Energietechnologie
Aus Gasstadt wird Fernwärme-City: Frauenfeld stellt auf klimafreundliche Wärmeversorgung um, aber das kostet

Mit Hilfe eines Wärme-Kälte-Konzepts plant die Stadt Frauenfeld den Abschied von fossiler Heizenergie. Das Jahr 2050 ist der aktuelle Zeithorizont. In Frauenfeld-West und in der Altstadt besteht aber ungleich dringlicherer Handlungsbedarf.

Mathias Frei
Drucken
Teilen
Gehen mit dem Wärme-Kälte-Konzept die Zukunft an: Thurplus-Geschäftsführer Peter Wieland und Stadtrat Fabrizio Hugentobler, Departementsvorsteher Werke, Freizeitanlagen und Sport.

Gehen mit dem Wärme-Kälte-Konzept die Zukunft an: Thurplus-Geschäftsführer Peter Wieland und Stadtrat Fabrizio Hugentobler, Departementsvorsteher Werke, Freizeitanlagen und Sport.

Bild: Andrea Stalder

Transformation: Dieses Wort verwendet Thurplus-Geschäftsführer Peter Wieland. Von der Gasstadt Frauenfeld zu Fernwärme-City. Und Stadtrat Fabrizio Hugentobler als Departementsvorsteher Werke, Freizeitanlagen und Sport sagt:

«Es war eine riesige Knochenarbeit.»
Stadtrat und Departementsvorsteher Fabrizio Hugentobler am Montagvormittag an der Medieninformation.

Stadtrat und Departementsvorsteher Fabrizio Hugentobler am Montagvormittag an der Medieninformation.

Bild: Andrea Stalder

Aber diese Büez ist nun gemacht. Jetzt geht es ans Umsetzen. Hugentobler und Wieland haben am Montagvormittag das Wärme-Kälte-Konzept Frauenfeld vorgestellt. «Das ist für die Zukunft der Stadt Frauenfeld bedeutend.» Es geht um die Vision – oder vielmehr den Auftrag, wie Hugentobler betont –, die Frauenfelder Energiekunden bis ins Jahr 2050 mit CO2-neutraler, erneuerbarer Energie zu versorgen. Dafür muss zum einen der Energiekonsum reduziert werden, beispielsweise durch Gebäudehüllensanierungen, zum anderen muss die Wärmeversorgung dekarbonisiert werden, also weg von fossilen Energien.

Eine Visualisierung des im Bau stehenden Holzheizkraftwerks von Bioenergie Frauenfeld.

Eine Visualisierung des im Bau stehenden Holzheizkraftwerks von Bioenergie Frauenfeld.

Bild: PD

Bei Zweiterem liegt ein Hauptfokus für Frauenfeld auf Abwärme, sei es hochwertige vom im Bau stehenden Holzheizkraftwerk von Bioenergie Frauenfeld bei der Zuckerfabrik oder niederwertige von der Frauenfelder Ara im bestehenden Wärmering. Energie 360 Grad wird in Zukunft 21 GWh pro Jahr liefern. Von der Ara-Abwärme werden derzeit vier GWh genutzt, zukünftig ist dank Energiespeicher ein Ausbau auf 28 GWh möglich. Wärme ist also in Zukunft da. Und hier kommt Thurplus ins Spiel. Wieland sagt:

«Wir können Rohrbau, wir kennen die Strassen.»
Thurplus-Geschäftsführer Peter Wieland.

Thurplus-Geschäftsführer Peter Wieland.

Bild: Andrea Stalder

Thurplus sieht sich also nicht in der Rolle des Wärmeproduzenten, sondern in jener des Wärmezubringers. Das sei sinnvoll, weil man so den Tiefbau mit dem städtischen Amt für Tiefbau und Verkehr koordinieren kann. Die Kosten, um ein Wärmeversorgungsnetz über das ganze Stadtgebiet aufzuziehen, beziffert Wieland auf 150 bis 200 Millionen Franken. Das ist natürlich noch Zukunftsmusik, aber Hugentobler sagt dazu:

«Es wird uns zwingend etwas kosten.»

Fokus auf Wohnbauten, Dienstleistung und Kleingewerbe

Die Ara Frauenfeld in der Grossen Allmend.

Die Ara Frauenfeld in der Grossen Allmend.

Bild: Andrea Stalder

Hinter dem Wärme-Kälte-Konzept, das Thurplus im vergangenen Jahr erarbeitet hat, stehen zwei Fragen: Wo besteht ein Bedarf an Wärme und Kälte? Und: Wo wird Wärme und Kälte produziert? Diese Bestandesaufnahme bilde die Basis, sagt Wieland. Ganz Frauenfeld hat heute einen Wärmebedarf von jährlich 534 Gigawattstunden (GWh). Davon betreffen 232 GWh (also 43 Prozent) den Wärmebedarf von Wohnbauten und dem Dienstleistungssektor. Demgegenüber stehen 56 Prozent (302 GWh), welche die Industrie braucht. Wieland sagt:

«Den Energiebedarf der Industrie können wir schlecht beeinflussen.»

Sinn macht es deshalb, sich auf Wohnbauten, Dienstleistung und Kleingewerbe zu fokussieren. Bei Thurplus geht man sodann davon aus, dass der Wärmebedarf bis ins Jahr 2050 durch Heizungsersatz und Gebäudehüllensanierung auf 131 GWh pro Jahr sinkt.

23,8 Millionen Franken als Investitionen nötig

Thurplus hat im Rahmen des Konzepts die Situation im Westen der Stadt genau unter die Lupe genommen. Dort gibt es einen bestehenden Wärmeverbund, die Wärmeversorgung Frauenfeld-West (WVFW). Aktuell liefert die WVFW über 1800 Leitungsmeter 1,9 GWh Wärme, die aus Anwendungen der Zuckerfabrik stammen. Der zukünftige Wärmebedarf für das ganze Kurzdorf und möglicherweise auch das Quartier Ergaten-Talbach liegt bei 21 GWh (Annahme: 60 Prozent Anschlussgrad). Für die dafür notwendigen zusätzlichen 10'500 Leitungsmeter rechnet Thurplus mit Investitionen von 23,8 Millionen Franken. Peter Wieland spricht von einem Projekt, das sich über fünf bis zehn Jahre erstreckt. (ma) 

Anschluss an einen Wärmeverbund muss sich lohnen

Für Wieland ist klar: «Es gibt keinen Anschlusszwang an einen Wärmeverbund. Vielmehr muss es sich lohnen.» Das dürfte es sich dort, wie lokale Abwärmeproduktion potenziell möglich ist respektive dort, wo es nicht zu viele Einfamilienhäuser hat.

Ein Modell des Regierungsgebäude-Ergänzungsbaus.

Ein Modell des Regierungsgebäude-Ergänzungsbaus.

Bild: Andrea Stalder

Laut Stadtrat Hugentobler besteht auch bereits in zwei Gebieten hoher Handlungsdruck, weil eben dort in naher Zukunft Projekte zur Realisierung kommen. Einerseits geht es um die Altstadt. Wenn im Regierungsgebäude-Ergänzungsbau eine grosse Heizzentrale unterkommen kann, könnte so die Altstadt komplett an den bestehenden Wärmering angeschlossen werden. Hugentobler sagt:

«Das ist eine grosse Chance, die es zu nutzen gilt.»

Mit dem Kanton, der kommendes Jahr mit dem Neubau starten will, sei man bereits in sehr gutem Austausch. Die Stimmung sei offen und wohlwollend, sagt Hugentobler.

Eine Impression auf dem Areal von Thurplus.

Eine Impression auf dem Areal von Thurplus.

Bild: Andrea Stalder

Zum anderen ist der Stadt die Wärmeversorgung Frauenfeld-West zum Kauf angeboten worden. Diese Übernahme will man mit dem Ja des Gemeinderats realisieren. Das Holzheizkraftwerk von Bioenergie Frauenfeld produziert ab Sommer 2022 im Vollausbau Wärme. Zudem sind in Frauenfeld-West auch einige Neubauten angedacht oder sogar in konkreter Planung, von der BZT-Turnhalle über die Mehrgenerationensiedlung Burgerholz bis zum Twerenbold-Busterminal. Der Ausbau des Wärmeverbundnetzes in diesem Gebiet pressiert also ein wenig. Nebst den erwähnten Dringlichkeiten will der Stadtrat dieses Jahr auch noch eine sogenannte Erdgasstrategie erarbeiten und den Energiefonds mit Fokus auf dessen Äufnung revidieren.