Eine Frauenfelder Firma sorgt seit 125 Jahren weltweit für kühle Köpfe

Die Frauenfelder Firma Glatz produziert seit 1895 erfolgreich Schattenspender, die früher auch vor aufdringlichen Blicken schützten.

Claudia Koch
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Markus Glatz, CEO der Frauenfelder Familienunternehmung, die heuer ihren 125. Geburtstag feiert.

Markus Glatz, CEO der Frauenfelder Familienunternehmung, die heuer ihren 125. Geburtstag feiert. 

(Bild: Andrea Stalder

Markus Glatz ist ein krisenerprobter Mann. Schon zwei Krisen hat der Sonnenschirmhersteller in vierten Generation gemeistert. «Deshalb werden wir auch die Coronakrise zwar nicht unbeschadet, aber gewiss überstehen», meint Glatz zuversichtlich. Bereits sein Urgrossvater Albert Glatz kämpfte ein Jahr nach der Firmengründung 1895 mit Anfangsschwierigkeiten, wollte Material und Werkzeug seinem alten Basler Lehrmeister zurückverkaufen. Dieser redete ihm gut zu und stellte ihm die Näherin Christine-Louise Lätsch zur Seite, die spätere Frau Glatz.

Gemeinsam legten sie den Grundstein für das heutige Unternehmen, das von Beginn weg immer in Frauenfeld seinen Standort hatte. Nicht nur die Urgrossmutter, sondern auch sämtliche Ehefrauen danach besetzten wichtige Positionen. «Sie kümmerten sich um die Finanzen», sagt Glatz. Insbesondere in der Zeit seiner Grossmutter war das noch eine unüblich gleichberechtigte Position. Die Männer waren in erster Linie Tüftler, Erfinder und Handwerker.

CEO Markus Glatz mit historischem Schirmgestell aus Walfischbein.
7 Bilder
Um 1925: Firmengründer Albert Glatz im Atelier.
Glatz-Näherinnen an der Arbeit.
Glatz-Näherin an der Arbeit heute.
Die Firma stellt Sonnenschirme für Klein- und Grosskunden wie Burger King her.
Ein Sonnenschirm wird fertiggestellt.
Blick in die Montage.

CEO Markus Glatz mit historischem Schirmgestell aus Walfischbein.

(Bild: Andrea Stalder )

Als die Gestelle aus Walknochen bestanden

Jede Generation brachte neue, gemäss Glatz revolutionäre Innovationen hervor. Um die Jahrhundertwende wurden Sonnenschirme als Accessoire für reiche Damen produziert, mit kunstvoll geschnitzten Elfenbeingriffen, die Schirme mit Seide bezogen. Damit schützten sich die Damen vor der Sonne, kokett auch vor allzu aufdringlichen Blicken. Glatz zeigt dazu das Gestell eines kleinen, zusammenlegbaren Sonnenschirms, der aus Walknochen hergestellt wurde. «Walknochen sind biegbar, aber stabil und haben dadurch eine Federwirkung», so Glatz.

In den 1930er-Jahren entwickelte Albert Glatz junior ein Zahnkranzgelenk, das, in die Mitte des Schirmmastes platziert, erlaubte, den Schirm mehrstufig zu neigen. Diese Innovation ist der Beginn einer ganzen Serie von patentierten Erfindungen. «Ein Sonnenschirm, der zu jeder Tageszeit optimal Schatten spendet, ist perfekt konstruiert. Müssen Tisch und Stühle verrückt werden, läuft etwas falsch», sagt Glatz dazu.

Für die Gestelle wird Federstahl verwendet, welcher nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr importiert werden kann und dadurch die Firma Glatz in eine Krise schlittern lässt. Notgedrungen kauft man eine Profilierungsmaschine, um Streben künftig selber herzustellen.

Mehr als zehn internationale Patente

Die Glatz AG erwirtschaftete im Jahr 2019 gut 50 Millionen Franken Umsatz. Die Frauenfelder Firma verfügt aktuell über zehn international registrierte Funktionspatente und hat die Marke «Glatz» weltweit geschützt. Glatz bietet massgeschneiderte Individuallösungen an. Anfang Jahr übergab Markus Glatz die operative Leitung an Sergio Malacarne und Goris Verburg, doch er wirkt noch als Verwaltungsratspräsident. (clk)

Mit der dritten Generation unter Dölf Glatz zügelt die Firma in ihren Neubau an der Neuhofstrasse 12, dem heutigen Standort. Dölfs Bruder Heini wirkt als Konstrukteur im Familienbetrieb mit. Es gilt, der wachsenden Nachfrage nach grossen Sonnenschirmen nachzukommen, denn ab den Siebzigerjahren wird der Balkon oder die Terrasse dank mehr Freizeit und der Einführung der Sommerzeit zum zweiten Wohnzimmer.

Die Firma stellt Sonnenschirme auch für Grosskunden wie Burger King her.

Die Firma stellt Sonnenschirme auch für Grosskunden wie Burger King her.

(Bild: Andrea Stalder)

Nach 1989 fallen Aufträge von Migros und Coop weg

Als Betriebsökonom Markus Glatz 1993 die Geschäftsführung übernimmt, sorgen die Schwimmbadabdeckungen für rote Zahlen. Kaum ist diese erste Krise überstanden, machen sich die Auswirkungen des Mauerfalls bemerkbar. Migros und Coop, die bisher bei Glatz ihre Sonnenschirme produzieren liessen und damit die magere Winterproduktion ankurbeln, verlagern die Produktion in den Osten. «Das war ein herber Verlust, der Kurzarbeit bedingte», sagt Glatz.

Jubiläum um ein Jahr verschoben

Rund 110 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind in den Bereichen Entwicklung, Produktion und Vertrieb beschäftigt. Die Schweiz, Deutschland, Österreich und die Benelux-Staaten werden durch einen eigenen Verkaufsaussendienst betreut. Eigene Vertriebsgesellschaften gibt es in Lyon und Madrid, in Taiwan und Brasilien bestehen Joint-Ventures. Das Jubiläumsfest wird laut Markus Glatz um ein Jahr verschoben. (clk)

Doch auch diese Krise wird mit Kreativität und neuer Strategie gemeistert. Zwar hat die Firma in der aktuellen Situation auf Kurzarbeit umgestellt, doch seit Ostern zieht das Geschäft wieder an, insbesondere durch private Endverbraucher, die Wert auf lokal produzierte, qualitativ hochwertige Sonnenschirm legen.

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Stefan Hilzinger