Ein Saurer versauert in Müllheim am Waldrand

Die Bürgergemeinde Müllheim hockt auf einem widerrechtlich abgestellten Lastwagen. Nun wird er demnächst abgeschleppt.

Stefan Hilzinger
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Bürgerpräsident Christoph Haeberlin begutachtet den Saurer.
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Spuren von Steinwürfen an der Frontscheibe.
Das Betriebshandbuch weist den Saurer als Typ D290 aus.
Scherben in der Fahrerkabine.

Bürgerpräsident Christoph Haeberlin begutachtet den Saurer.

(Bilder: Donato Caspari)

Christoph Haeberlin wäre die Sache gerne los. Der Präsident der Bürgergemeinde Müllheim steht auf einem Parkplatz am Waldrand oberhalb des Dorfs vor der «Sache»: einem bald 40-jährigen Lastwagen der Marke Saurer.

Die Zeit am Waldrand blieb nicht ohne Spuren. Eine Seitenscheibe ist eingeschlagen. Splitter liegen auf dem Boden. Die Frontscheibe zeigt Spuren von Steinwürfen. Auf einem Zettel hinter der Scheibe steht «Gratis mitzunehmen». Nummernschilder hat’s keine mehr am Fahrzeug. Der Schriftzug über der Fahrerkabine weist auf den Besitzer hin. Auf der Pritsche liegt allerhand Material.

Wie lang der Lastwagen schon dort abgestellt ist, weiss der Bürgerpräsident nicht genau. «Wohl schon ein Dreivierteljahr», sagt er. Er habe ihn anlässlich eines Sonntagsspaziergangs entdeckt. Der Dieseltank ist mit einem Lappen notdürftig verschlossen. Haeberlin fragt sich:

«Wer weiss, ob die Gelte noch dicht ist.».

Das Amt für Umwelt habe sich schon ein Bild von der Sache gemacht, sagt er. Nicht nur das Amt für Umwelt interessiert sich für das Fahrzeug, sondern auch die Thurgauer Staatsanwaltschaft. Deren Sprecher, Oberstaatsanwalt Marco Breu, sagt:

«Es ist verboten, nicht eingelöste Fahrzeuge auf öffentlichem Grund abzustellen.»

Nach Ermittlungen durch die Polizei seien gegen den Halter Strafbefehle ergangen, diese seien allerdings bis heute noch nicht rechtskräftig, sagt Breu.

Einer der letzten seiner Art

1983 fertigte Saurer in Arbon die letzten zivilen Lastwagen. Der bei Müllheim abgestellte LKW ist laut zerfleddertem Betriebshandbuch vom Typ D290. Laut Cornel Suhner, Aktuar des Saurer-Museums in Arbon, fällt die Produktion solcher Lastwagen in die Jahre 1980 bis 1983. Es handle sich um einen 18-Tonnen-2-Achs-Frontlenker mit Sechszylinder Turbodieselmotor. «Es ist ein damals weitverbreiteter Überlandlastwagen, noch in der damaligen Schweizer Baubreite von 2,3 Metern.» Auf der Fotografie des besagten Saurer könne er keinen Rost an der Kabine entdecken. «Vermutlich war die Kabine standardmässig schon verzinkt», sagt Suhner. Ein Inserat auf einer Versteigerungsplattform hätte wahrscheinlich noch ein paar Franken eingebracht. Das wäre besser gewesen, als das Fahrzeug einfach so dem Schicksal zu überlassen. Als Lieferant für Ersatzteile könne das Fahrzeug aber immer noch dienen. (hil)

Während die strafrechtliche Seite der Sache ihren geordneten Gang geht, war die privatrechtliche Seite lange fraglich. Nämlich die Frage, was kann die Bürgergemeinde unternehmen, um den Saurer von ihrem Grundstück wieder wegzubekommen? Einfach abschleppen und verwerten ist nicht ohne weiteres erlaubt, weil man sich dadurch möglicherweise strafbar macht.

Die frohe Botschaft kommt vom Abfallinspektor

Auf einem ersten am Saurer angebrachten Zettel stellte der Besitzer noch in Aussicht, dass er den LKW abholen werde. Anrufe auf der dort genannten Handynummer bleiben mittlerweile unbeantwortet. «Da meldet sich niemand mehr», sagt der Thurgauer Abfallinspektor Rolf Kreis vom Amt für Umwelt, der seit längerem in Kontakt mit dem Eigentümer steht. Kreis kann den Müllheimern nun kurz vor Weihnachten eine frohe Botschaft überbringen. «Der Lastwagen wird demnächst abgeholt», sagt er.

Kreis erwartet in diesen Tagen eine schriftliche Bestätigung des Besitzers, wonach er auf Ansprüche verzichte. Er habe verhandeln müssen, weil der Besitzer anfänglich noch Geld für den Saurer sehen wollte. Das Fahrzeug ist mittlerweile als Abfall taxiert, und Kreis kann ihn verschenken:

«Ich habe zwei Interessenten gefunden, die das Fahrzeug auf eigene Kosten abholen wollen.»

So koste die Sache den Steuerzahler nun keinen Franken. Es wäre richtig teuer geworden, das Teil abtransportieren zu lassen. Er habe immer wieder mit solchen Hinterlassenschaften zu tun. «Und da gibt es durchaus noch extremere Fälle», sagt Kreis. Nun darf sich Bürgerpräsident Haeberlin darüber freuen, das ungebetene Geschenk noch vor Weihnachten wieder loszuwerden.