Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Vor bald 800 Jahren: Eine emanzipierte Frauenfelderin, die eigentlich aus Winti kam

Und wenn sie nicht gestorben, so lieben sie sich noch heute: das Fräuli aus dem Stadtwappen und ihr armer Ritter von Seen. Oder was es mit einer Kyburgertochter auf sich hat, die den Leu auch mal am Schwanz packt.
Mathias Frei
Diese Stadtscheibe von 1543 zeigt in acht Bildern die romantische Gründungssage der Stadt Frauenfeld. (Bild: PD/Daniel Steiner)

Diese Stadtscheibe von 1543 zeigt in acht Bildern die romantische Gründungssage der Stadt Frauenfeld. (Bild: PD/Daniel Steiner)

Besser als in jedem Liebesfilm und sogar mit Happy-End: Die Liebe war stärker als der Kyburger Löwe. Und so ward Frauenfeld geboren. Wunderbar romantisch. Es gibt da die Frauenfelder Gründungssage, die von einer im damaligen Zeitgeist starken Frau handelt, einer Tochter eines Grafens von Kyburg. Margrit Früh erzählt davon, wenn sie mit Interessierten auf einer Stadtführung ist. Die promovierte Kunsthistorikerin ist selber eine starke Frau. Sie hat die Leitung des Historischen Museums Thurgau (inklusive Ittinger Museum) übernommen, als noch keine andere Frau in diesem Amt in der kantonalen Verwaltung arbeitete. 1977 war das, zu einer Zeit, als im Thurgau Museumsdirektoren, damals noch Konservatoren genannt, im Zug 1. Klasse fuhren, während sich Früh nur ein 2.-Klasse-Billett anrechnen lassen konnte.

«Aber es wurde in der kantonalen Verwaltung bald besser mit der Lohngleichheit.»

Das sagt Früh. 1991 wurde sie als erste Frau in den Bürgerrat der Frauenfelder Bürgergemeinde gewählt. Bis 2001 stand sie an der Spitze des Historischen Museums.

Graf von Kyburg wollte keinen armen Schlucker

Margrit Früh, Kunsthistorikerin. (Bild: Mathias Frei)

Margrit Früh, Kunsthistorikerin. (Bild: Mathias Frei)

Zurück zur Gründungssage: Da gab es also diese Kyburgertochter. Sie ging gerne auf die Jagd. Und eines Tages traf sie auf einen anderen Jäger. Sie kamen sich näher, eine junge Liebe ward entfacht. Er war ein Ritter von Seen – ein armes Adelsgeschlecht mit einer kleinen Burg. Er hielt um ihre Hand an, sie sagte Ja. Als der Ritter aber beim Grafen von Kyburg vorstellig wurde, jagte der ihn zum Teufel. Ein Schwiegersohn mit Geld und Macht sollte es sein, kein armer Schlucker. So bat die Verliebte den Abt der Reichenau, zu vermitteln. Der Geistliche schaffte es, dass der mächtige Graf von Kyburg der Heirat zustimmte – und als Mitgift ihr das Stück Land mitgab, auf dem das Paar ihren Wohnturm, später Schloss Frauenfeld, bauen sollte. So konnte die Kyburgertochter ihren Willen durchsetzen und nahm den Kyburger Leu an die Kette.

Die Gründungssage hat einen wahren Kern. Die Stadt ist eine Kyburgergründung. Von 1246 datiert Frauenfelds Ersterwähnung. Der Turm über der Murg stammt aus den Jahren um 1230. «Diese Kyburgertochter war für die damaligen Verhältnisse eine starke, emanzipierte Frau», sagt Kunsthistorikerin Früh. Wobei das Bild des dunklen Mittelalters bezüglich Stellung der Frau zu relativieren sei, sagt sie. Vor allem adlige Frauen seien des Lesens und Schreibens mächtig gewesen. Davon zeugten die Gebetsbüchlein in Frauenbesitz. Echte Bildung habe es vor allem im Kloster gegeben.

«Die Frau im Mittelalter war zwar nicht gleichberechtigt, aber auch nicht völlig rechtlos.»

Die Unterdrückung der Frau im 19. Jahrhundert verzerre das Bild der Frau im Mittelalter. Dass bei Frauen ihr Mädchenname auch nach der Heirat präsent blieb, zeigen sogenannte Allianzscheiben. Kinder hätten den Namen des Vaters bekommen. Dagegen waren das Heiraten zwischen Arm und Reich nicht üblich. Und der Anstoss zu einer Hochzeit sei grundsätzlich immer vom Mann aus gekommen, sagt Früh.

1331 standen sie noch Rücken an Rücken

Das heutige Frauenfelder Stadtwappen. (Bild: Stadt Frauenfeld)

Das heutige Frauenfelder Stadtwappen. (Bild: Stadt Frauenfeld)

Frauenfeld habe ein sprechendes Wappen, sagt Margrit Früh. Das heisst: Das Bezeichnete ist direkt oder indirekt erschliessbar. Das Leuli kommt von den Kyburgern. Und das Fräuli? Die Frau ist dem Benediktinerkloster Reichenau entlehnt, das der heiligen Maria geweiht ist. «Die Reichenau hatte auf dem heutigen Stadtgebiet einiges an Grundbesitz», erklärt Früh – auf dem «Feld unserer lieben Frau». Zudem stand auf dem Areal des Schlosses eine Marienkapelle, von der heute aber nichts mehr zu sehen ist. Auf dem ältesten erhaltenen Stadtsiegel von 1331 stehen Fräuli und Leuli Rücken an Rücken. Die Frau trägt Blumen, was sehr typisch sei für Mariendarstellungen, sagt Früh. Jedoch fehle der Heiligenschein. Zudem scheint Früh eine Mariendarstellung mit einer andern Figur zusammen auf einem weltlichen Wappen eher ungebräuchlich zu sein.

Das Leuli ist 1331 noch nicht an der Kette. Das ändert sich im Alten Zürcherkrieg, als die Frauenfelder für Österreich ins Feld ziehen und 1438 und 1445 Fahnen im Kampf an die Schwyzer verlieren. Auf diesen Fahnen hat sich die Frau gedreht, steht nun hinter dem Löwen, den sie an der Kette hält. Die besagten Fahnen wurden bei einem Brand zerstört. Die älteste erhaltene Fahne ist demnach die Schwaderlohfahne, die sicher bei Schwaderloh 1499 mitgetragen wurde. Wieso sich die Frau dem Leuli zuwendet, weiss Margrit Früh nicht.

«Vielleicht aus Höflichkeit?»

Interessant ist, dass es eine Abbildung gibt, auf der die Frau den Löwen am Schwanz hält. Diese Glasscheibe im reformierten Kirchgemeindehaus im «Suure Winkel» soll Erinnerung an eine Renovation 1875 sein. Dabei gibt es keinen Beleg, dass in jenem Jahr grössere Arbeiten an der Kirche stattfanden, wie alt Bürgerarchivar Angelus Hux weiss. Die zeitlich nächste Renovation war in den Jahren 1886/87.

Auf diesem Wappenbild (1875 oder später) hält das Fräuli das Leuli am Schwanz. Die Kette fehlt. (Bild: PD/Wolfgang Ackerknecht)

Auf diesem Wappenbild (1875 oder später) hält das Fräuli das Leuli am Schwanz. Die Kette fehlt. (Bild: PD/Wolfgang Ackerknecht)

«In Weiss ein steigender, gelb bewehrter, roter Löwe von roter gelbgezierter Frau an gelber Kette gehalten.» So wird das Stadtwappen in «Die Gemeindewappen des Kantons Thurgau» (erschienen 1960) von Bruno Meyer erläutert. Derselbe Meyer schrieb am 7. September 1946 in der TZ-Beilage zu «700 Jahre Frauenfeld»:

«Löwe und Frau haben schon immer die Fantasie und den Scharfsinn der Frauenfelder und der Historiker beschäftigt, […].»

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.