Eine Schottin aus Münchwilen referiert an der Kantonsbibliothek in Frauenfeld

Die Autorin Regi Claire alias Regula Staub hat in der Kantonsbibliothek zu einem Textworkshop eingeladen. Für die Besucher erforderlich waren gute Englischkenntnisse, damit die Analyse und Interpretation einer Kurzgeschichte erarbeitet werden konnte.

Désirée Wenger
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Blick in die Kantonsbibliothek in Frauenfeld. (Bild: Reto Martin)

Blick in die Kantonsbibliothek in Frauenfeld. (Bild: Reto Martin)

Es duftete nach Kaffee. Stimmen mischten sich in der Cafeteria der Kantonsbibliothek. Fröhliche «Hello!» und «How are you?» machten die Runde, und schon bald setzten sich die Workshop-Teilnehmer an die Arbeit.

Am Mittwochabend lud die Thurgauer Kantonsbibliothek zum Literaturworkshop mit der Autorin Regi Claire. Gute Englischkenntnisse waren die Voraussetzung, damit die Analyse und Interpretation einer Kurzgeschichte – das Genre «Short Story» ist die literarische Kunstform par excellence in den USA – im Rahmen des Workshops erarbeitet werden konnte.

Kaffee, Wasser und Gebäck

Patrizia de Francesco, die den Abend mit Autorin Regi Claire organisiert hatte, begrüsste alle – natürlich auf Englisch. «Coffee and water for everyone» und dazu ein leckeres Gebäck, das Claire eigens aus Schottland mitgebracht hatte, wo sie schon seit Jahrzehnten mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Ron Butlin, lebt.

Regi Claire alias Regula Staub, Autorin. (Bild: PD)

Regi Claire alias Regula Staub, Autorin. (Bild: PD)

Regi Claire, geboren als Regula Staub, wuchs in Münchwilen auf, besuchte die Kantonsschule Frauenfeld und studierte anschliessend in Zürich Englisch und Deutsch. Nachdem sie ihren ersten Preis für eine Kurzgeschichte in Schottland gewonnen hatte, widmete sie sich ganz dem Schreiben – auf Englisch – und hat seither zwei Sammlungen mit Kurzgeschichten sowie zwei Romane veröffentlicht. Die Autorin meint:

«Es ist die grosse Bandbreite an möglichen Interpretationen von Texten, die mir in Workshops viel Freude bereitet.»

Sie wollte aber nicht ihre eigenen Werke analysieren, sondern brachte der sichtlich motivierten Teilnehmergruppe eine Kurzgeschichte des amerikanischen Autors John Updike mit. «A&P», 1961 veröffentlicht, ist eine seiner bekanntesten «Short Stories». Zuerst hörte die Gruppe die Geschichte ab Band, währenddessen notierten die Teilnehmenden Gedanken und Fragen.

Der Text ist frauenfeindlich, da waren sich alle einig

In einer angeregten Runde wurden die einzelnen Aspekte der Geschichte beleuchtet und hinterfragt. Wer ist der Sprecher? Wer der Erzähler? Wessen Stimme hört man hier eigentlich und was ist der Ton der Geschichte? In welchem Verhältnis stehen Textzeit, also die Zeit, welche es braucht, den Text zu lesen, und die Zeit, in der die Geschichte abspielt?

Worte wurden erklärt und Symbole gedeutet. Es sei die Mannigfaltigkeit der Interpretationsmöglichkeiten, welche Regi Claire so viel Freude an ihren Workshops bereitet. Nur in einem Punkt waren sich alle einig: 

«Die Story ist frauenfeindlich. Aber was erwartet man von einer Geschichte aus dem Jahr 1961.»

«Vom Schreiben alleine kann man nicht leben», sagte Regi Claire nach dem Workshop, während sie Bücher signierte und mit Widmungen versah. Deshalb unterrichte sie seit Jahren Workshops, Kurse für kreatives Schreiben, mache Lesungen und leite eine «Reading Round», ein Programm des Royal Literary Fund, in dem Literaturinteressierte geführte Lesezirkel mit Autoren besuchen können.

Solche Lesezirkel bietet Regi Claire auch heute in Schottland an. Die Teilnehmer freuten sich bereits auf den Moment, wenn Regi Claire das nächste Mal zu Gast ist. «Bis dahin wollen wir Regis Bücher lesen und gemeinsam besprechen.»

In Frauenfeld dreht sich alles um Heimat

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Evi Biedermann