Ein Saulärm im Stall zu Bethlehem

Räbeblatt: Alle kennen die Weihnachtsgeschichte, doch nicht nur vom Jesuskind könnte man berichten. Hier eine Version mit einer anderen Perspektive auf das Geschehen der Dinge.

Sabrina Bächi
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Die Weihnachtsgeschichte aus Sicht des Esels.

Die Weihnachtsgeschichte aus Sicht des Esels.

Bild: PD

Grün waren die Wiesen, saftig das Gras, ruhig das Leben und nun das: Seit Tagen trotte ich neben meinem Menschen, er nennt sich Josef. Was für ein seltsamer Name. Mich ruft er ständig «Esel!» – bescheuert. Nun denn, wir laufen also seit gefühlten zehn Tagen durch das Land. Auf mir die Schwangere. Ständig meckert sie über Schmerzen im Rücken, als ob mir die Hufe nicht auch schmerzen würden. Vor allem da ich ein so kugelrunder Mensch auf mir tragen muss.

Endlich ist das Ziel in Sicht: Bethlehem. Schon beim Eintritt durch die Stadtmauern fällt mir auf: hier stinkt’s. Kühe, Schweine, Ochsen und Esel; alle hinterlassen ihren Dreck in den Gassen. Auf der Wiese ist das nicht so tragisch, aber in der grossen Stadt stinkt es grausig. Warum das wohl die Menschen nicht stört? Vergeblich suchen wir Unterkunft. Wer uns sieht, schüttelt nur den Kopf. Niemand will den beiden Menschen einen Schlafplatz anbieten.

Am Ende müssen die beiden Menschen bei mir im Stall übernachten. Genügend Stroh hat es ja, aber das Heu müffelt etwas. Widerwillig schlinge ich es hinunter. Dann das Geschrei. Die Runde wimmert, schreit und kreischt schon die halbe Nacht. Ob ich mal zurück schreien soll? «Ih-Aaaa!» So, jetzt sollte sie wissen, dass ich bei dem Krach nicht schlafen kann.

Am Ende kreischt sie nicht mehr, dafür schreit das nackte Bündel in ihrem Schoss. Ich linse zum Ochsen rüber. Ihn scheint es nicht sonderlich zu interessieren. Gemütlich kaut er auf einem Grasstängel herum. Und jetzt das noch: Ich protestiere, aber es nützt nichts. Meine Futterkrippe wird einfach für den kleinen Schreihals benutzt! Und wie soll ich jetzt mein Heu fressen? Etwa vom dreckigen Stallboden? Also für mich ist diese Reise ein Reinfall.

Sabrina Bächi, Leiterin Ressort Weinfelden.

Sabrina Bächi, Leiterin Ressort Weinfelden.

Bild: Andrea Stalder

Mürrisch lege ich mich hin. An eine ruhige Nacht ist nicht zu denken. Irgendwoher kommt schriller Gesang. «Frieden auf Erden», singen sie. Ich hätte lieber Frieden im Stall. Der Saulärm hält mich vom Schlafen ab. Auch in den folgenden Tagen wirds nicht besser. Der reinste Menschenauflauf. Alle kommen sie, um das kleine Bündel – das in MEINER Krippe liegt! – zu betrachten. Hach, ich freue mich auf die grünen Wiesen und das saftige Gras. Ferien in der Grossstadt sind nichts für mich.

Der Esel von Nazareth
alias Sabrina Bächi

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