Thurgauer wird von seiner Vergangenheit eingeholt: «Für Heroin gibt es keine Verjährung»

Ein gebürtiger Thurgauer wird 15 Jahre nach seiner Drogensucht mit der Vergangenheit konfrontiert. Er darf nur Auto fahren, wenn er sich regelmässigen Kontrollen und einer Suchttherapie unterzieht. Wer betrunken einen Unfall baut, hat weniger Probleme, sagt er.

Ida Sandl
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Mit den Drogen hatte der Thurgauer längst abgeschlossen, doch dann fing der Albtraum an. (Bild: Getty)

Mit den Drogen hatte der Thurgauer längst abgeschlossen, doch dann fing der Albtraum an. (Bild: Getty)

Urs B.* hat es nicht für möglich gehalten, dass seine Vergangenheit ihn einholen könnte. 55 Jahre alt ist der gebürtige Thurgauer und mittlerweile ein anderer Mensch. Mit dem dunklen Kapitel von damals hat er abgeschlossen. Dachte er zumindest. Dann kam der Brief des Strassenverkehrsamtes St. Gallen: Er müsse zur Kontrolluntersuchung. So fing der Albtraum an.

Urs B. hat nichts verbrochen. Er liess sich nur im Spital testen. Seiner Partnerin war aufgefallen, dass beim Schnarchen sein Atem öfters kurz aussetzt. Schlafapnoe stellten die Ärzte fest. Auf der Suche nach einer Ursache, forschten sie in der Vergangenheit und stiessen auf Heroin.  
Urs B. war längere Zeit drogensüchtig. Das Heroin war ein Mitbringsel aus seinen ausgedehnten Fernost-Reisen. «Eigentlich ist es ein Wunder, das ich überlebt habe», sagt er heute. Sein Glück sei gewesen, dass er stets gearbeitet habe. «Selbst mit Heroin habe ich ein geregeltes Leben geführt.»

Ein «unklares Resultat» kostet ihn den Ausweis


Seit mehr als 15 Jahren ist Urs B. clean. Er hat Karriere gemacht, verdient gut, lebt in einer glücklichen Beziehung. Ab und zu ein Glas Wein ist alles, was er sich an Suchtmitteln gönnt.
Die Ergebnisse der ärztlichen Untersuchung gehen ans Strassenverkehrsamt, das ein verkehrsmedizinisches Gutachten fordert. Es kommt zum gleichen Schluss wie die Ärzte: Schlafapnoe.

Urs B. bekommt die Auflage, sich regelmässig untersuchen zu lassen. Er will wissen, wie schlimm es um ihn steht. Freiwillig meldet er sich beim Schlaflabor in Münsterlingen an. Der Befund ist besser als erwartet, Urs B. hat keine Atem-Aussetzer. Nach ein paar Monaten ist die nächste verkehrsmedizinische Kontrolle fällig. Diesmal hat Urs B. Pech. Sie bringt ein «unklares Resultat». Das heisst: in drei Monaten erneute Untersuchung. Bis dahin wird ihm der Führerausweis «vorsorglich» entzogen. Urs B. ist auf das Auto angewiesen, er wohnt in einer Ecke des Kantons St. Gallen, an der kein Zug hält. Der vorsorgliche Entzug schränkt ihn ein. Den Arbeitskollegen erzählt er, er sei betrunken am Steuer erwischt worden.

Was zum unklaren Resultat geführt hat, weiss Urs B. bis heute nicht. Drogen könnten es jedenfalls nicht gewesen sein, die habe er seit mehr als zehn Jahren nicht mehr genommen. Bei der Nachuntersuchung ist der Befund wieder in Ordnung. Er erhält seinen Fahrausweis zwar zurück, aber nur mit Auflagen. Konkret muss er regelmässig zur Kontrolle und – wegen seiner Vorgeschichte – zur Therapie bei einer Suchtberatung. Das Kapitel seines Lebens, das er längst geschlossen hatte, ist wieder offen.

Er legt sich Ausreden zurecht, falls er Bekannte treffen sollte


Jedes Mal, wenn Urs B. zur Suchtberatung geht, legt er sich Ausreden zurecht, falls er Bekannte treffen sollte. Er fühlt sich gepiesackt. «Ich habe nichts verbrochen und muss ständig meine Unschuld beweisen.» Die Sache geht ins Geld. Eine Untersuchung kostet um die 800 Franken, die er selber bezahlen muss. Da ist auch die Angst vor einem erneuten «unklaren Resultat» plus Entzug des Fahrausweises. «Man konnte mir keinen Grund dafür nennen, also kann es jederzeit wieder passieren.»

Die Details des Falles kennt Kurt Häne, Abteilungsleiter beim Strassenverkehrsamt St. Gallen, nicht. Er geht davon aus, dass Zweifel an der Fahreignung bestehen, die verkehrsmedizinisch abgeklärt werden müssen. Es gebe dann ein Gutachten, in dem steht, ob die Fahreignung gegeben ist oder nicht. «Das Gutachten gibt auch darüber Auskunft, unter welchen Bedingungen oder Auflagen der Führerausweis wieder erteilt werden kann.»

Bei Drogen gilt Nulltoleranz


Was Urs B. am meisten ärgert, ist der Unterschied, der zwischen Alkohol und Drogen gemacht wird: «Selbst wer betrunken am Steuer jemanden verletzt, bekommt weniger Auflagen als einer, der keinen Unfall gebaut, aber irgendwann einmal Drogen genommen hat.»
Zwischen Alkohol und Drogen gibt es einen grossen Unterschied, sagt dazu der Wiler Rechtsanwalt Markus Büchi. Er kennt das Problem aus seiner Arbeit. «Alkohol ist erlaubt, die übrigen Betäubungsmittel sind es nicht.» Anders als bei Alkohol gelte bei Drogen Null-Toleranz.

Man muss sich entscheiden: Entweder Autofahren oder Kiffen


Besonders hart trifft das Kiffer: Werden im Blut 1,5 Mikrogramm THC pro Liter nachgewiesen, dann gelte jemand als fahrunfähig, auch wenn er das faktisch gar nicht sei. Sven Schendekehl ist Vorstandsmitglied beim Verein Legalize it, der sich für die Legalisierung von Cannabis einsetzt. Er sagt, dieser Wert könne auch Tage nach dem letzten Joint noch übertroffen werden. Schendekehls Fazit: «Man muss sich entscheiden: Entweder Autofahren oder Kiffen.»

Ernst Fröhlich, Leiter Massnahmen beim Thurgauer Strassenverkehrsamt, erklärt das so: Bei Drogen gebe es keinen Grenzwert. «Werden bei einem Autofahrer Drogenspuren nachgewiesen, dann gilt er als nicht fahrgeeignet.» Das heisst, ein Arzt oder ein Verkehrspsychologe muss feststellen, dass keine Abhängigkeit besteht. Kostenpunkt: etwa 1500 Franken. Bei Alkohol läuft diese Maschinerie erst bei 1,6 Promille an. Das entspreche in etwa acht Gläsern Wein, sagt Fröhlich. Erst wenn jemand so viel getrunken hat und immer noch Auto fährt, geht man von einem Alkohol-Problem aus.

Bei Urs B. bleibt ein mulmiges Gefühl. Seine Vorgeschichte in Verbindung mit der Schlafapnoe seien Grund genug für die Behörden, ihn im Auge zu behalten, hat ihm sein Anwalt gesagt. Der Rat, den er Urs B. erteilt hat: Sich damit abfinden und in keinster Weise provozieren.

* Name geändert

Sehr viel mehr Alkoholsünder

Auf den Thurgauer Strassen fahren ungleich mehr Menschen Auto, die zu tief ins Glas geschaut haben, als nach Konsum von Betäubungsmitteln. Dies belegt die Statistik der Kantonspolizei von 2017. Bei Verkehrskontrollen wurden 189 Lenker mit 0,5 bis 0,79 Promille Alkohol erwischt. Bei 306 Lenkern waren es sogar mehr als 0,8 Promille. Dagegen wurden nur bei 117 Fahrern Rückstände von Betäubungsmitteln oder Medikamenten festgestellt. Die Zahlen beziehen sich nur auf Kontrollen. Unfälle unter Alkohol- oder Drogeneinfluss sind nicht mitgerechnet. (san)