Energiezukunft
«Noch ein weiter Weg»: Der 25-Millionen-Rahmenkredit für Wärme Frauenfeld-West kommt 2022 zur Abstimmung

Bis 2050 will Thurplus die Frauenfelderinnen und Frauenfeld mit CO2-neutraler Wärme versorgen. Dafür ist in den kommenden Jahren ein Ausbau der Fernwärmeversorgung nötig. Aktuell gibt es zwei Schwerpunkte: in Frauenfeld-West und in der Altstadt.

Mathias Frei
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Stadtrat Fabrizio Hugentobler vor einer Überbauung in Frauenfeld-West, die bereits heute mit Fernwärme beliefert wird.

Stadtrat Fabrizio Hugentobler vor einer Überbauung in Frauenfeld-West, die bereits heute mit Fernwärme beliefert wird.

Bild: Reto Martin

Die Uhr tickt, auch in Frauenfeld. «Wenn wir die Energiewende schaffen wollen, müssen wir im Jahr 2040 soweit sein.» Das sagt Stadtrat Fabrizio Hugentobler. als Departementsvorsteher Werke, Freizeitanlagen und Sport ist er Frauenfelds Energieminister. «Wir haben noch einen weiten Weg vor uns.»

Mit einem Frauenfelder Grossprojekt pressiert es aber bereits. Und dieses zieht einen – bildlich gesprochen – Rattenschwanz an weiteren Baustellen mit sich, die alle gleichzeitig bearbeitet werden müssen. Auf jeden Fall soll ein entsprechender Meilenstein kommendes Jahr vor das Frauenfelder Stimmvolk kommen: ein Rahmenkredit über rund 25 Millionen Franken für den Aufbau eines Wärmeverbundes in Frauenfeld-West. Denn: Wichtiges, wenn nicht gar wichtigstes Mittel zum Zweck ist in der Thurgauer Kantonshauptstadt die Dekarbonisierung der Wärmeversorgung, also CO2-neutrale Heizwärme.

«Dass wir Gas ablösen werden, ist klar. Die Frage ist: Wie und wie schnell?»
Baustelle des Holzheizkraftwerks der Bioenergie Frauenfeld AG.

Baustelle des Holzheizkraftwerks der Bioenergie Frauenfeld AG.

Bild: PD

Das sagt Stadtrat Hugentobler. Fakt ist: Heute liegt 90 Prozent der in Frauenfeld verbrauchten Heizwärme Gas zugrunde. Der städtische Energiedienstleister Thurplus hat die Frage nach dem Wie mit einem diesen Frühling präsentierten Wärme-/Kältekonzept beantwortet. Im Zentrum steht dabei zum einen die Abwärme aus Frauenfelds geklärtem Abwasser, die der Thurplus-Wärmering schon heute verteilt. Zum anderen befindet sich aktuell ein Holzheizkraftwerk vis-a-vis der Zuckerfabrik im Bau, das ab Sommer 2022 im Vollbetrieb 40 Gigawattstunden Heizwärme produziert. Davon will Thurplus in Zukunft rund die Hälfte abnehmen und im Wärmenetz Thurplus Wärme-West absetzen.

Bestandesaufnahme über das ganze Stadtgebiet

Hinter dem Wärme-Kälte-Konzept, das Thurplus erarbeitet hat, stehen zwei Fragen: Wo besteht ein Bedarf an Wärme und Kälte? Und: Wo wird Wärme und Kälte produziert? Frauenfeld hat heute einen Wärmebedarf von jährlich 534 Gigawattstunden (GWh). Davon betreffen 232 GWh den Wärmebedarf von Wohnbauten und dem Dienstleistungssektor. Demgegenüber stehen 302 GWh, welche die Industrie braucht. Der Energiebedarf der Industrie kann nur schlecht beeinflusst werden. Der Fokus liegt darum auf Wohnbauten, Dienstleistung und Kleingewerbe. Bei Thurplus geht man davon aus, dass der Wärmebedarf bis ins Jahr 2050 durch Heizungsersatz und Gebäudehüllensanierung auf 131 GWh pro Jahr sinkt. Von der Ara-Abwärme werden derzeit vier GWh genutzt, zukünftig ist dank Energiespeichern ein Ausbau auf 28 GWh möglich. Und das Kraftwerk der Bioenergie Frauenfeld AG produziert zukünftig 40 GWh. Der Aufbau einer Fernwärmeversorgung über das ganze Stadtgebiet würde geschätzt zwischen 150 und 200 Millionen Franken kosten. (ma)

Von heute 1800 auf zukünftig 10'500 Leitungsmetern ausbauen

Im Fokus liegt zum einen Zone 2: Kurzdorf, Ergaten und Talbach. In Zukunft liegt aber auch ein Augenmerk auf Zone 1, wo auch die Altstadt liegt.

Im Fokus liegt zum einen Zone 2: Kurzdorf, Ergaten und Talbach. In Zukunft liegt aber auch ein Augenmerk auf Zone 1, wo auch die Altstadt liegt.

Bild: PD/Thurplus

Besagter Wärmeverbund besteht aktuell erst in kleinen Teilen. Bei 1800 Metern Leitungsnetz hat die Wärmeversorgung Frauenfeld-West AG bislang 1,9 Gigawattstunden jährlich abgesetzt. Der Gemeinderat hat Anfang Juli die Übernahme des bestehenden Netzes durch Thurplus einstimmig genehmigt. In einem nächsten Schritt ist ein Netzausbau auf über zehn Kilometer und 250 Anschlüsse geplant. Dafür ist eben der 25-Millionen-Franken-Kredit vorgesehen. Im gleichen Zug muss das Reglement zur Fernwärmeversorgung angepasst werden.

Weiter brauchen die bisherigen Wärmebezüger der Wärmeversorgung Frauenfeld-West AG seitens Thurplus eine Versorgungssicherheit. Hugentobler sagt:

«Es wird eine Übergangslösung brauchen, auch was neue Wärmekunden von Thurplus betrifft.»

Bei den zukünftigen Wärmebezügern im Westen denkt Hugentobler zum einen an die neue Doppelsporthalle der Berufsschule, zum anderen an die Mehrgenerationen-Wohnüberbauung Burgerholz. In den Anschlussperimeter würde auch das Twerenbold-Busterminal fallen. Für Hugentobler ist weiterhin klar: «Es gibt keine Anschlusspflicht für bestehende Bauten.» Fernwärme müsse im Vergleich mit Gasheizungen wirtschaftlich so attraktiv sein, dass man sich für einen Anschluss entscheide. Eine mögliche politische Diskussion könne aber sein, wie verbindlich ein Anschluss für Neubauten sein müsse.

Thurplus geht bei den grossen Wärmebezügern, die darum auch im Fokus stehen, von einem Anschlussgrad von 60 Prozent aus. Dazu gehören für Hugentobler auch die Überbauungen im Wannenfeld südlich der Bahnlinie.

Was im Boden ist, soll der Stadt gehören

Der mögliche Erschliessungsperimeter durch eine Wärmezentrale im Regierungsgebäude-Erweiterungsbau.

Der mögliche Erschliessungsperimeter durch eine Wärmezentrale im Regierungsgebäude-Erweiterungsbau.

Bild: PD/Thurplus

Fernwärme sei für Thurplus ein neues, aber wichtiges Geschäftsfeld. Denn mit Gas sei in Zukunft kaum noch Geld zu verdienen. Thurplus habe sich zu diesem Zweck funktional und personell neu aufgestellt. Überdies sei die Wärmeversorgung reglementarische Aufgabe.

«Darum ist es wichtig, dass sich alles, was im Boden ist, im Besitz der öffentlichen Hand befindet.»

So liessen sich auch nach Möglichkeit Zielkonflikte mit dem Amt für Tiefbau und Verkehr vermeiden, sagt Hugentobler. Zu diesem Zweck bestehe auch eine koordinierte Investitionsplanung.

Das Modell des Regierungsgebäude-Erweiterungsbaus.

Das Modell des Regierungsgebäude-Erweiterungsbaus.

Bild: Andrea Stalder

In der Altstadt pressiert es aber nicht weniger als im Westen. Wie Hugentobler sagt, biete sich mit dem Regierungsgebäude-Erweiterungsbau die einmalige Chance, die gesamte Altstadt mit Fernwärme zu versorgen. Dafür braucht es aber eine Wärmezentrale im geplanten Neubau. Der Kanton muss der Stadt rund zweihundert Quadratmeter zur Verfügung stellen. Baustart für den Erweiterungsbau ist 2022. «Wir sind in sehr konstruktiven Gesprächen. Die Planung ist rollend», erklärt der Stadtrat. Letztlich profitiere ja auch der Kanton mit seinen Liegenschaften vom Ausbau der Fernwärmeversorgung. Das Regierungsgebäude und das Verwaltungsgebäude hängen ja heute schon am Wärmering.

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