Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

In Eschlikon die Wohnung der Mutter angezündet: Junger Schweizer muss hinter Gitter

Das Bezirksgericht Münchwilen schickt einen Brandstifter ins Gefängnis – und in eine Therapie.
Olaf Kühne
Eingang zum Gerichtssaal des Bezirksgerichts Münchwilen. (Bild: Nana Do Carmo)

Eingang zum Gerichtssaal des Bezirksgerichts Münchwilen. (Bild: Nana Do Carmo)

Der Angeklagte verweigert die Aussage. Auch über sein Verhältnis zu seiner Mutter will er auf Nachfrage des Gerichtspräsidenten nicht sprechen. Dabei hätte der 23-jährige Schweizer wohl viel darüber zu erzählen gehabt, wie es so weit kam, dass er diese Woche vor dem Bezirksgericht Münchwilen stand.

Brandstiftung, lautete die Anklage. Geschehen war die Tat, welche der Beschuldigte einst gestanden hatte, später aber widerrief, an einem Sonntagabend im Juni vergangenen Jahres. Laut der Anklageschrift war der junge Mann alleine in der Eschliker Wohnung seiner Mutter und ihres neuen Mannes. Der Angeklagte selber wohnte nur an einzelnen Tagen dort, mehrheitlich lebte er bei seiner Grossmutter in Winterthur. Dies nicht zuletzt, weil er mit seinem neuen Stiefvater nicht klar kam.

Auch sonst zeichneten der psychiatrische Gutachter und die Verteidigerin alles andere als das Bild einer glücklichen Jugend oder eines geordneten Lebens. Der Vater war Alkoholiker, sass wegen Drogen im Gefängnis und wurde schliesslich ermordet, als der Angeklagte drei Jahre alt war. Später folgten Schulverweise, Aufenthalte in Heimen, Psychiatrien und Jugendgefängnissen. Sechs Vorstrafen, zwei als Jugendlicher und vier als Erwachsener, hat der Mann inzwischen auf dem Kerbholz.

Keine Verletzten durch Wohnungsbrand

Eine weitere Strafe forderte nun der Staatsanwalt: 29 Monate Gefängnis unbedingt. Dafür, dass er vor einem Jahr die Wohnung seiner Mutter in Brand gesetzt haben soll. Das Feuer im obersten Stock eines Eschliker Wohnblocks wurde damals erst nach einer Stunde von einem Passanten bemerkt, doch die Feuerwehr konnte es löschen, bevor jemand verletzt wurde.

«Der Angeklagte ist kein Pyromane, seine Brandstiftung war vielmehr eine situationsbezogene Handlung», sagte der vom Gericht bestellte psychiatrische Gutachter. Er hatte den Mann in den vergangenen fünf Jahren bereits dreimal begutachtet und berichtete weiter: «Die Entwicklungskurve seiner Persönlichkeit verläuft flach, aber sie steigt. Die Wiederholungsgefahr nimmt leicht ab.»

Der Beschuldigte brauche folglich nebst einer Strafe auch eine Massnahme. «Aber keine therapeutische, sondern eine pädagogische. Er muss Überlebenstechniken für diese Gesellschaft lernen.» Allerdings habe er hierfür schon «die gängigen Institutionen der Ostschweiz genutzt».

Die Mutter des Angeklagten hatte wieder geheiratet – einen Mann, der nur ein Jahr älter ist als ihr Sohn. Diese Konstellation führte mit dazu, dass der Mann seinen neuen Stiefvater rundweg ablehnte. Er werde ihn aus der Wohnung verjagen, habe er wiederholt gedroht, führte der Staatsanwalt aus – und er werde «etwas anzünden».

Handyfilm des Feuers an Mutter geschickt

Diese Formulierung sei zu wenig konkret, um sie als Geständnis werten zu können, konterte die Anwältin und bereits dritte Pflichtverteidigerin des Beschuldigten in dieser Sache. Auch den Handyfilm, den der Mann von einem ersten, erfolglosen Anzündeversuch gemacht und gar seiner Mutter geschickt hatte, wollte die Verteidigerin nicht als Beweis gelten lassen.

Der Film zeige nur ein harmloses Feuerchen, nicht den eigentlichen Wohnungsbrand, meinte sie und stellte gar die These in den Raum, auch die Mutter oder der Stiefvater kämen als Brandstifter in Frage. Oder aber: Der neue Mann der Mutter könnten seinen Wohnungsschlüssel einem Dritten gegeben haben, um den missliebigen Stiefsohn zu diskreditieren.

Und weil ihr Mandant sein ursprüngliches Geständnis zurückgezogen habe und es für die Tat keine Zeugen gebe, sei er schlicht freizusprechen und für die Untersuchungshaft mit 93000 Franken zu entschädigen. Davon wollte das Bezirksgericht aber nichts wissen und verurteilte den Mann zu 28 Monaten Gefängnis und einer Therapie.

Damit blieben die Richter einen Monat unter dem Strafantrag des Staatsanwaltes, weil sie im Gegensatz zum Ankläger die einst beim Beschuldigten gefundenen fünf Gramm Kokain nicht als Drogenhandel – ein weiterer Anklagepunkt – werteten, sondern die geringe Menge als Eigenbedarf taxierten.

«Der Frust über einen jungen Stiefvater kann in keinster Weise dazu führen, die Wohnung anzuzünden», sagte der Gerichtspräsident in seiner Urteilsbegründung. Vor allem aber hätten die Resultate der Brandermittlung mit Details des später widerrufenen Geständnisses übereingestimmt. «Wenn jemand wiederholt mit Anzünden droht, und es dann tatsächlich brennt, wüsste ich nicht, weshalb wir das Geständnis nicht in unserer Urteilsfindung verwenden sollten», sagte der Richter weiter.

Der Angeklagte wollte sich auch zum Schluss des Prozesses nicht äussern. Über seine Anwältin liess er aber ausrichten, dass er gegen das Urteil Berufung einlegen werde. «Für das Protokoll», sagte die Verteidigerin.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.