Eine Maskenpflicht im Thurgauer Schulzimmer geht nur über eine Bewilligung des Kantons

Lehrer dürfen den Kindern nicht vorschreiben, im Schulzimmer eine Maske zu tragen. Einzelne Lehrpersonen wollen das aber und gelangen an den Lehrerverband.

Silvan Meile
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In den Schulzimmern herrscht keine Maskenpflicht. Eine solche kann eine Lehrperson nicht anordnen.

In den Schulzimmern herrscht keine Maskenpflicht. Eine solche kann eine Lehrperson nicht anordnen.

Bild: Christian Beutler / Keystone

Anne Varenne kennt die Sorgen und Ängste der Lehrpersonen. Mehrmals pro Tag klingelt bei der Präsidentin von Bildung Thurgau das Telefon. Seit Mitte Mai der Präsenzunterricht an der Volksschule wieder aufgenommen wurde, gelten auch im Schulzimmer die Weisungen des Bundesamtes für Gesundheit.

Die Lehrer sitzen teilweise hinter einer Plexiglasscheibe oder ziehen eine rote Linie um ihr Pult, damit die Schüler den Abstand einhalten. Doch nicht allen Lehrpersonen genügt das. Varenne sagt:

«Einige möchten in ihrem Schulzimmer selber über eine Maskenpflicht entscheiden können.»

Doch das darf ein Lehrer nicht von seinen Schülern verlangen.

«Es ist nicht vorgesehen, dass eine Lehrperson für ihr Schulzimmer eine generelle Maskenpflicht anordnen kann.»

Das sagt Beat Brüllmann, Chef des Thurgauer Volksschulamts. Dafür fehlt ihr die Kompetenz. Und der Kanton will mit Blick auf die derzeitigen relativ tiefen Fallzahlen keine solchen zusätzlichen Vorschriften zulassen, die eine flächendeckende Wirkung entfachen.

Noch keine Person an einer Thurgauer Schule angesteckt

Besondere Problemen aufgrund der Coronapandemie sollen immer einzeln betrachtet werden. Lösungen allenfalls auch unter Einbezug besorgter Eltern vor Ort entwickelt werden. Ganz ausgeschlossen bleibt eine verbindlich angeordnete Maskenpflicht dennoch nicht. Brüllmann sagt:

 Beat Brüllmann, Chef des Amtes für Volksschule des Kantons Thurgau-

Beat Brüllmann, Chef des Amtes für Volksschule des Kantons Thurgau-

Bild: Reto Martin
«In einem medizinisch begründetem Einzelfall ist es denkbar, lokal eine Maskenpflicht angeordnet wird.»

Dies müsste aber zwingend unter Einbezug des kantonsärztlichen Dienstes geschehen. Es gibt aber an der Thurgauer Volksschule keinen solchen Fall. Ausserdem könne gesagt werden, dass sich bisher noch keine Person nachweislich an einer Thurgauer Schule mit Covid-19 angesteckt habe. Auch habe nur «eine Handvoll» Schüler nach den Sommerferien in Quarantäne bleiben müssen, weil sie aus einem Risikoland zurückkehrten.

Kinder sollen keine Masken tragen

Aus den Rückmeldungen der Lehrpersonen hat nun der Verband Bildung Thurgau an seiner Geschäftsleitungssitzung eine Haltung formuliert. «Eine generelle Maskenpflicht ist für uns aus pädagogischen Gründen kein Thema und wird abgelehnt», sagt Anne Varenne.

Gerade kleine Kinder sollten keine Masken tragen müssen, «denn sie lesen und erleben am Gesicht ihres Gegenübers und entwickeln so ihre Sozialkompetenzen weiter». Auch Mediziner würden von einer Maskenpflicht bei Kindern abraten. Nicht zu unterschätzen sei auch die Mimik, die hinter Masken versteckt bliebe. «Eine Lehrperson kann in einem Kindergesicht rasch ablesen, ob eine Frage verstanden wurde oder nicht.»

Dennoch will die Präsidentin des Lehrerverbands an der nächsten Corona-Taskforce-Sitzung der Schulen die Haltung vertreten, dass es für Einzelfälle Lösungen braucht. So müsse die Frage gestellt werden, wie mit Personen der Risikogruppe im Schulzimmer umgegangen werden soll, wenn in gewissen Unterrichtssituationen der nötige Abstand nicht eingehalten werden kann.

Anne Varenne, Präsidentin von Bildung Thurgau.

Anne Varenne, Präsidentin von Bildung Thurgau.

Bild: PD

Der Lehrerverband will Lösungen für Einzelfälle

Varenne denkt etwa an eine schwangere Lehrerin, die sich fit fühlt und unterrichten will oder an ein krebserkranktes Kind, das sich nach einem Spitalaufenthalt danach sehnt, zurück in den Unterricht zu kommen. «Solche medizinisch begründeten Fälle müssen angeschaut werden», sagt Varenne.

Dabei gelte es zu prüfen, ob es in punktuellen Situationen mit Personen aus der Risikogruppe nicht doch eine Schutzmaske braucht, sowohl für Lehrpersonen als auch für Schüler.

Doch nicht alle sehen Handlungsbedarf. Anne Varenne sagt, dass sie ebenso viele Rückmeldungen von Lehrpersonen hat, die auf keinen Fall eine Maskenpflicht im Schulzimmer wollen.

Neue Fachstelle:

Kanton stärkt den Coronavollzug

Der Kanton Thurgau konzentriert den Vollzug von Covid-19 und schafft dafür eine befristete Fachstelle Covid-19. Sie ist laut einer Medienmitteilung vom Freitag für die Koordination und Kontrolle des Vollzugs der Covid-Verordnungen des Bundes verantwortlich.

Die Leitung übernimmt Beatrix Kesselring, ehemalige Geschäftsleiterin des Verbands Thurgauer Gemeinden. Die Fachstelle ist direkt Regierungsrat Urs Martin, dem Chef des Departements für Finanzen und Soziales, unterstellt und nimmt ihre operative Tätigkeit per 14. September 2020 auf.

Die Fachstelle hat zwei Hauptaufgaben: Erstens dient sie als Koordinationsstelle zwischen Kanton und Gemeinden sowie zwischen den kantonalen Departementen. Zweitens ist sie zuständig für die Kontrolle des Vollzugs der Covid-19-Verordnungen des Bundes, was gegenwärtig vor allem die Schutzkonzepte für Veranstaltungen und Einrichtungen betrifft. (red)

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