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In einem Frauenfelder Modelleisenbahn-Keller: Eine bessere Welt in 1:45

Willy Hablützels Begeisterung für Modelleisenbahnen ist über 60 Jahre alt. Im Keller des Zürcherhofs baut er an einer 97-Quadratmeter-Anlage, in der x-tausend Franken und ebenso viele Stunden stecken.
Mathias Frei
Willy Hablützel an seiner Anlage. (Bild: Andrea Stalder)

Willy Hablützel an seiner Anlage. (Bild: Andrea Stalder)

Wenn sich Willy Hablützel mal vergisst und in der Wohnung oben der Znacht auf dem Tisch steht: Dafür ist das Telefon da. Denn vergessen kann man sich schnell hier unten, in dieser ganz eigenen Welt des 70-jährigen ehemaligen Schreiners und Küchenbauers. 15 auf 6,5 Meter misst die Modelleisenbahn-Anlage im Keller des Zürcherhofs im Talbach. 97,5 Quadratmeter Leidenschaft für eine Welt in Klein und in Bewegung. Das Rollmaterial ist im Massstab 1:45 gebaut, sogenannte Spur-Null-Grösse. Ein Bekannter von ihm komme deswegen kaum mehr aus dem Keller. «So vergiftet bin ich dann auch wieder nicht», sagt er. Wobei sie in den Anfangszeiten dieser Anlage täglich bis in alle Nacht am «Chlütere» gewesen seien, Hablützel und sein Sohn Rafael. Das war anfangs der 2000er-Jahre.

Die Züge fahren. (Bild: Andrea Stalder)

Die Züge fahren. (Bild: Andrea Stalder)

Hablützel dreht den Stromschalter auf. Und plötzlich ist alles in Bewegung. Eine sonore Geräuschkulisse in mittelhoher Tonlage steigt zu den Kunstlichtreihen hoch. «Ab und zu ‹gierrt› es in den Kurven, aber das ist bei den Grossen ja nicht anders», meint Hablützel. Welche Höchstgeschwindigkeit die Lokomotiven, Güter- und Personenwagen auf seinen 650 Gleismetern bringen, weiss Hablützel nicht. Aber hier geht es auch nicht um Tempo, sondern um Entschleunigung, um das Beobachten, die kindliche Freude am Erwachsensein. «Und wenn man zu schnell fährt, sieht das nicht mehr realistisch aus.»

Schlafzimmer, Backstube und Lagerraum

Wo der Zürcherhof steht, dieses markante Wohn- und Geschäftshaus am Talbachkreisel, wuchs Hablützel in einem Bauernhaus auf. 1964 liessen Hablützels Eltern den heutigen Bau aufziehen. Heute befindet sich die Liegenschaft im Besitz von Hablützel und seiner Schwester. Im Erdgeschoss Post und Denner, in den Obergeschossen Wohnungen. Bruder Hans Hablützel fing als kleiner Bub mit dem Isebähnle an. Klein Willy eiferte ihm nach. Zuerst im Estrich. «Aber das ging dann nicht mehr». Denn der Bruder wurde an den Rollstuhl gefesselt. Willy Hablützel jedoch liess das Hobby nicht mehr los.

Der Modell der Modelleisenbahn-Anlage. (Bild: Andrea Stalder)

Der Modell der Modelleisenbahn-Anlage. (Bild: Andrea Stalder)

In Hablützels Modelleisenbahn-Keller war früher die Schlafzimmerabteilung eines Möbelgeschäfts daheim, später wurde hier Brot gebacken, danach folgte die Nutzung als Lagerraum für den Lebensmittelladen im Erdgeschoss. Ein so grosses Lager brauchte es irgendwann nicht mehr. Hablützel suchte einen neuen Mieter – lange vergebens, «weil hier kein Lieferwagen reinkommt, und für einen Stapler ist es zu wenig hoch». Dann gab es einen Interessenten. «Aber zum Glück habe ich den nicht genommen, der ging nämlich zwei Wochen später Konkurs.» So beschloss Hablützel, mit Sohn Rafael eine Modelleisenbahn-Anlage zu bauen. «Hätte ich extra etwas mieten müssen, wäre es etwas anderes gewesen.» Platz für ein WC, einen Raum für eine CNC-Fräse und nebenan eine kleine Spritzkabine war vorhanden. 2002 ging es los. Zuvor liess sich Hablützel von einem Modellbau-Profi mehrere Modelle in Klein bauen. Das älteste datiert von 1999. Aktuell sei die Anlage etwa zu 15 Prozent fertiggestellt. Fertig ist sie aber nirgends. In letzter Zeit komme er nicht mehr so oft dazu. Fest eingeplant sind derzeit einzig die zwei Stunden mit den Enkeln einmal in der Woche. «Aber dann wollen sie vor allem Züge fahren lassen.»

Hier werden die Weichen gestellt. (Bild: Andrea Stalder)

Hier werden die Weichen gestellt. (Bild: Andrea Stalder)

An einer Ecke ist eine Landschaft modelliert, aus Spritzschaum respektive mit Gipsbinden geformt und eingefärbt. Auf der Strasse arbeiten Bauarbeiter, weiter vorne ein Bauernhof, weidende Kühe, in einem Gehege ein paar Schweine, die Tannen sind aus zugeschnittenen und eingefärbten Flaschenbürsten. Aber noch fehlen die Wiesen. Leimspray und dann die Beflockung drauf. In einer anderen Ecke stehen Bahnhofgebäude. «Und hier habe ich eine Baustelle begonnen.» Andernorts sieht man erst das Skelett der Anlagen, also Schienen auf Holzbahnen, allesamt befahrbar, aber noch ohne Welt im Massstab 1:45. Zwölf Meter entfernt ein Wendel mit 3,3 Meter Durchmesser, vergleichbar mit einer kreisförmigen Parkhaus-Auffahrt. So kommen die Züge von den Abstellplattformen unter Meereshöhe auf die oberste der Höhenebenen über Meereshöhe. Mit Ausnahme der Metallstützen für den Wendel hat Hablützel alles selber gemacht, meistens aus Abfallholz. X-tausend Stunden haben Hablützel und sein Sohn Rafael, der Elektriker ist, in die Anlage gesteckt. Derzeit läuft alles noch analog, mit einem Regler lässt man mehr oder weniger Strom durch die Gleise fliessen. Eine digitale Steuerung, auch für die über 40 Weichen, könnte ein nächstes Projekt sein. Im Rahmen einer Zusatzausbildung hat sich sein Sohn mit einer derartigen Steuerungsanlage auseinandergesetzt.

Ausrangierte Bähnlerware. (Bild: Andrea Stalder)

Ausrangierte Bähnlerware. (Bild: Andrea Stalder)

«Funktioniert es, ‹alls zäme›?»Diese Frage fasziniert Willy Hablützel – und lange Züge tun dasselbe. Auch schon habe er eine Zugkomposition aus 30 Güterwaggons laufen lassen. Eine Lok am Anfang, eine in der Mitte, eine am Schluss. Und es hat funktioniert, was nicht zuletzt an den hochwertigen Schweizer Maxon-Motoren liegt.

«Der Markt ist komplett zusammengebrochen»

Der 70-Jährige besitzt 60 Elektro-, acht Dampf- und fünf Dieselloks, daneben 150 Personen- und 360 Güterwaggons. Früher kostete eine Lokomotive 2000 bis 4000 Franken. «Aber der Markt ist mittlerweile komplett zusammengebrochen.» Minderwertiges Rollmaterial kommt heute aus Fernost, nimmt zum Teil noch den Umweg über die USA. In Italien zahlt Hablützel 500 Franken für einen Tankwaggon, aber ohne Kupplung und Puffer. Bei einem US-amerikanischen Vertrieb zahlt man für eine komplette sechsteilige Zugkomposition noch 700 Franken.

Eine Welt im Kleinen. (Bild: Andrea Stalder)

Eine Welt im Kleinen. (Bild: Andrea Stalder)

Hablützel, Mitglied im Modelleisenbahnclub Wil, kauft nur noch selten neues Rollmaterial. Zudem hat sein Sohn angefangen, selber Rollmaterial herzustellen. Sowieso hat Willy Hablützel schon fast alles, was er will. Sein liebstes Stück ist der «Muni», eine Lok der ehemaligen Bern-Lötschberg-Simplon-Bahn, die 6000 Franken gekostet hat. Wenn mal noch eine Thurbo-Komposition auf den Markt käme, dann würde er zuschlagen. «Weil man die Thurbos täglich bei uns fahren sieht.»

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