Kommentar

Medikamententests in Münsterlingen: Ein Urteil zu fällen, bleibt schwierig

Ein Buch zeigt auf, in welch grossem Stil Roland Kuhn nicht zugelassene Medikamente in Münsterlingen an ahnungslosen Patienten testete. Um Kuhns Forschung abschliessend beurteilen zu können, muss sie in den Zusammenhang ihrer Zeit gestellt werden. Das macht es heute so schwierig.

Silvan Meile
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Silvan Meile, Redaktor.

Silvan Meile, Redaktor. 

Berichte von Opfern der Medikamententests in der psychiatrischen Klinik Münsterlingen schreckten vor einigen Jahren weit über den Thurgau auf. Diesmal hat der Kanton auf einen Skandal richtig reagiert.

Dem Forschungsteam ist mit «Testfall Münsterlingen» eine äusserst sorgfältige Aufarbeitung eines Kapitels der Psychiatriegeschichte gelungen. Einerseits dreht sie sich um einen Psychiater, der mithalf, dass Behandlungen mit Elektroschocks der Vergangenheit angehörten. Anderseits wirkt seine Methode zur Erforschung neuer Medikamente ab einem gewissen Zeitpunkt fragwürdig, weil sie nicht mehr zeitgemäss ist und wissenschaftliche Standards missachtet.

Doch das Buch verzichtet auf ein Urteil. Ein solches ist auch schwierig zu fällen, weil der Fall nur beschränkt für sich alleine betrachtet werden kann. Um Kuhns Forschung abschliessend beurteilen zu können, muss sie in den Zusammenhang ihrer Zeit gestellt werden. Das macht es heute so schwierig. Dafür bräuchte es auch Vergleiche mit anderen Kliniken. So viel kann «Testfall Münsterlingen» aber in diesem grösstenteils unerforschten Feld nicht bieten.

Der Thurgau hat nun aber mit dieser Forschungsarbeit einen wichtigen Grundstein gelegt, um dereinst tatsächlich über die Machenschaften von Roland Kuhn urteilen zu können. Denn diese Arbeit gewinnt nochmals an Wert, wenn das Kapitel Medikamentenversuche in Schweizer Psychiatrien besser erforscht ist.