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Elf Freunde – zwei Meinungen aus Frauenfeld zur Fussball-WM

Kaum ein Thema bietet Männern mehr Stoff zu Diskussionen als der Fussball. Das ist auch auf der Redaktion der Thurgauer Zeitung nicht anders.
Mathias Frei/Stefan Hilzinger

Pro - Mathias Frei

Mathias Frei, Redaktor Thurgauer Zeitung, Ressort Frauenfeld/Untersee.

Mathias Frei, Redaktor Thurgauer Zeitung, Ressort Frauenfeld/Untersee.

Ja zur Fussball-WM. Eigentlich: Nein, aber. Nein zur Weltmeisterschaft, aber Fussball ist einfach die schönste Nebensache der Welt. Fussball, wie er sein sollte: Nämlich mit Vereinen, die nicht nach Energydrinks benannt sind, dafür aber ihre soziale Verantwortung übernehmen und gegen Rassismus einstehen, auf Fussballplätzen, die Charme haben, statt Einheitsbauweise, die Kleine Allmend oder Schützenwiese heissen, mit Stehplätzen, Alkohol im Bier und einer bunten Fankultur.

So wäre Fussball am schönsten. Doch dann kommt wieder diese Weltmeisterschaft. Und eigentlich interessiert einen dieses Nationen-Grümpelturnierli nicht. Man spricht sich mantramässig Desinteresse zu. Ich sage Nein zur WM. Nein. Nein. Nein. Weil es eben nicht dieser Fussball ist, den man liebt. Aber irgendwann geht dieses Grümpeli dann los. Irgendwann ist auch in Italien das letzte Aufstiegsspiel aus Serie C in die Serie B gespielt. Irgendwann ist 1860 München in die 3. Liga aufgestiegen. Irgendwann gehen Fussballspieler, die nicht an der WM spielen, in die Ferien. Irgendwann gibt es nur noch WM. Dann setzt zuerst die Frustration ein. Es folgt der Alkohol gegen die Enttäuschung. Und irgendwann spielt Marokko gegen den Iran, Polen gegen Senegal oder Island gegen Nigeria. Und es wird lustig. All diese lustigen Länder.

Peru, Panama, Saudi-Arabien und sogar die Schweiz. Das ist eine richtige Gaudi mit diesen Fussballzwergen. Und verlieren tun sowieso alle Kleinen. Das muss so sein. Denn die Grossen sind einfach besser. Und der FIFA wohl auch lieber. Aber lustig ist es allemal – und Fussball obendrauf. Wie heisst es so schön: In der Not frisst der Teufel Fliegen. Die immer besser munden. Und irgendwann schaut man sich sogar Spiele der Brasilianer an, an Public-Viewings, wo das Bier zwei Stutz mehr kostet als auf der Winterthurer Schützenwiese, irgendwann hofft man, dass England den Titel holt oder sonst halt Deutschland. Irgendwann ist das Finale. Und dann ist fertig.

Contra - Stefan Hilzinger

Stefan Hilzinger, Redaktor Thurgauer Zeitung Ressort Frauenfeld/Untersee

Stefan Hilzinger, Redaktor Thurgauer Zeitung Ressort Frauenfeld/Untersee

Jetzt geht das Geschiss wieder los. Wenn es etwas Gutes hat, dann das: TV-Grossbildschirme sind derzeit besonders günstig. Aber sonst: Fussball ist Opium für das Volk. Ein religiöses Ritual, das den Verstand auf Eis legt, das die Massen gefügig macht für die Manipulation durch die Mächtigen. Brot und Spiele, wie seinerzeit bei den Alten Römern.

Auf dem gehätschelten Rasen rennen überbezahlte, tätowierte Diven mit seltsamen Frisuren etwas Rundem nach und versuchen, das Eckige zu treffen. Auf den Rängen hängt die enthemmte Menge, schüttet Alkohol in sich rein und Bratwürste ohne Senf. Wenn sich Karierte und Gestreifte nicht gegenseitig vermöbeln – was sie durchaus gerne und häufig tun – richtet sich ihr Zorn gegen den Mann in Schwarz, den Goalie der anderen, den Stadionsprecher oder gegen ihren Natelprovider, weil sie gerade ihr ach so geiles Selfie mit Pyro in der Hand nicht sofort auf Facebook, Twitter oder Instagram hochladen können. Während im Stadion die Fans überkochen, stehen draussen Heerscharen von Polizisten in gepanzerten Uniformen, mit Helm, Schild und Schlagstock. Derweil sich hoch oben im Stadion in der verglasten VIP-Lounge Clubbesitzer und Sponsoren auf die Schultern klopfen – nicht etwa weil «ihr Club» gewonnen hat, sondern weil sie eben wieder einen lukrativen Deal eingefädelt haben – wird auf Kosten der Allgemeinheit unten der Pöbel in Schach gehalten.

Dereinst werden Archäologen auf die Ruinen der Fussballstadien und auf Reste von noch nicht vollständig verrotteten Trikots stossen. Die Forscher der Zukunft werden ihre liebe Mühe haben hinter den Funden einen höheren Sinn zu sehen. Sie werden aber vielleicht herausfinden, wie sich aus einem harmlosen Ballspiel auf einem englischen Acker ein rücksichtsloses, globales Geschäft im Dienste der Mächtigen entwickelt hat.

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