Ein sicherer Hafen in Frauenfeld

Die sozialpädagogische Pflegefamilie und Lebensgemeinschaft im Speicher in Frauenfeld will ihr Angebot erweitern. Geplant ist ein Haus für Mütter in problematischen Situationen und ihre Kinder.

Rahel Haag
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Christine Schneider zwischen den Bauvisieren: Hier soll das Mu-Ki Haus entstehen, im Hintergrund ist die Villa zu sehen. (Bild: Andrea Stalder)

Christine Schneider zwischen den Bauvisieren: Hier soll das Mu-Ki Haus entstehen, im Hintergrund ist die Villa zu sehen. (Bild: Andrea Stalder)

Die Pflegekinder sind unterwegs. Christine Schneider sitzt an einem grossen Tisch im Aufenthaltsraum der Villa. Über dem Fenster hängen selbst gebastelte Girlanden, ein Mädchen feiert heute Abend seinen Geburtstag. Auf dem Wachstischtuch liegen einzelne, orangefarbene Konfetti. Im bunten Muster gehen sie beinahe unter. Hier, an der Speicherstrasse 21, hat Christine Schneider mit ihrem Mann Andreas die sechs gemeinsamen Kinder grossgezogen.

«Wir haben unser Wohnhaus zum Kinderheim gemacht»

sagt sie und blickt aus dem Fenster. Angefangen hat es vor 30 Jahren. Seither haben Schneiders immer wieder Pflegekinder bei sich aufgenommen. Daraus entstand die Institution sozialpädagogische Pflegefamilie und Lebensgemeinschaft im Speicher, kurz SPLIS. 2012 gründete Christine Schneider einen Trägerverein für die Institution, die seitdem stetig gewachsen ist.

SPLIS bietet vier verschiedene Betreuungsformen an

Aktuell betreut die sozialpädagogische Pflegefamilie und Lebensgemeinschaft im Speicher (SPLIS) insgesamt 17 Kinder und Jugendliche. Die Institution, die insgesamt 21 Angestellte zählt, bietet Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in schwierigen Lebenssituationen ein betreutes oder begleitetes Wohnen mit individueller Förderung.

Hinzu kommen eine Mutter-Kind Betreuung sowie eine psychologische Beratung und Begleitung für Probleme im konkreten Familienalltag. Der Betrieb läuft 365 Tage im Jahr während 24 Stunden. Nebst der Villa an der Speicherstrasse 21 betreibt die Institution ein Jugendhaus an derselben Adresse sowie eine externe Jugend-WG. (rha)

Wer finanziert das «goldene Gras»?

Nun steht ein letzter Wachstumsschub an. Bis und mit Montag, 18. März, lag das Baugesuch für ein Wohnhaus mit zehn Zimmern öffentlich auf.

«Wir haben vermehrt Anfragen von Schwangeren und Müttern in problematischen Situationen erhalten»

sagt Schneider. Deshalb soll nun hinter der Villa ein Mutter-Kind (Mu-Ki) Haus entstehen. Gleichzeitig hätten sie auf der grossen Parzelle, die Schneiders gehört, Platz gehabt für einen Neubau. Schneider spricht von «goldenem Gras».

Sie hätten sich überlegen müssen, wie man das brachliegende Bauland finanzieren kann. Eine Möglichkeit wäre gewesen, das Land zu verkaufen. «Dann wäre es aber ohnehin überbaut worden», sagt Schneider. Nun sei die Idee, etwas Eigenes zu machen, das selbsttragend sei.

Geplant sind nun vier Wohneinheiten, bestehend aus zwei Zimmern, die über eine Nasszelle miteinander verbunden sind. Im einen Zimmer könnte die Mutter, im anderen das Kind unterkommen. Zudem ist ein Essraum sowie ein Spielzimmer geplant. Grösser soll die Institution nicht mehr werden. «Jetzt ist es bei uns noch familiär», sagt Schneider, «würden wir uns weiter vergrössern, ginge das verloren.» Unpersönlich werden, das will die 57-Jährige auf keinen Fall.

«Abgesehen davon, haben wir danach auch keinen Platz mehr.»

Das Ziel des Mu-Ki Hauses sei, die Mütter vorwärts zu bringen. SPLIS wolle in schwierigen Situationen stabilisieren und die Mütter zur Erziehung befähigen. «Bei uns können sie üben, wie es ist, Mami zu sein.» Gleichzeitig könnten junge Mütter ohne Ausbildung unterstützt werden. Diese können sie nachholen und gleichzeitig sicher sein, dass ihr Kind gut versorgt ist.

Keine Unterstützung der öffentlichen Hand

Wenn alles glatt läuft, soll bereits im April gebaut werden. Im Dezember soll es bezugsbereit sein. Das sei ein ambitionierter Plan, sagt Schneider. «Ob es klappt, kann ich nicht sagen.»

Die Institution erhält für das Projekt keine finanzielle Unterstützung der öffentlichen Hand. Der Bau kostet rund 1,37 Millionen Franken. «Alles in allem rechnen wir mit Kosten von rund zwei Millionen», sagt Schneider. Wie bereits der Bau des Jugendhauses vor gut fünf Jahren wird das Mu-Ki Haus privat finanziert. Zusätzlich seien sie auf Spenden angewiesen.

Manchmal bekomme sie von Aussenstehenden zu hören: «Ihr seid ja reich genug.» Sie sähen nur die grosse Villa.

«Wir verdienen uns keine goldene Nase»

sagt Schneider. Drei Viertel der Einnahmen, gebe die Institution für Löhne aus, ein Viertel für den allgemeinen Bedarf wie Essen, Kleidung und Hygieneartikel. «Ein Velo, eine Zahnspange oder ein Besuch im Zirkus müssen wir über Spenden finanzieren.» Dinge, die für andere selbstverständlich seien.

Die Welt für die Kinder erhalten

Am 31. März stellt sich Christine Schneider für die Grünen für den Gemeinderat zur Wahl. «Ich bin aber eigentlich kein politischer Mensch.» Sie wolle sich einfach dafür einsetzen, die Welt für die Kinder zu erhalten. «Für mich ist es die logische Konsequenz.»

Plötzlich kommt wieder Leben ins Haus, die Pflegekinder sind zurück. Gleichzeitig bringt eine junge Mutter ihre beiden Kinder, einen Buben und ein Mädchen, vorbei. Die beiden klettern auf Christine Schneiders Schoss. Die Mami komme in drei Tagen wieder, sagt die Frau nach dem innigen Abschied. Und an Christine Schneider gewandt: «Du passt gut auf meine Kinder auf, gell.» Schneider nickt.

Ein Haus für sieben Kinder

FRAUENFELD. Christine Schneider gibt in der sozialpädagogischen Pflegefamilie im Speicher jungen Menschen Zuwendung, einen geregelten Alltag und Strukturen. Dazu braucht es Engagement und Platz. Darum baut die Familie ein Fertighaus.
Christine Luley