht dringt hier die Buchhalterseele durch oder was weiss ich.