Corona in Frauenfeld: Eine Stadt erwartet die Seuche

Jetzt gilt es ernst mit den Schutzmassnahmen gegen die Corona-Ansteckung. Die Anpassung braucht aber Zeit.

Thomas Wunderlin
Drucken
Teilen
Ein Chauffeur reinigt die Haltegriffe in seinem Postauto mit Desinfektionstüchern.

Ein Chauffeur reinigt die Haltegriffe in seinem Postauto mit Desinfektionstüchern.

Andrea Stalder

Ein Mann und eine Frau, beide weiss gekleidet, rauchen im Morgengrauen draussen vor der Notaufnahme des Spitals Frauenfeld. Noch geschlossen ist der Baucontainer nebenan, in dem die Grippetests durchgeführt werden. Virenträger können hier isoliert werden, damit sie die Corona-Seuche nicht unkontrolliert im Spital verbreiten.

Heute ist der erste Tag, an dem ich zu Hause arbeite. Am Ende der Nacht ist mir eingefallen, dass ich gestern beim Einpacken des Laptops das Headset im Büro vergessen habe. Ich entschliesse mich, es nach dem Frühstück zu holen, um für die erste Telefonkonferenz gerüstet zu sein. Auf der Redaktion arbeiten wir nur noch mit Minimalbesetzung.

Passanten weichen sich auf dem Trottoir aus

Vereinzelte Passanten sind im Quartier unterwegs. Wir halten respektvoll Abstand, weichen vom Trottoir auf die Strasse aus. Der erste Arbeiter auf der Baustelle einer Wohnsiedlung zieht das Tor der Umzäunung auf. Hier wird heute weitergearbeitet. Bauarbeiter kennen kein Homeoffice.

Die Plakatständer der Kandidaten sind verschwunden, die unten an der Broteggstrasse während der letzten Wochen um Stimmen bettelten. Dafür wird jetzt an selber Stelle zu öffentlichen Spieleabenden aufgerufen. Sie werden nicht stattfinden nach den einschneidenden Entscheiden, die der Bundesrat am Montag verkündet hat.

Sprachkurse finden wie so vieles vorläufig nicht mehr statt.

Sprachkurse finden wie so vieles vorläufig nicht mehr statt.

Andrea Stalder

Vor einer Bäckerei ist ein Bekannter dabei, in sein Auto einzusteigen, etwas Gebackenes in der Hand. Schüler werden heute an seinem Arbeitsort keine erwartet, sagt der Prorektor einer Gewerbeschule. Er fährt trotzdem hin: «Ich halte die Stellung.» Er lacht und wünscht einen guten Tag.

Am Holdertor und Postkreisel herrscht reger Autoverkehr. Fussgänger eilen vorbei. Darunter ein juristischer Mitarbeiter der Kantonsverwaltung. Als er mich erblickt, ruft er im Vorbeigehen: «Schreibt ihr etwas gegen die Diktatur? Habt ihr nicht den Mumm?»

Nein, denke ich, als er schon um die Ecke gebogen ist, wir unterstützen den Bundesrat. Es ist offensichtlich Zeit, dass er durchgreift. Die Zahl der Infizierten wird in den nächsten Tagen exponentiell steigen, wenn man den Epidemiologen glaubt.

Pendler strömen weiterhin zur Arbeit

Ein Bus voller Passagiere fährt in den Bahnhofplatz ein. Im Mittelgang stehen Fahrgäste, eine oder beide Hände an einer Haltestange. «Offenbar müssen immer noch viele Leute zur Arbeit gehen», sagt ein Postautochauffeur, der sich für die Fahrt nach Aadorf bereit macht. Die vordersten Plätze seines Busses sind mit Bändern abgesperrt, damit ihm niemand zu nahe kommt. An der Fahrertür klebt die Mitteilung, dass diese Tür nicht mehr geöffnet wird.

Das Cinema Luna hat im grossen Glasfenster die Ankündigungen für die nächsten Vorstellungen abgehängt. Gestern Abend waren sie noch da.

Die «Bürgerstube» im Rathaus, vor dem ich auf dem Rückweg durchgehe, öffnet offiziell um 7 Uhr. Das war vor zehn Minuten. Drinnen brennt kein Licht. Wahrscheinlich für längere Zeit nicht.

Geöffnet ist inzwischen die Tür des Testcontainers vor dem Spital. Drinnen brennt Licht, wahrscheinlich für längere Zeit.

Möbelläden zu

In der Corona-Zeit schrumpft das Dienstleistungsangebot drastisch zusammen. Ein neues Pult wollte ich schon lange anschaffen. Jetzt ist es zu spät. Möbelgeschäfte sind zu, ihr Angebot zählt offenbar nicht zum täglichen Bedarf. Hoffentlich kracht mein alter wackliger Schreibtisch nicht bei der Heimarbeit zusammen. Da mein Sportverein seinen Betrieb Corona-bedingt stilllegt, möchte ich gern mein Rennvelo aktivieren. Wenigstens die Veloreparateure dürfen arbeiten. (wu)