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«Seit zehn Jahren kämpfe ich gegen die IV, gegen die Suva, gegen die Schmerzen»: Eine Sirnacherin geht wegen eines Knochensplitters vor Gericht

Eine 32-jährige gelernte Elektromonteurin leidet seit einem Autounfall an Nackenschmerzen. Ihr Vater entdeckt auf einem Röntgenbild die Ursache: ein abgebrochenes Wirbelstück. Laut Suva handelt es sich um einen Geburtsfehler.
Thomas Wunderlin
Sarah Bill und ihr Vater Rolf hoffen darauf, dass die Verwaltungsrichter in Weinfelden ihnen Gehör schenken. (Bild: Andrea Stalder).

Sarah Bill und ihr Vater Rolf hoffen darauf, dass die Verwaltungsrichter in Weinfelden ihnen Gehör schenken. (Bild: Andrea Stalder).

Die Nackenschmerzen setzen morgens unter der Dusche ein, wenn Sarah Bill die Arme über den Kopf hebt, um die Brause zu richten. Die Schmerzen begleiten die 32-jährige Sirnacherin durch den Tag. Auch nachts wacht sie deswegen auf. Die Arme fühlen sich dann oft taub an, bis Bill einige Lockerungsübungen ausgeführt hat. Sie hat sich eine Spezialmatratze angeschafft, die für eine gleichmässige Druckverteilung auf den Körper sorgen soll.

Ihr Anwalt versucht das Thurgauer Verwaltungsgericht davon zu überzeugen, dass ein Unfall ihre Leidensgeschichte ausgelöst hat. Die gegenteilige Position vertritt die Suva; diese glaubt an einen Geburtsfehler. Als Sarah Bill in der Verhandlung am Mittwoch das Wort erhält, bricht es aus ihr heraus. Unter Tränen ruft sie:

«Seit zehn Jahren bin ich am Kämpfen, gegen die IV, gegen die Suva, gegen die Schmerzen.»

Sechsstelliger Betrag für Arzt- und Therapiekosten

Bill beantragt eine Rente von der Suva. Sie wird diese kaum erhalten, doch ihr geht es vor allem darum, dass der Unfall als Ursache ihrer Schmerzen anerkannt wird. Dann könnte sie gegen den Fahrer vorgehen, mit dem sie am 10. Juli 2008 nachmittags um 17.50 Uhr unterwegs gewesen war. Von ihm, respektive seiner Haftpflichtversicherung, fordert sie einen sechsstelligen Betrag für Arzt- und Therapiekosten und entgangenen Verdienst.

Der Fahrer, ein zehn Jahre älterer Kollege, kam mit 500 Franken Busse davon. Bill hatte darauf verzichtet, ihn wegen fahrlässiger Körperverletzung anzuzeigen. Gedankt hat er es ihr schlecht.

«Er hat sich all die Jahre nie bei mir gemeldet.»

Der Unfall geschah bei Siglistorf, im hügeligen Grenzgebiet der Kantone Zürich und Aargau. Gemäss Polizeirapport und Strafbefehl geriet der Fahrer mit seinem Auto in einer leichten Linkskurve «infolge nichtangepasster Geschwindigkeit» über den rechten Strassenrand hinaus und gab reflexartig Gegensteuer.

Die Nackenschmerzen waren zunächst kein Thema

Das Auto schleuderte zurück, überschlug sich auf der anderen Strassenseite und kam dort zum Stehen. Im Polizeirapport stand: «Bill Sarah klagte über starke Rücken- und Nackenschmerzen.» Nach dem Unfall waren die Nackenschmerzen aber zunächst kein Thema.
Behandelt wurden die Prellungen am Brust- und Steissbein. Als sie am 12. September 2008 der Suva den Unfall melden liess, ging es um eine Prellung des Steissbeins.

Die Untersuchung ihrer Nackenschmerzen kam erst voran, als sie am 14. Dezember 2012 in der Universitätsklinik Balgrist mit einem Computertomographen untersucht wurde. Eine Kopie der Aufnahme ging an die Suva, die dafür bezahlt hatte, und eine Kopie an Sarah Bill.
Ihr Vater Rolf entdeckte darauf einen knapp 8 Millimeter langen Knochensplitter. Wie Gutachter feststellten, passt der Splitter auf den 11 Millimeter entfernten Axis, den zweiten Halswirbel.

Laut dem Neurochirurgen Alfred Witzmann, Facharzt der St. Galler Privatklinik am Rosenberg, ist es «eindeutig die rechte Zacke» des Dornfortsatzes des Axis. Seine Diagnose lautet auf «posttraumatischer Abriss». Das bedeutet, dass das Knöchelchen aufgrund einer Krafteinwirkung abgesplittert ist, also als Folge eines Unfalls.

Kein bekannter Fall in der Fachliteratur

Der von der Suva beauftragte Gutachter Raoul Heilbronner, Neurochirurg am Kantonsspital St. Gallen, erklärte hingegen, der Knochensplitter sei «mit überwiegender Wahrscheinlichkeit» nicht bei einem Unfall entstanden. Die andern Halswirbel seien nicht verletzt.

Ein Verletzungsmuster dieser Art werde in der Fachliteratur nicht erwähnt, hingegen seien kleine Knochenstückchen neben den Dornfortsatzspitzen durchaus bekannt. Der Dornfortsatz sei bei Sarah Bill deutlich asymmetrisch angelegt, was auf ihre Veranlagung zurückgehe und nicht auf einen Unfall. Das Knöchelchen könne man «durchaus im Rahmen dieser Anlagevariante interpretieren».

Weder Snowboard noch Klettern

Doch wegen der Nackenschmerzen musste Sarah Bill ihren Beruf als Elektromonteurin aufgeben, da man dabei oft mit den Armen über Kopf arbeitet. Auch schwerere Lasten kann sie nicht mehr tragen. Auf Sportarten wie Klettern und Snowboardfahren muss sie verzichten. Bill schlug sich mit wechselnden Anstellungen durch, liess sich zur technischen Kauffrau umschulen.

Sie führte einen Prozess, damit die IV dafür bezahlte. Sie arbeitete für Lieferanten von Wellness-Einrichtungen. An ihre körperlichen Grenzen stiess sie jeweils, wenn sie den Service der gelieferten Geräte und Anlagen machen sollte. Zur Zeit wäre sie arbeitslos, hätte ihr Vater sie nicht mit dem Umbau eines Badzimmers beauftragt.

Manchmal kommt es ihr vor, als ob es im Nacken knallen würde:

«Dann haben sich die Muskeln verhakt.»

Ein stechender Schmerz ist die Folge. Im Winter sind die Schmerzen stärker als im Sommer; die Tendenz über die Jahre ist steigend. Aus Furcht vor Nebenwirkungen greift sie so wenig wie möglich zu Schmerzmitteln. Sarah Bill fürchtet sich davor, wie es in zehn oder zwanzig Jahren sein wird.

Rolf Bill unterstützt seine Tochter Sarah so gut er kann. (Bild: Andrea Stalder)

Rolf Bill unterstützt seine Tochter Sarah so gut er kann. (Bild: Andrea Stalder)

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