Schulpräsident im Gemeinderat? Kein Novum im Hinterthurgau

Der Bichelseer Schulpräsident kandidiert für den Gemeinderat. Diese Konstellation ist aussergewöhnlich, aber im Hinterthurgau bereits in zwei Gemeinden bekannt.

Olaf Kühne
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Der Fischinger Schulpräsident Godi Siegfried vor dem Primarschulhaus. Das Bild zeigt die Strasse noch vor ihrer Verlegung um fünf Meter, die auch dank Siegfrieds Doppelmandat zustande kam. (Bild: Olaf Kühne, 3. November 2014)

Der Fischinger Schulpräsident Godi Siegfried vor dem Primarschulhaus. Das Bild zeigt die Strasse noch vor ihrer Verlegung um fünf Meter, die auch dank Siegfrieds Doppelmandat zustande kam. (Bild: Olaf Kühne, 3. November 2014)

«Ein Muss!» Der Fischinger Schulpräsident Godi Siegfried ist selten um markige Worte verlegen, bringt Sachen gerne auf den Punkt. Angesprochen auf den Umstand, dass der Bichelseer Schulpräsident Daniel Stamm derzeit auch für den Gemeinderat kandidiert, sagt Siegfried ohne Umschweife: «Diese Konstellation kann ich jeder Gemeinde nur empfehlen, sie ist in meinen Augen gar ein Muss.»

«Diese Konstellation kann ich jeder Gemeinde nur empfehlen, sie ist in meinen Augen gar ein Muss.»

Godi Siegfried ist seit 2013 Präsident der Volksschulgemeinde Fischingen, 2014 wurde er auch in den Gemeinderat gewählt. Indes hatte Siegfried damals seine Kandidatur für die Behörde der Politischen Gemeinde nicht angestrebt. Vielmehr war es der Fischinger Interpartei auch nach monatelanger Suche nicht gelungen, Ersatz für die überraschend zurücktretene Gemeinderätin Irma Schatt zu finden.

Godi Siegfried kandidierte denn auch erst nach Ablauf der Einreichefrist. Und obwohl sein Name nicht auf den Wahlunterlagen auftauchte, wurde er bereits im ersten Wahlgang deutlich gewählt.

Schulstrasse um fünf Meter verlegt

Die Konstellation, dass der Schulpräsident auch im Gemeinderat sitzt, sollte sich schon ein halbes Jahr später als sehr fruchtbar erweisen: In Fischingen stand die Sanierung der Schulstrasse an. Eine Aufgabe der Politischen Gemeinde und eigentlich eine Routineangelegenheit.

Nur verlief die Schulstrasse damals noch unmittelbar am Eingang des Primarschulhauses vorbei – ganz ohne Trottoir. Godi Siegfried sass frisch im Gemeinderat und konnte anregen, die Strasse im Zuge der Sanierung um fünf Meter zu verlegen.

«Wir als Schulgemeinde sind eigentlich nur für die Kinder ab ihrer Einschulung bis zum Ende der obligatorischen Schulzeit zuständig.»

«Schulwegsicherheit ist – in Zusammenhang mit dem Strassenbau – eigentlich eine Aufgabe der Politischen Gemeinde», sagt Godi Siegfried. «Aber sie betrifft die Schule natürlich unmittelbar.» Als Schulpräsident könne er diesbezüglich eine gesamtheitlichere Denkweise in den Gemeinderat einbringen – und noch bei zahlreichen weiteren Themen: «Wir als Schulgemeinde sind eigentlich nur für die Kinder ab ihrer Einschulung bis zum Ende der obligatorischen Schulzeit zuständig», sagt Siegfried weiter. «Frühförderung wie Sprachkurse und Spielgruppen wiederum ist Aufgabe der Politischen Gemeinde.»

Und auch hier helfe das vernetzte Politisieren, das Thema gesamtheitlicher anzugehen – wie auch im umgekehrten Fall. «Wenn beispielsweise ein Schüler nach der dritten Sek keine Anschlusslösung hat, könnte ich als Schulpräsident einfach denken: aus den Augen, aus dem Sinn.» Im Gemeinderat sehe er dann aber, dass diese Person unter Umständen in der Sozialhilfe landen kann.

In Sirnacher Gemeindeordnung geregelt

Der Sirnacher Schulkommissionspräsident Urs Schrepfer; hier im Thurgauer Grossen Rat. (Bild: Reto Martin)

Der Sirnacher Schulkommissionspräsident Urs Schrepfer; hier im Thurgauer Grossen Rat. (Bild: Reto Martin)

Was in Fischingen einst aus einer Notlösung entstand, ist weiter nördlich Teil der Gemeindeordnung: Sirnach ist seit vier Jahren Einheitsgemeinde, die erste und nach wie vor einzige Vollständige im Kanton Thurgau. Bereits vor dem Zusammenschluss von Schule und Gemeinde war Urs Schrepfer fünfeinhalb Jahre lang Präsident der Volksschulgemeinde Sirnach.

Seit der Bildung der Einheitsgemeinde ist der Busswiler Präsident der Sirnacher Schulkommission und sitzt so von Amtes wegen auch im Gemeinderat. Hinsichtlich der Kandidatur des Bichelseer Schulpräsidenten für den Gemeinderat sagt Urs Schrepfer: «Es steht mir zwar nicht zu, in anderen Gemeinden Wahlempfehlungen abzugeben. Aber die Idee als solches kann ich nur unterstützen.»

Wie auch sein Fischinger Amtskollege kann Schrepfer der Konstellation nur Gutes abgewinnen. Auch er nennt spontan das Beispiel Schulwegsicherheit und sagt weiter: «Gemeindepräsident Kurt Baumann und ich als Schulpräsident, wir haben uns schon immer sehr gut verstanden und deshalb auch sehr gut zusammengearbeitet. Dank der Einheitsgemeinde ist diese Zusammenarbeit nun aber institutionalisiert und deshalb personenunabhängig.» Seit seinem Einsitz im Gemeinderat habe er in allen erdenklichen Fragen stets die direkte Ansprechperson am selben Tisch. «Manche schulischen Fragen betreffen das Ressort Verkehr, andere das Ressort Jugend und Soziales, wieder andere den Hochbau.»

Thema an Podium

Und auch wenn eine Einheitsgemeinde in Bichelsee-Balterswil – derzeit – nicht zur Debatte steht, merkt Urs Schrepfer mit einem Augenzwinkern an: «In Sirnach müssen wir nicht mehr über Dinge wie Steuerbezugsprovisionen oder die gegenseitige Verrechnung von Raummieten für Anlässe diskutieren.»

«In Sirnach müssen wir nicht mehr über Dinge wie Steuerbezugsprovisionen oder die gegenseitige Verrechnung von Raummieten für Anlässe diskutieren.»

Am Wahlpodium vom vergangenen Samstag in der «Krone» Balterswil wurde die ganze Thematik nicht kontrovers diskutiert. Darauf angesprochen wurde Daniel Stamm indes schon. «Ich habe mich mit Godi Siegfried darüber ausgetauscht und für mich daraus nur positive Merkmale eruieren können», sagte er. Er könne als Schulpräsident wichtige Synergien in den Gemeinderat einbringen. Zumindest die Beispiele Fischingen und Sirnach bestätigen Stamms Einschätzung.