Ein Veteran der Elektromobiliät besucht Steckborn

Der «Tribelhorn» von 1918 ist ein Unikat. Der Elektro-Veteran im Dienste der Mineralquelle Eptingen ist ein Ehrengast am Memorial-Bergrennen vom 22. und 23. September in Steckborn.

Hanspeter Ryser
Drucken
Teilen
Mit Recht stolz auf den 100jährigen Elektrolastwagen sind Elektroingenieur Heinrich Uebelhart (links) und Eptinger-Seniorchef Jörg Buchenhorner. Das Fahrzeug befindet sich nach wie vor in der ersten Hand. (Bilder: Hanspeter Ryser)

Mit Recht stolz auf den 100jährigen Elektrolastwagen sind Elektroingenieur Heinrich Uebelhart (links) und Eptinger-Seniorchef Jörg Buchenhorner. Das Fahrzeug befindet sich nach wie vor in der ersten Hand. (Bilder: Hanspeter Ryser)

Wenn am Wochenende vom 22./23. September die historischen Rennsportwagen die Bergstrecke von Steckborn ins Eichhölzli hochjagen, bewegt sich ein exotisches Gefährt gemütlich durch das Städtchen und lässt die Besucher staunen. Der Tribelhorn-Lastwagen mit Jahrgang 1918 fällt nicht nur durch die Bauweise seiner Führerkabine auf, sondern vor allem durch seinen Antrieb: Was da auf vollgummibereiften Holzspeichenrädern gemächlich mit maximal zehn Kilometern pro Stunde daherrollt, wird mit 100 Volt Gleichstrom aus konventionellen Bleibatterien angetrieben. Wohl fehlt das Motorgeräusch, doch der robuste Kettenantrieb sorgt für eine kernige akustische Wahrnehmung des Veteranen.

Setzt sich Strom-, Benzin- oder Dampfantrieb durch?

Wer überrascht ist, dass schon vor 100 Jahren Elektrofahrzeuge auf unseren Strassen rollten, der sollte zur Kenntnis nehmen, dass damals ein munterer Wettbewerb zwischen dampfbetriebenen, elektrischen und benzinbefeuerten Automobilen herrschte – und dass keineswegs entschieden war, welche Antriebstechnik sich durchsetzen würde. Nicht verwunderlich also, dass die Zürcher Firma Tribelhorn ihre Elektrofahrzeuge erfolgreich vermarkten konnte. Dies endete jedoch anfangs der Zwanzigerjahre abrupt – nicht allein aufgrund der beschränkten Reichweite der Elektrowagen, sondern vor allem auch dank zur damaligen Zeit entscheidender technischer wie ökonomischer Vorteile des Verbrennungsmotors.

Bis 1982 ist der Elektrolastwagen in Betrieb

Die Mineralquelle Eptinger AG, in vierter Generation geleitet von Matthias Buchenhorner, hält auch im Bereich ihres Fuhrparks die Tradition aufrecht. In den frühen Jahren der 1899 gegründeten Firma «Brunnenverwaltung Eptingen» war der Transport des in Flaschen abgefüllten Mineralwassers von der Quelle in Bad Eptingen zum Bahnhof in Sissach mit Ross und Wagen zu bewältigen. Doch schon bald befasste sich die Unternehmensleitung mit zeitgemässeren Verkehrsmitteln zur Bewältigung der rund zehn Kilometer langen Transportstrecke. Und so kam es, dass die Elektrolastwagen der Marke Tribelhorn ihren Dienst aufnahmen. Einer davon mit der Chassisnummer 355 leistete bis 1982 Dienst und fährt noch heute als sichtbares Symbol für die Aufgeschlossenheit der Firma.

Seit Mai 2011 ist das historische Elektrofahrzeug wieder vorgeführt und für den Strassenverkehr zugelassen.

Seit Mai 2011 ist das historische Elektrofahrzeug wieder vorgeführt und für den Strassenverkehr zugelassen.

Seniorchef Jörg Buchenhorner ist es wohl zu verdanken, dass der hundertjährige Tribelhorn-Lastwagen heute noch fährt. Sein Sinn für Tradition schlägt sich auch in der Erhaltung von Werten nieder, die kulturhistorische Bedeutung haben. Dazu gehört neben anderen technischen Sammlerstücken eben vor allem der Tribelhorn mitsamt seiner historischen Ladestation.

Ein Elektroingenieur verliebt sich ins Tribelhörnli

In einer Art Liebe auf den ersten Blick fanden sich dann auch der historische E-Lastwagen und Heinrich Uebelhart: Hier das betagte Elektrofahrzeug, das in den 1990er-Jahren reparaturbedürftig wurde, und dort der begeisterte Elektroingenieur, den die einfache, aber nach wie vor funktionierende Technik von 1918 faszinierte. Vom Virus gepackt, widmete sich Uebelhart seither dem «Tribelhörnli», wie er das mit 4,5 Tonnen schwere Vehikel liebevoll nennt. Beeindruckt ist er aber auch von der originalen Ladestation, der letzten funktionierenden ihrer Art. Ein Wechselstrom-Elektromotor treibt einen Gleichstrom-Dynamo an, der die Bleiakkus direkt im Fahrzeug auflädt. Diese Ladestation ist funktionsfähig und wird regelmässig zum Aufladen der Batterien benutzt. Und ein weiteres Detail: Neue Bleiakkumulatoren sind in den Abmessungen noch exakt so gehalten wie 1918, was bedeutet, dass diese ohne Probleme ersetzt werden können.

Erst der dritte neue Satz Akkus in hundert Jahren

Allerdings war der Ersatz der Akkus gemäss Logbuch erst zweimal nötig! Heinrich Uebelhart hat für das Nachfüllen der Bleiakkus ein einfaches, aber effizientes Schlauchsystem konstruiert, welches das knifflige Herausnehmen der Batterien erübrigt. Im September 1989 wurde die Führerkabine nach Originalplänen neu aufgebaut; im September 1990 erfolgten diverse elektrische Neuinstallationen, und im Mai 2011 konnte das Fahrzeug der Motorfahrzeugkontrolle vorgeführt werden. Die Abnahme war kein Problem. Und somit zirkuliert Uebelhart mit dem 1918er-Tribelhorn fröhlich auch auf öffentlichen Strassen. Er bringt mit diesem Fahrzeug nicht nur Müsterchen des Eptinger Mineralwassers ans Bergrennen, sondern auch ein funktionierendes Muster der Elektrotechnologie für Automobile, die vor 100 Jahren bereits aktuell war.

Der Autor ist Mitglied des OK des Memorial-Bergrennens.

Grossaufgebot von Automobil-Klassikern in Steckborn

Gegen 300 historische Fahrzeuge erwarten die Organisatoren am Memorial Bergrennen Steckborn-Eichhölzli am 22. und 23. September. Darunter hat es auch einige Legenden aus der Rennsportgeschichte
Stefan Hilzinger