Entwicklungsschwerpunkt
«Und wo sollen diese Menschen wohnen?»: In Lommis hält sich die Euphorie über Wil West in Grenzen

Lommis stimmt dem Agglomerationsprogramm der Regio Wil nicht zu. Nein sagen will der Gemeinderat aber auch nicht.

Olaf Kühne
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Lommis ist ländlich und will es auch bleiben.

Lommis ist ländlich und will es auch bleiben.

(Bild: Olaf Kühne)

Wenn es um Wil West geht, herrscht in den meisten Hinterthurgauer Gemeinden geradezu Euphorie. Von einem Generationenprojekt, gar von einem Leuchtturmprojekt, ist die Rede. Federführend bei diesem sogenannten Entwicklungsschwerpunkt ist die Regio Wil, die Standortorganisation, der auch sämtliche Hinterthurgauer Gemeinden angeschlossen sind.

Wil West ist Teil des Agglomerationsprogrammes des Bundes, welches in mehreren Generationen Verkehrsmassnahmen vom Veloweg bis zum Autobahnanschluss umsetzen soll. Aktuell ist die Regio Wil mit der Einreichung der vierten Generation beschäftigt. Während der vergangenen zwei Jahre waren die Gemeinden aufgefordert, ihre Wünsche wie auch ihre Kritiken anzubringen.

Vergangene Woche konnte Regio-Wil-Präsident Lucas Keel an der Delegiertenversammlung vermelden: 21 von 23 Mitgliedsgemeinden haben dem Resultat dieser zweijährigen Arbeit zugestimmt. Aus dem
St.Gallischen hat sich Niederbüren nicht vernehmen lassen. Und im Hinterthurgau hat sich Lommis seiner Stimme enthalten.

Fritz Locher Gemeindepräsident Lommis

Fritz Locher
Gemeindepräsident Lommis

(Bild: Olaf Kühne)

Auf die entsprechende Rückfrage unserer Zeitung reagiert Lommis' Gemeindepräsident Fritz Locher lachend:

«Eigentlich haben wir uns enthalten, damit wir nicht auffallen.»

Man will keine Steine in den Weg legen

Man habe das Thema im Gemeinderat diskutiert, sagt Locher weiter. «Wir hätten mittels eines vorgefertigten Protokolls zum Agglomerationsprogramm Stellung nehmen müssen.» Nur habe dieses Protokoll für alle Gemeinden den exakt selben Wortlaut enthalten – von Oberbüren über Uzwil bis hin zu eben Lommis. «Da haben wir uns gesagt: Das kann es doch nicht sein.»

Einfach Nein sagen habe man aber auch nicht gewollt. Schliesslich wolle man dem Agglomerationsprogramm keine Steine in den Weg legen. «Wir sahen einfach keinen Nutzen für Lommis», sagt Fritz Locher und führt aus:

«Wir sind der nördlichste Zipfel des Bezirks Münchwilen, könnten aber genauso gut der südöstlichste Zipfel der Regio Frauenfeld oder der südwestlichste Zipfel Weinfeldens sein.»

Damit sei Lommis doch recht weit weg von den Agglomerationsproblemen der Stadt Wil und entsprechend viel weniger betroffen als beispielsweise Münchwilen oder Sirnach. «Wir haben deshalb auch kein Projekt eingereicht», sagt Locher. «An den öffentlichen Verkehr sind wir schlecht angebunden. Ansonsten haben wir aber keine Verkehrsprobleme.» Mit dem Auto erreiche man von Lommis aus die drei Städte Wil, Weinfelden und Frauenfeld etwa gleich schnell, und der Autobahnanschluss Matzingen liege für die Gemeinde auch recht günstig. «Das weiss man alles, bevor man nach Lommis zieht», sagt Fritz Locher.

Austritt aus Regio Wil steht nicht zur Debatte

Entsprechend wenig euphorisch sieht der Lommiser Gemeindepräsident denn auch den Entwicklungsschwerpunkt Wil West. «Ich höre immer: Der schafft Arbeitsplätze und bringt Steuerzahler in die umliegenden Gemeinden», sagt er.

«Nur müsste man mir mal erklären: Wo sollen denn diese Menschen wohnen, wenn wir praktisch kein Bauland mehr einzonen dürfen?»

Zudem wolle man in Lommis auch dem einheimischen Gewerbe Sorgen tragen – aber: «Wir haben keine freien Gewerbeflächen mehr!» Das mit dem verdichteten Bauen sei ja gut und recht, nur funktioniere das «in einer Gemeinde wie Lommis mit einer guten Mittelschicht» eben nicht, wo man keine Wohnblöcke habe und auch keine wolle.

«Ich habe den Eindruck, dass die Regio Wil die Entwicklung ihrer kleinen Gemeinden anders sieht als wir», sagt Fritz Locher. «Wahrscheinlich stuft man uns in zehn, zwanzig Jahren als Naherholungsgebiet ein. Das würden wir dann aber schon gerne selber definieren.»

Trotz all dieser Unstimmigkeiten oder zumindest unterschiedlicher Sichtweisen: Ein Austritt aus der Regio Wil steht in Lommis nicht zur Debatte. «Wir zahlen unsere Mitgliederbeiträge nur schon aus Solidarität», sagt der Gemeindepräsident. «Und dem Agglomerationsprogramm wünschen wir selbstverständlich alles Gute!»