Er war mit der Lenkstange eines Trottinetts bewaffnet: Räuber nach Überfall auf Waldhüttenparty im Thurgau verurteilt

Ein Hinterthurgauer überfällt mit zwei Komplizen eine Waldhüttenparty. Dafür kassiert er zwölf Monate bedingt.

Olaf Kühne
Merken
Drucken
Teilen
Der Eingang zum Gerichtssaal des Bezirksgerichts Münchwilen. (Bild: Nana Do Carmo)

Der Eingang zum Gerichtssaal des Bezirksgerichts Münchwilen. (Bild: Nana Do Carmo)

Selbst der Gerichtspräsident konnte sich wiederholt ein Grinsen nicht verkneifen. Der junge Mann, der diese Woche vor dem Bezirksgericht Münchwilen stand, schien ganz offensichtlich kein Schwerverbrecher zu sein. Kleinlaut und sichtlich nervös versicherte er, dass er sich vor seiner Tat nichts überlegt habe und sie nun zutiefst bereue.
Angesichts des in der Anklageschrift beschriebenen Verbrechens schienen die Beteuerungen des Beschuldigten durchaus glaubhaft zu sein.

Die Tat ereignete sich im Frühling vor zwei Jahren. Dutzende Jugendliche feierten in einer Hinterthurgauer Waldhütte eine ausgelassene Party. Der Angeklagte hatte sich mit zwei Komplizen über einen Chatservice dazu verabredet, diese Feier zu überfallen. Indes waren seine Mitstreiter zum Tatzeitpunkt noch nicht volljährig, weshalb sie sich in einem bereits abgeschlossenen Verfahren vor der Jugendanwaltschaft zu verantworten hatten.

Dabei war wohl der diese Woche Angeklagte mehr Mitläufer als Haupttäter. Waren doch seine minderjährigen Komplizen mit Messern bewaffnet, mit welchen sie auch die Waldhütte betraten, um den Überfall auszuführen. Derweil wartete der Beschuldigte draussen und passte auf, dass kein Opfer flüchten konnte. Seine Tatwaffe: die Lenkstange eines Trottinetts.

Fan-Pulli mit integrierter Maske

Während sich die beiden Jüngeren vor der Tat mit Sturmhauben maskiert hatten, trug der Angeklagte einen Fan-Pulli eines Stadtzürcher Fussballklubs – mit integrierter Gesichtsmaske. Ob man so etwas im Shop des Fussballvereins kaufen könne, wollte der Gerichtspräsident vom Beschuldigten wissen. «Nein, die verkaufen sie in der Fankurve.»

Wozu man denn einen Pulli mit integrierter Maske brauche, wollte der Richter als Nächstes wissen. «Den habe ich nur wegen des Clublogos gekauft, nicht wegen der Maske», sagte der Angeklagte und beteuerte sogleich, dass er zwar noch eine Saisonkarte seines Vereins besitze, sich die Spiele aber nur noch von der Familientribüne aus anschaue. In der Fankurve verkehre er nicht mehr; wegen der «Vorfälle rund um die Spiele».

«Hatten Sie auch Strafrecht im Studium?»

«Ja, da kann man leicht in Lämpen reingezogen werden», goutierte der Gerichtspräsident diesen Gesinnungswandel – und musste grinsen.
«Lämpen» hatte der Angeklagte nun aber auch so. Denn die Staatsanwaltschaft taxierte den Überfall auf die Waldhüttenparty als Raub und forderte eine bedingte Freiheitsstrafe von zwölf Monaten mit einer Probezeit von drei Jahren.

Der Angeklagte studiert im dritten Semester Recht. Wirtschaftsrecht. «Hatten Sie denn auch Strafrecht?», fragte der Gerichtspräsident.

«Ja, aber das ist mein schlechtestes Fach.»

Dennoch erschien der Beschuldigte ohne Anwalt vor Gericht. Die Tat gestand er vollumfänglich und versuchte auch nicht, sich hinter seinen schwerer bewaffneten Komplizen zu verstecken. Die geforderte Strafe bezeichnete er als gerechtfertigt.

Angst vor Ortung der erbeuteten Smartwatch

So folgte das Gericht schliesslich dem Antrag der Anklage, sprach den Mann schuldig und verhängte die bedingte Gefängnisstrafe. Absitzen muss er also nicht. Mehrere tausend Franken an Busse und Verfahrenskosten hat er dennoch zu bezahlen.

Folglich hat sich die Tat für den jungen Schweizer gleich in mehrfacher Hinsicht nicht gelohnt. Denn die Beute fiel äusserst spärlich aus: kein Bargeld, nur ein Lautsprecherböxli, eine billige Smartwatch und ein paar Flaschen Schnaps. «Auf dem Rückweg von der Waldhütte haben wir realisiert, dass man die Smartwatch orten kann, da haben wir sie kaputt gemacht», gestand der Mann im Gespräch mit unserer Zeitung.